Interview

«Wir warten auf den Messias»

TV-Moderator Ugur Gültekin nervt ein Rapbeitrag auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Im Interview spricht er über Knackeboul, die linke Dominanz in der Rapszene und eine grosse Hoffnung.

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Herr Gültekin, Sie werfen mir in einem offenen Brief vor, die Realness-Debatte wieder aufzuwärmen. Dabei ist diese Debatte mit Grund eine Dauerdebatte, weil in ihr die beiden ganz grossen Fragen enthalten sind: Auf welche Tradition beruft sich ein Mundartrapper? Und welche Vision von seiner Kunst hat er?
Ich werfe Ihnen nicht vor, die «Realness»-Debatte aufzuwärmen, sondern diese als Vorwand zu benutzen, um den Zwist zwischen den beiden genannten Rappern vom November nochmals aufzubauschen.

Sind Sie nicht einfach ein Kumpel von Knackeboul, der ja auch eine Sendung auf Joiz hat?
Ja, ich bin mit Knackeboul persönlich eng befreundet. Auch zu Tommy Vercetti pflege ich ein freundschaftliches Verhältnis und tausche mich immer wieder zu verschiedensten Themen aus. Ich mag es, mich mit ihm auf eine respektvolle Art zu streiten.

Abseits der Vercetti-Knackeboul-Kontroverse wirkt die Schweizer Rapszene eher blass, in der Öffentlichkeit spielt sie kaum eine Rolle. Der Schriftsteller Charles Lewinsky meinte dagegen kürzlich an der Leipziger Buchmesse, er sei der ständigen Fragerei zur Einwanderungsinitiative überdrüssig. Wären da Schweizer Rapper eigentlich nicht die besseren Ansprechpersonen, weil sie häufig einen viel direkteren Zugang zur Migration haben, nicht selten selber aus Migrantenfamilien stammen?
Sehe ich auch so. Wer sich in der Szene bewegt, beschäftigt sich automatisch mit Migrationsfragen, er muss nicht mal selber einen solchen Hintergrund haben. Sehr viele sind zudem belesen, haben studiert, können ihre Sichtweise reflektieren oder bringen in einer anderen Weise einen Rucksack an Erfahrungen mit, der für die Migrationsdebatte von grosser Bedeutung sein könnte. Um in dieser Thematik Experte zu sein, braucht es kein Studium. Die allermeisten Journalisten haben das aber leider noch nicht begriffen.

Vielleicht liegt das mediale Desinteresse auch daran, dass die Schweizer Rapper zum allergrössten Teil politisch nicht wirklich überraschen und konventionelle sozialdemokratische Positionen vertreten. Oder täuscht dieser Eindruck?
Das kann man so sehen. Gut, es gibt ein paar Linksrevolutionäre, aber die meisten sind sozialdemokratisch, das stimmt. Relevante rechte Mundartrapper gibt es eigentlich nicht. Oder sie bekennen sich nicht mit politischen Statements öffentlich dazu.

Häufiger zu hören ist in letzter Zeit, dass der Rapnachwuchs technisch sehr versiert sei, politisch im Vergleich zur älteren Generation – Greis, Baze und Co. - allerdings wenig zu sagen habe.
Ja, das kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Die Jungen positionieren sich politisch weniger deutlich. Allerdings sollte man den Blick auch nicht zu sehr auf konkrete politische Statements verengen. Wenn einer sagt, er schiesse sich jedes Wochenende ab und sei dauernd auf MDMA, weil er es sonst nicht aushalte, dann ist das für mich auch ein gesellschaftliches Problem und ein klares Statement.

Der grosse politische Mundartrap lässt aber noch auf sich warten.
In der neuen Generation warten wir immer noch auf den Messias, ja.

Der Grund, warum die Vercetti-Knackboul-Kontroverse so stark beachtet wurde, liegt auch an der grossen Harmonie der Schweizer Szene. Warum gibt es nicht häufiger persönliche Auseinandersetzungen?
Man kennt sich halt, läuft sich über den Weg. Da hat man schnell Beisshemmungen. Andererseits gibt es Gefässe wie Freestylebattles oder vorbereitete Textbattles, in denen man sich ganz schön auf die Kappe gibt.

Wäre es konstruktiver gewesen, Vercetti und Knackeboul zu einem Battle ins Studio einzuladen?
Das mag sein. Bei ähnlichen Konflikten ist das künftig sicher eine Option; es wäre wünschenswert, dass so was einfach in Battles ausgetragen wird. Bei den Battles zwischen EKR und den Rappern um die Sektion Kuchchikäschtli vor zehn Jahren gingen Disstracks hin und her. Ich mag das. So was kann schon sehr spassig sein und ist ganz nebenbei ein fundamentaler Eckpfeiler unserer Kultur.

Welche Mundart-Releases lassen in der nächsten Zeit Grosses erhoffen?
Ich freue mich auf die Releases von EKR, von Mimiks, Stereo Luchs, Lo & Leduc oder Larry F! Aber auf eine neue Scheibe von Baze würde ich mich mit Abstand am meisten freuen.

Erstellt: 24.03.2014, 16:32 Uhr

Ugur Gültekin (*1984) ist Leiter und Moderator der Hip-Hop-Sendung «Joiz in the Hood» des Jugendsenders Joiz. (Bild: PD)

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