Wo es Superstars bequem haben

Warum noch um die Welt touren? Popstars wie die Backstreet Boys, Britney Spears und sogar The Who treten in Las Vegas auf und führen dort eine zweite, stressfreie Karriere.

Die Bühne muss nicht jeden Tag geräumt und woanders wieder aufgebaut werden: Britney Spear 2016 während einer Show in Las Vegas. Foto: John Salangsang (Keystone)

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Dean Martin sitzt an einem Klavier im Sahara in Las Vegas und singt «Ain’t That a Kick in the Head». Es dauert keine zwei Sekunden, dann weiss jeder, warum ihn die meisten Leute in dieser Stadt – ach was, auf der ganzen Welt – den King of Cool nennen: Bei der Strophe, in der es darum geht, dass er gerade ein Mädchen geküsst hat und dass sein Leben künftig wunderschön sein wird, da zwinkert er den drei jungen Frauen an der Bar zu. Die lächeln verschämt, rücken ihre Abendkleider zurecht und nippen an ihren Cocktails.

Video – Dean Martin in «Ocean's Eleven»

57 Jahre alt ist diese Szene aus dem Film «Ocean’s Eleven». Und einige populäre Musiker von heute erinnern sich gerade daran, dass Martin es damals ziemlich gut getroffen hatte – nicht nur im Film, sondern auch im wahren Leben. Mehr als 30 Jahre lang war er in verschiedenen Hotels aufgetreten, hatte bei den Konzerten seiner Kollegen Frank Sinatra, Sammy Davis junior oder Joey Bishop vorbeigeschaut und danach mit ihnen jene Partys gefeiert, die heutzutage als legendär gelten, weil sie niemand mit Selfies dokumentieren oder mit Snapchat-Videos entmystifizieren konnte.

Drei, vier Konzerte pro Woche

In der Gegenwart nun treten die Backstreet Boys im Planet Hollywood auf. Die günstigste Eintrittskarte kostet 159 Dollar, das billigste Bier 24 Dollar, am Merchandising-Stand wird für 100 Dollar eine schwarze Satinbomberjacke feilgeboten, die Arbeitsuniform von 90er-Jahre-Boybands und Werbeagenturchefs im Jahr 2017. Das Publikum ist weniger mit Feiern beschäftigt als damit, sich selbst beim Feiern zu fotografieren und die Welt über soziale Netzwerke über diese wahnwitzige Party zu informieren. Zwischen den Liedern «Larger than Life» und «The One» brüllt Howard Dorough, einer von fünf Sängern: «Fucking Vegas, baby!»

Video – Backstreet Boys at Planet Hollywood

Die Backstreet Boys sind in dieser Arena seit März ein Teil der Pop-Endlosschleife, zu der auch Jennifer Lopez und Britney Spears gehören. «Unsere Headliner treten drei- oder viermal pro Woche auf und bleiben jeweils zwischen drei und fünf Wochen», sagt Jason Gastwirth. Er ist bei Caesars Entertainment Corporation (CEC) verantwortlich für Konzerte und hat auch Mariah Carey, Rod Stewart und Elton John nach Las Vegas geholt: «Wir haben mehrere Hallen zur Verfügung und können relativ spontan auf die Nachfrage reagieren. Es hängt immer ein bisschen davon ab, wer sonst noch in der Stadt ist.»

Ricky Martin und Cher treten im Monte Carlo auf, Céline Dion wie Mariah Carey und Jennifer Lopez im Caesar’s Palace, Boyz II Men im Mirage. Auch Rockmusik wird gespielt: Die britischen The Who schauen ab dem 29. Juli für sechs Konzerte vorbei, Journey spielten kürzlich im Hard Rock Hotel, Carlos Santana rockt regelmässig im Mandalay Bay. Was da gerade stattfindet: die Sinatrifizierung der Rockmusik, die Deanmartinisierung des Pop. Zahlreiche Künstler gönnen sich derzeit statt Welttourneen lieber ein ausgedehntes Engagement in Las Vegas. «Residencies» nennen sie das hier – ein Begriff, über den Sinatra und Martin nur müde gelächelt hätten. Die haben das damals ganz einfach «Karriere» genannt.

Video – Elton John: Your Song

«Unsere Fans sind mittlerweile erwachsen, sie müssen nicht mehr wie früher als Teenager darauf warten, bis wir während einer Tournee auch in ihre Stadt kommen und die Eltern ihnen erlauben, ein Konzert von uns zu besuchen», sagt Howard Dorough von den Backstreet Boys. «Sie feiern Geburtstage und Junggesellinnenabschiede in Las Vegas – und wir helfen ihnen dabei, einen spektakulären Abend zu erleben.» Die Shows sind tatsächlich bombastisch. Wer zum Backstreet-Boys-Konzert auch im Planet Hollywood übernachtet, bekommt ein signiertes Bandposter und einen Cookie in Gitarrenform aufs Zimmer geliefert.

Während der Vorstellung bemerkt AJ McLean, dass der Reissverschluss seiner rosaroten Seidenhose offen steht; da zuckt er mit den Schultern und zwinkert beim langsamen Schliessen den nicht mehr ganz jungen Frauen in der ersten Reihe zu. Aber die kreischen nicht, sie machen Fotos. Es gibt Hintergrundtänzer in Kompaniestärke, die überspielen sollen, dass die Boyband nun eine Ansammlung mittelalterlicher Männer ist, die es mit Fitnessprogramm und Ernährung nicht gleich ernst nehmen wie ­Jennifer Lopez, deren Laufpensum bei ihrem Auftritt ein paar Wochen später sich der Marathondistanz nähert. «Wir müssen die Bühne nicht nach jedem Konzert abbauen und am nächsten Tag in einer anderen Stadt wieder aufbauen, da können wir noch mal eine Schippe drauflegen», freut sich Howard Dorough.

Video – Mariah Carey im Caesar's Palace, Las Vegas

Fucking Las Vegas, dieses sagenhafte Gebilde in der Wüste von Nevada, wird zur Heimat vieler Popstars, weil es eine Win-win-win-Situation für Künstler, Veranstalter und Fans verspricht. Es ist keine Stadt mit einer begrenzten Anzahl an Einwohnern, die sich schnell satt- ­sehen an einer Band. Im vergangenen Jahr kamen 43 Millionen Touristen und gaben 35,5 Milliarden Dollar aus, so viel wie noch nie zuvor. Es heisst, dass an ­keinem Tag im Jahr weniger als 500 000 Gäste in dieser Stadt nach Unterhaltung lechzen. Sie wollen in Fünfsternrestaurants essen, in Nachtclubs feiern und dazwischen den Lieblingsstar ihrer Jugend nochmals live sehen.

Die Hotels müssen, weil die Leute nicht mehr so bereitwillig wie früher ihr Geld an den Spieltischen und Automaten verzocken, mit immer neuen Spektakeln um Aufmerksamkeit buhlen. Die Gastspiele der Neuzeit begannen 2003.Céline Dion und ihr Gastgeber, das Ceasar’s Palace, wurden damals für verrückt erklärt: Es hiess, dass Dions Karriere damit beendet sei. Das war sie tatsächlich, allerdings nur die Laufbahn als Popsängerin. In Las Vegas etablierte sie sich als singende Diva, die gerade nicht dem nächsten Hit hinterherhechelt. In vier Jahren sahen drei Millionen Menschen ihre 717 Konzerte.

Video – Celine Dion: The Power of Love

«Dion hat aufgrund ihres Erfolgs den Weg für andere Stars geebnet. Britney Spears hat danach mit ihrer Show bewiesen, dass auch Popmusik in Las Vegas funktioniert», sagt CEC-Manager Gastwirth. Eine grössere Arena bedeute nicht unbedingt höhere Einnahmen: «Jennifer Lopez gibt gerne verhältnismässig intime Konzerte, dafür können wir jedoch einen höheren Eintrittspreis verlangen. Es gibt Nächte, da nehmen wir im 4600-Zuschauer-Theater eine Million Dollar ein.» Die 39 Shows im vergangenen Jahr spielten 34,6 Millionen Dollar ein, im Februar durfte Gastwirth zudem verkünden, mit weniger als 250 Britney-Spears-Auftritten mehr als 103 Millionen Dollar umgesetzt zu haben.

Eine Suite für Adele

Die Hotelbetreiber füllen ihre Arenen mittlerweile nicht mehr nur mit Zauberern, Showgirls und Komikern, sondern mit Musikern, die keine Lust mehr darauf haben, jede Nacht in einem anderen Hotelzimmer aufzuwachen. «Wir sind keine jungen Hüpfer mehr», sagt Dorough. «Der Lebenswandel hat sich verändert, wir sind nun alle Väter.» Natürlich ist es für die Backstreet Boys angenehmer, in Los Angeles am Strand zu wohnen und hin und wieder mal für ein paar Auftritte nach Las Vegas zu kommen, als wie vor 18 Jahren während der «Into the Millennium Tour» innerhalb von neun Monaten 123 Konzerte in 84 Städten zu absolvieren. Zumal die Casinos nicht nur mit Gehalt, sondern allerlei Annehmlichkeiten locken. Das gilt nicht nur für Sänger, sondern auch für DJs wie etwa Pitbull, der nachmittags hin und wieder bei Poolpartys auflegt und nachts das Planet Hollywood auf modernstem Equipment bespielt.

Das MGM Grand hat der britischen Sängerin Adele nun 500'000 Dollar pro Auftritt geboten, dazu eine Gratis-Penthouse-Suite und unbegrenzte Privatflüge zwischen Los Angeles und Las Vegas. Adele will sich um die Erziehung ihres Sohnes Angelo kümmern und deshalb zehn Jahre lang nicht mehr für Konzerte um die Welt gondeln. Bei einem Engagement in Las Vegas könnte sie ihre Fans begeistern und ihr Kind am nächsten Morgen zur Schule bringen. Es heisst, dass sie bislang nur darum nicht unterschrieben habe, weil die ebenfalls interessierten Casinos Venetian und Caesar’s Palace mit noch grosszügigeren Angeboten kontern könnten.

Die Illusion einer Party

Wer ein paar Auftritte der Popstars und Rockgötter in Vegas gesehen hat, weiss: Es sind vergnügliche Abende. Es sind jedoch keine legendären Konzerte, wie sie Dean Martin, Frank Sinatra oder Sammy Davis junior damals hingelegt haben und bei denen als Ankündigung drei Worte über der Eingangstür des Caesar Palace genügt hatten: «Sie sind da.» Die Konzerte von heute sind stark beworbene und perfekt choreografierte Veranstaltungen. Sie sind einfacher zu produzieren, lukrativer und weniger stressig als eine Tournee. Die meisten Fans sind nach dem Backstreet-Boys-Konzert ziemlich glücklich, mit der Leistung der Künstler auf der Bühne und mit den Fotos, die sie gemacht haben. Es genügt ihnen, die Illusion einer krassen Party zu erleben – und im Erschaffen von Illusionen sind die Touristiker in Las Vegas ja seit jeher geübt.

Wie angenehm stressfrei so ein Engagement in dieser Stadt für einen Künstler sein kann, das wusste Dean Martin allerdings bereits vor mehr als 30 Jahren. Er begrüsste im Juni 1985 den millionsten Besucher und wurde von einem Reporter gefragt, ob er denn nicht wieder einmal um die Welt reisen und Konzerte geben wolle. Der Sänger zwinkerte dem Fragesteller zu und sagte dann: «Ich muss niemandem was beweisen, ich will nur singen und Spass haben. Ist das nicht genug?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2017, 18:08 Uhr

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