Wir können es nicht mehr hören

Black Sabbath haben eine über vierzigjährige Karriere von Drogenexzessen, Krisen und Personalwechsel hinter sich. Aber sie waren wieder da – zu einem Doppelkonzert im ausverkauften Hallenstadion.

Eine über vierzigjährige Karriere von Drogenexzessen, Binnenstreitigkeiten, Krisen und Personalwechsel hinter sich: Sänger Ozzy Osbourne während eines Konzerts in Österreich. (15. Juni 2014)

Eine über vierzigjährige Karriere von Drogenexzessen, Binnenstreitigkeiten, Krisen und Personalwechsel hinter sich: Sänger Ozzy Osbourne während eines Konzerts in Österreich. (15. Juni 2014) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Gitarrist leidet an Krebs, der Sänger an Gedächtnislücken, der Bassist sieht baufällig aus, und mit dem Schlagzeuger haben sie Krach. Black Sabbath aus Birmingham haben eine über vierzigjährige Karriere von Drogenexzessen, Binnenstreitigkeiten, Krisen und Personalwechsel hinter sich. Aber sie sind wieder da, fast in Originalbesetzung. Und fangen am Freitag im ausverkauften Hallenstadion mit «War Pigs» an, diesem nicht sonderlich subtilen Lied gegen den Vietnamkrieg. Die Band entwickelte es 1969 in wochenlangen Improvisationen, als sie im Zürcher Niederdorf vor Prostituierten und Freier aufspielten und den Heavy Metal erfanden.

Der erste Song schraffiert, was das zweistündige Konzert ausmalen wird. Erstens können sie es noch. Man hatte eine tönende Leichenschau erwartet, aber das Quartett gibt ein energisches Konzert. Es hat seine Längen, wirkt aber nie peinlich. Und das ungeachtet der schlimmsten Langeweilen des Rock’n’Rolls, welche die Band in unerbittlicher Länge zur Anwendung bringt: das Bass- und das Schlagzeugsolo. Man lässt sie durchgehen, weil die Gruppe mit Druck und Präzision aufspielt; sogar Sänger Ozzy Osbourne, dem man die Abstürze am ehesten anhört, mag erstaunlich gut mit.

Please, Mister Osbourne

Zweitens erweist sich die Eröffnungsnummer als typisch für ein Konzert, das die meisten und besten Stücke den ersten, richtungsweisenden Alben der Band entnimmt. Immer wieder glaubt man, ein Riff, einen Rhythmuswechsel, einen Break schon zu oft gehört zu haben. Bis einem einfällt, dass Black Sabbath sie geschrieben und andere sie kopiert haben.

Drittens aber dauert das erste Stück und die 15 folgenden länger, als ihnen gut tut. Und vor allem viertens fühlt sich Osbourne vom ersten Moment an dazu genötigt, das Publikum zum Armeschwingen und Klatschen und Rufen und sonstigen Huldigungen aufzufordern. «We love you» sagt er schon beim Betreten der Bühne, so etwas täte nicht einmal Howard Carpendale. Diese Anbiederungen befremden und ermüden, zumal die Band sie gar nicht nötig hätte, das Publikum steht vom ersten Ton an auf ihrer Seite und nimmt die Zugabe «Paranoid» wie eine tönende Hostie entgegen. Um alle Zweifel zu klären: Yes, Mister Osbourne, wir fühlen uns all right, und wenn Sie uns immer noch nicht fucking hören können, dann kaufen Sie ein Hörgerät.

Was für ein Vorprogramm

Das Beste an diesem Konzert ist sowieso das Vorprogramm. Black Sabbath überraschen, Soundgarden überzeugen. Etwas direkter ausgedrückt: Die Amerikaner spielen die Engländer an die Wand. Sie brillieren mit einem Konzert, dem man das Talent der Band für Klangfarbe, Dynamik und nuancierter Wucht eindrücklich anhört. Obwohl Sänger Chris Cornell gelegentlich in die Gitarre greift, funktioniert das Quartett nach dem Prinzip des Powertrios, also instrumental auf Schlagzeug, Bass und Gitarre beschränkt. So wie die Cream, Led Zeppelin, die Who, Nirvana oder, ja, auch Black Sabbath. Das verlangt von den Musikern ein eng verzahntes Ensemblespiel, jeder muss sowohl begleiten wie auch solieren können. Soundgarden spielen dermassen dicht aufeinander bezogen, dass man die Summe ihrer Songs und die Teile ihrer Instrumentierung gleichzeitig heraushört.

Dabei sie sind auch sie schon eine Zeitlang unterwegs, der Sänger erzählt dem Publikum vom ersten Schweizer Konzert in der Roten Fabrik vor 25 Jahren. Ihr Auftritt klingt nicht danach, und das macht den Unterschied: Black Sabbath erinnern an ihre besten Zeiten, Soundgarden machen sie gegenwärtig.

Und das Publikum klatscht ganz von selbst.

Erstellt: 21.06.2014, 08:51 Uhr

Artikel zum Thema

Wie Miley Cyrus im Hallenstadion aufflog

Kritik Die Pop-Göre paarte bei ihrem Konzert Kindergeburtstag, Gigantismus und überreizte sexuelle Erweckung. Man hätte empört nach der Sittenpolizei gerufen, wäre das Spiel nicht so absurd gewesen. Mehr...

Mit swingender Bordband über den Atlantik

Robbie Williams machte sich im Zürcher Hallenstadion auf nach Las Vegas. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 1 Grillpoulet – 10 Rezeptideen
Mamablog «Brownie-Gate» im Hallenbad
Geldblog Wo kann ich noch rentabel investieren?

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...