Wuschelkopf und Wunderkind

Der erste Tag am Zürich Openair bot schottischen Herzschmerz von Paolo Nutini, australischen Wolkenpop und ein fleischgewordenes Internetphänomen.

Er singt vom Zueinanderfinden und Flüchten, Alleinsein und der Hoffung: Paolo Nutini, hier während eines Konzerts in Luzern. (Archivbild)

Er singt vom Zueinanderfinden und Flüchten, Alleinsein und der Hoffung: Paolo Nutini, hier während eines Konzerts in Luzern. (Archivbild) Bild: Keystone

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Da ging er in die Knie so weit seine engen Röhrenjeans es zuliessen, reckte seinen schottischen Wuschelkopf in den Glattbrugger Himmel und sang voller Inbrunst von Verflossenen, vom Zueinanderfinden und Flüchten, Alleinsein und der Hoffnung, dass alles gut wird. Kurz: Paolo Nutini, intonierte den Weltschmerz. Er tat das, umrahmt von einer grossen Licht- und Videoshow, unterstützt von Bläsern, Gitarristen und was es alles noch so für eine Band von Grossformat braucht, ziemlich überzeugend.

Nutini, einst dazu bestimmt, den Fish-’n’-Chips-Laden seines Vaters zu übernehmen, ist ein Popstar aus dem Wunschkatalog von Labelbossen. Er wirkt sexy und verrucht, gleichzeitig verletzlich und verfügt über eine soulige Stimme mit Patina. Auf der grossen Bühne des Zürich Openair kam sein klingendes Organ zur vollen Geltung, trug mächtig rüber bis hin zu den Bäumen und liess die mehrheitlich weibliche Zuhörerschaft schwärmen und kreischen.

Bewegung aus Down Under

Paolo Nutini, seit diesem Frühling mit einem gelungenen Album zurück im grossen Geschäft, war zum Auftakt des vierten Openairs in der Zürcher Agglo der Headliner, der Publikumsmagnet.

Aufgewärmt wurden die artig zahlreich erschienenen Festivalbesucher zuvor aber durch Sean Lennons etwas blasse Psych-Rock-Band The Goastt, die nett-lüpfigen Metronomy und vor allem: Cut Copy. Die vier Australier, in der Heimat Chartstürmer, brachte die anfänglich träge Zürcher Masse mit wolkigem Pop und erdigem Dance in Bewegung. Wie man zeitgenössische Tanzmusik auf die Livebühne hievt, zeigten diese vier Männer aus Down Under.

Schwitzen zum Dance-Wunderkind

Ein Landsmann von Cut Copy, der wenig später im Zelt nebenan aufspielte, zeigte etwas ganz anderes: Wie mächtig das Internet ist. Denn Flume, so etwas wie das australische Dance-Wunderkind der Neuzeit, wurde vor allem durch Social Media und Youtube bekannt. Musikinteressierte, die in den letzten Monaten aufmerksam durch die virtuellen Kanäle surften, mussten einfach über diesen jungen Remixer und Produzenten stolpern. Da trifft einer neue Töne, schreddert bestehende Musik durch mysteriöse Filter, nimmt Tempo raus und legt dafür zusätzliche Schichten drauf.

Wer kurz vor Mitternacht ins hinterste Zelt des Areals trat, sah sich einer schwitzenden, wabbelnden Masse von blutjungen völlig euphorisierten Menschen gegenüber. Sie alle wollten ihren Flume, ihren Helden live sehen. Ein besonders engagierte Tänzerin in der vordersten Reihe liess sich kurz unterbrechen und erklärte dem Schreiber, wie Schweizer Jugendliche auf einen Produzenten aus Australien kommen: «Es gibt da diverse Abo-Youtube-Kanäle, die immer die coolste, neueste Musik bringen. Da war Flume ständig drin. Zudem hat eine Kollegin seinen Hit auf Facebook gepostet. Ich fands sofort gut. Jetzt bin ich hier.»

Erstellt: 29.08.2014, 08:25 Uhr

Heute am Zürich Openair

Das Zürich Openair begann gestern und dauert noch bis Sonntagabend. Heute spielen auf den drei Bühnen auf dem Festivalgelände in Rümlang unter anderen Jeans for Jesus, Darkside, Woodkid, die Manic Street Preachers, die Editors und Deadmau5.

Video

Menschenversuch mit Gras: The Goastt mit «Moth to A Flame».

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Pop in weiss: Metronomy mit «The Look».

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