Wunder der Männerstimme

Jazzgesang, zweimal ganz anders: Andreas Schaerer und Raphael Jost beim Jazzfestival Schaffhausen.

Vokalist Andreas Schaerer arbeitet mit geringfügigsten, sublimsten Mitteln. Foto: PD

Vokalist Andreas Schaerer arbeitet mit geringfügigsten, sublimsten Mitteln. Foto: PD

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Als hätte ein kleines Vögelchen kurz tiriliert, so ist das, für knappe zwei Sekunden. Andreas Schaerer steht am Freitag auf der Schaffhauser Kammgarn-Bühne, und ganz fein wie Vogelgezwitscher hört sichs an, was aus seinem Mund kommt. Es ist auch grade wieder weg, ein kleiner Schlenker nur unter den vielen Geräuschen und Vokalismen, die Schaerer produziert. Mit geringfügigsten, sublimsten Mitteln arbeitet dieser Sänger, besser: Vokalist, denn Schaerer singt ja weit mehr als nur Liedhaftes.

«Zirzensisches Mittelstück» nennt Schaerer, der Jahrgang 1976 hat und seit einigen Jahren mit seiner Kunst- und Klamauk-Combo «Hildegard lernt Fliegen» Furore macht, seine Komposition. Geschrieben hat er sie für ein neues Ensemble, dem er selbst angehört, der Bassist Wolfgang Zwiauer und die Saxofonisten des Basler Arte-Quartetts. Es ist, als ob Schaerer mit «Perpetual Delirium» sein klangliches Spektrum aufs Arte-Quartett projiziert. Oft katapultiert er das Quartett in eine imaginäre Zirkuskuppel, wo die verrücktesten Kapriolen zu vollführen sind. Und Beat Hofstetter, Sascha Armbruster, Andrea Formenti und Beat Kappeler setzen die turbulente Musik mit staunenswerter Präzision um. Die braucht es auch, Schaerers Stücke leben von scharf gestanzten Noten, rasiermesserscharfen Rhythmen fast wie Funk-Musik. Das Arte-Quartett spielt das alles souverän: Wildheit wird hier durch Kontrolle erreicht.

Das Saxofonquartett ist ziemlich präsent, Schaerer nimmt sich zurück. Und doch ist er da – zunächst ganz banal in seiner schieren Existenz als Sänger; männliche Jazz- und Improvisationssänger sind ja in der Schweiz so selten wie fünfblättriger Klee. Doch er gibt dann nicht nur den humorvoll überdrehten Musikkasperl, als den man ihn kennt. Sondern singt lange, ernste Kantilenen, oft in hoher Tenorlage, appelliert an den Geist des Lieds. Endlich aber kann ers doch nicht lassen, ruft all jene Sänger in Erinnerung, die den Gesang zum Akrobatischen und Geräuschhaften hin öffneten, von Bobby McFerrin bis Phil Minton. Schaerer gibt die Human Beatbox, schnalzt Rhythmen und singt gleichzeitig, erweitert sich durch den geschickten Umgang mit dem Mikrofon. Er führt die menschliche, die männliche Stimme als ein Wunder an Möglichkeiten vor, zirpt und zwitschert, gurgelt und murmelt, keift und pfeift; erfindet Sprache.

Unverblümte Nostalgie

Wie anders geht da doch der junge Ostschweizer Sänger und Pianist Raphael Jost ans Werk mit seinen «Lots of Horns», was meint, dass sich zur Rhythmusgruppe um Jost noch drei Saxofonisten, ein Trompeter und ein Posaunist gesellen. Auch Jost, 1988 geboren, ist eine der raren männlichen Jazzstimmen in der Schweiz, nur dass sie in eine ganz andere Richtung weist als Schaerers.

Jost trat am Freitag unmittelbar nach Schaerer auf und entführte mit seiner virilen, tiefen Stimme in jene swingenden Zeiten, als man in den Clubs zeitgleich zum Jazz auch noch das Klirren der Eiswürfel im Cocktailglas hörte. Buchstäblich singt Jost in Billy Strayhorns «Lush Life» dergestalt vom «Feel of life from jazz and cocktails». Er ruft den Geist der grossen swingenden amerikanischen Sänger an, von Frank Sinatra bis Tony Bennett. Seine Musik hat dabei kaum Anspruch auf Originalität, und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Unverblümt und selbstbewusst wird die Flucht aus der Zeit angetreten.

Die «Lots of Horns» sekundieren Jost, der auch ein stilechtes Klavier spielt, befeuern ihn mit oft mitreissenden Soli (an den Saxofonen Thierry Kuster und Gregor Frei, an der Trompete Lukas Thöni). Immer aber bleibt der Gesang Josts im Zentrum. Und auch er verkörpert auf seine Weise das Wunder der menschlichen Stimme: Kein Instrument sonst vermöchte das Nostalgische so zu beschwören. Eine Kunst für sich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2014, 06:59 Uhr

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