«Wir heissen Radiohead»

Die eigenwilligen Engländer gaben zum 40. Jubiläum des Open Airs St. Gallen unter widrigen Umständen ein anspruchsvolles Konzert.

Verschwommenes Pathos: Thom Yorke am Open Air St. Gallen, 2. Juli 2016.

Verschwommenes Pathos: Thom Yorke am Open Air St. Gallen, 2. Juli 2016. Bild: Keystone

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Sind sie die Richtigen für einen solchen Abend? Wir können Aufmunterung gebrauchen, hier unten im Sittertobel von St. Gallen. Es regnet den ganzen Tag, es schifft, es tropft, es nieselt, es schüttet, es klatscht. Es gluckst und spritzt, wohin man tritt. Das Gelände ist braun verschlammt, die Leute tragen Plastik und Regenschirm und Stiefel, und jedesmal, wenn man den Wetterbericht konsultiert, wird die Niederschlagsmenge nach oben korrigiert. Die Eskimos haben viele Wörter für Schnee, die Amerikaner für Geld. Die St. Galler haben an diesem grauen, kalten Samstagabend ihr Regenvokabular stark erweitert.

Und dazu sollen Radiohead den Soundtrack liefern? Die ehemaligen Schüler aus dem englischen Abingdon sind nicht für Gefälligkeiten bekannt. Sie werden von ihrem Sänger Thom Yorke angeführt, der weder Humor noch Lockerheit zu seinen Stärken zählt. Seine Stimme neigt in den hohen Lagen zum Quengeln, seine Texte bleiben obskur, er ist introvertiert und neurotisch. Als wäre das nicht belastend genug, hat Yorke seine Beziehung verloren. Auf «A Moon Shaped Pool», dem neunten Album der Band, dominiert seine Laune das Material. Die Platte wurde von der Kritik reflexartig zum Meisterwerk hochgeschrieben, etwas vorschnell, kommt einem beim Hören vor, denn zu viele Stücke gleichen sich. Monotonie und Tiefe sind keine Synonyme.

Suboptimal, die Ausgangslage

So steht man im Morast und registriert eine stetig sinkende Hoffnung auf ein grosses Konzert, wie Radiohead es vor vier Jahren im Waadtländer Steinbruch St. Triphon aufführten, bei ihrem letzten Schweizer Besuch. Auf der Bühne mühen sich Caribou ab, das elektronische Quartett und mit den Musikern von Radiohead befreundet. Die Menge harrt aus, dann fällt die Nacht über das Gelände. Die Ausgangslage, man merkt es: Sie ist suboptimal.

Dann kommen die fünf Engländer auf die Bühne, von einem zweiten Schlagzeuger sekundiert. Es ist kurz vor elf am Samstagabend, Deutschland und Italien kämpfen auf den Handybildschirmen. Die Menge ist unruhig und abgelenkt, die Leute reden, laufen hin und her. Wer kann es ihnen verargen?

Haben ihre Kritiker recht?

Das Konzert beginnt mitreissend mit «Burn the Witch», der ersten Single des neuen Albums. Dann sackt es ab. Nicht weil die neuen Nummern schlecht gespielt werden, im Gegenteil, die Band macht auf der Bühne vor, was für ein Potential sie haben. Aber mit elektrischer Kammermusik lässt sich eine solche Bühne nicht bespielen, schon gar nicht bei dieser Meteorologie. «We’re called Radiohead», sagt Yorke nach ein paar Stücken, und man fragt sich, ob er es ironisch meint oder ob ihn die schüttere Reaktion irritiert. Haben die Kritiker Recht, welche die Band für überschätzt halten?

Nach einer Viertelstunde und den ersten Takten von «Talk Show Host», einer B-Seite von 1997, spielt die Band dann so, wie sie es am besten kann: mit grosser Klarheit und Dynamik. Das Lied beginnt mit weicher Gitarre und der verstörenden ersten Zeile «I want to be someone else or I’ll explode», ich möchte jemand anderer sein, oder ich explodiere. Die Studioversion bleibt in ihrem Albtraum gefangen, auf der Bühne zünden die Musiker die Explosion, die ihren Sänger bedroht. Die Schlagzeuger treiben ihre Kollegen an, das Licht der Scheinwerfer zuckt im Takt, die Musik steigert sich in eine kontrollierte Raserei und hält benommen inne. Eine fantastische Version. Das Konzert scheint lanciert.

Es ist ihnen egal

Die Band legt mit «Lotus Flower» nach aus dem vorletzten Album «King of Limbs» von 2011, eine nervöse, elektronisch gereizte Nummer. Ihre Aufführung bestätigt die Konsequenz eines Ensembles, das sein Publikum herausfordert, statt es mit Hits zu sättigen. Von den 24 Stücken, die Radiohead an diesem Abend spielen, gehört nur ein halbes Dutzend zu ihren bekannteren, und nur wenige funktionieren an einem Openair, bei dem das Grobere erwartet wird. Den Engländern scheinen Erwartungen egal zu sein, das zeichnet sie aus, darum reisen die Fans ihnen überall nach, das muss man an ihnen bewundern. Es ist ein hellwaches Konzert, mit grosser Virtuosität intoniert, von der Lichtregie brillant unterstützt. Aber einfach machen Radiohead es uns nicht. Die Gruppe ignoriert die Dramaturgie, die man an einem solchen Anlass erwartet, eine Steigerung ins Enthemmte und Bekannte. Stattdessen bremsen sie ihre Show immer wieder mit Balladen ab. Selbst beim ersten Zugabenblock riskieren sie somnambule Stücke wie «Nude», das in seiner quälenden Langeweile bestätigt, was die Verächter dieser Band so hassen: verschwommenes Pathos, Klagen in Zeitlupe.

Und trotzdem wird es ein tolles Konzert, gelingen der Band grosse Momente, führt sie die Extreme ihrer Talente auf, spielen gegen Ende das Harte («Bodysnatchers») und gleich darauf das Verhangene («Street Spirit (Fade Out)»). «Thank you for having us», sagt Thom Yorke dem Publikum zum Abschied, danke, dass ihr uns empfangen habt.

Die erschöpfte Menge klatscht ein wenig. Der Regen hat aufgehört. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.07.2016, 07:58 Uhr

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Single des jüngsten Albums: «Burn the Witch».

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