Zehn musikalische Huldigungen an die Schweiz

«Lake Zurich» heisst der neue Song der Gorillaz. Stars haben nicht zum ersten Mal die Schweiz besungen.

«In the morning, you came to me in your towel / From Zurich to New York»: Die Bedeutung des sommerlich-discoiden Gorillaz-Songs «Lake Zurich» gibt Rätsel auf. (phz)


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1. Die alte Frau über dem Genfersee

Zwar hat es der englische Songschreiber Neil Hannon gerne ironisch. Dennoch berührt der unaffektierte Ernst am meisten, indem er einzelne seiner Lieder vorträgt. Zum Beispiel «The Lady of a Certain Age», das exakt von dem handelt, was der Titel verspricht: einer alternden Frau, die hoch über dem Genfersee lebt und die mit jeder Strophe zehn Jahre jünger wird. Hannon besingt die Tragik eines reichen, leeren Lebens, ohne sich davon zu distanzieren; weil es nicht mehr nötig ist. (jmb)

2. Rauch in Montreux

Eigentlich wollten Deep Purple nur nach Montreux, um ein neues Album aufzunehmen. Doch dann brannte das Casino während des Konzerts von Frank Zappa, Rauch zog über den Genfersee hinweg, und «Funky Claude» alias Jazzfestivalgründer Claude Nobs «was running in and out», um Konzertbesucher zu retten. Der Rest ist Rockgeschichte. (bsa)

3. «Zurich Is Stained»

Zürich ist verschmutzt? Das glaubt einem natürlich niemand, der in der Stadt lebt. Schliesslich befand schon James Joyce, dass man in Zürich eine Suppe vom Boden auflöffeln könne, so sauber seien die Strassen. Oder waren Pavement während der Street Parade in Zürich? Vielleicht – Gott bewahre – meinen sie es auch metaphorisch: die Zürcher als moralisch korrumpierte Geldsäcke. (phz)

4. Nick Cave feiert in Nyon die theoretische Physik

Dieses Zusammentreffen kann es nur an einer Stelle der Welt geben: über dem rund 20 Kilometer langen, kreisförmig angeordneten Tunnel des Cern bei Genf. Im Sommer 2013 gaben Nick Cave und seine Band am Paléo Festival von Nyon ein ekstatisches Konzert. Dabei spielten sie auch den «Higgs Boson Blues», in Anspielung auf ein neu entdecktes Elementarteilchen, dessen Existenz im Teilchenbeschleuniger des Cern bestätigt worden war. «Wo ist der Higgs Boson?», fragte Cave das Publikum, zeigte nach unten und sagte: «Genau hier.» Der Rest des Konzertes verlief ohne Anleihen an die theoretische Physik. (jmb)

5. «Safe and Sound»

Carly Simon, Grande Dame der Lobeshymne («Nobody Does It Better») und der stilvollen Abrechnung («So Vain»), ist vor allem eine glühende Verfechterin der Zweisamkeit. Etwas brachial plädiert sie in «Safe and Sound» von 1974 für diese: Herrscht auf der Welt erst das Chaos, kann dies den Pärchen egal sein. Aber was für eine Apokalypse Simon da entwirft: In Portland, Maine, tanzen die Hummer am Hafen. Und, Schockschwerenot, in der Schweiz hat jemand sämtliche Uhren gestoppt. Ein Liebeslied? Wohl kaum! Diese Frau kennt ja unsere tiefsten Ängste! (kpn)

6. Die ultimative Stadt

«We are the ultimate (rock-rockin' it)», rappen die Hip-Hopper von The Roots in dem passend dazu benannten Lied «The Ultimate». Der Song ist Teil des Livealbums «The Roots Come Alive». Und dieses wurde 1999 in keiner geringeren Stadt als Zürich aufgenommen. Zumindest teilweise. Im Lied erzählen die Roots von dieser Reise. Und wie es scheint, scheinen sie Spass gehabt zu haben, dank dem einen oder anderen Zug «weed». (ahl)

7. Bob Dylans Eingebung von Locarno

Er war so betrunken, dass sie ihn auf die Bühne hieven mussten. Das war an einem nebligen Oktoberabend 1987, bei seinem Konzert auf der Piazza Grande von Locarno. Bob Dylan fühlte sich schrecklich und klang auch so, am liebsten hätte er sich hinter der Band versteckt. Dann durchzuckte ihn ein Erweckungserlebnis, das er in seinem autobiografischen Buch «Chronicles» in einem Satz zusammenfasst: «Ich bin zum Hier-Stehen bestimmt, egal, ob Gott mich erlöst oder nicht.» Seither bereist Dylan die Bühnen der Welt. Bis heute. (jmb)

8. Hochkultur

Pünktlich zur Art Basel besinnt sich einer der ehemaligen Ehrengäste auf seinen Besuch in Basel. 2013 wars, als Kanye West an einer seiner eher berüchtigten als berühmten Listening Sessions sein damals frisches Album «Yeezus» vorspielte und auch über Kunst referierte. Nun, in der Wildnis von Wyoming, wo sich Kanye mit verschiedenen Kumpeln abgeschottet hat, ist ihm Basel wieder in den Sinn gekommen. Im Track «Kids See Ghosts» von Kid Cudi, den er produziert hat, rappt er nämlich über Herzog & de Meuron (wie er diese Namen zerdehnt!) und über die Kunstmesse. Nein, nicht über den Art-Ableger in Miami, sondern eben in Basel, «Switzerland». Dann muss Kanye lauthals lachen. (bsa)

9. Ein Lied für die Mutti

Mit seinem letzten Album #DIY (Abkürzung für Do It Yourself) traf er den Nerv der Zeit, vielleicht schuf er ihn auch selbst. Trettmann ist ein Phänomen. Schlichte Beats und Synthesizer umgarnen die harten, kargen autogetunten Silben. Trettmann wuchs im zweitgrössten Neubaugebiet der DDR auf. Er singt über grauen Beton, rauen Chargon, über richtige und falsche Freunde und über Musik. Sein Image als sächsischer Reggaeclown legte er nach und nach ab. Heute ist er der Star des Deutschrap, abgeschirmt hinter dunkler Sonnenbrille und unter grossem Kaputzenpulli. Sympathisch ist er trotzdem, nicht zuletzt wegen Zeilen wie diesen: «Ich hab kein Konto in der Schweiz, was solls / Keine Breitling, keinen Echo, keinen Rolls-Royce / Warum soll ich vergessen, wo ich herkomm?/ Ich – schreib 'n Song und mach die Mutti stolz.» (ahl)

10. Die Nits lieben die Schweiz immer wieder

Kaum eine Band hat die Schweiz so gern wie die Nits aus den Niederlanden («In the Dutch Mountains», auf einen solch helvetischen Titel muss man erst mal kommen), und die Schweiz war das erste Land, das die Nits für sich entdeckte. Schon früh besang die Band einen Schweizer Skilehrer, der seine Schülerinnen verzaubert: «She knows nothing about boys / He's got too much choice / On this mountain in Switzerland.» Mehrere Schweizer Städte und Landschaften tauchen in den Liedern der Nits wieder auf. Sänger Hofstede hat es besonders gefallen, den Zug nach Zug zu nehmen. (jmb)

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2018, 19:00 Uhr

Artikel zum Thema

Bob Dylan im Hallenstadion – der Wüste lebt

Seine Stimme ist verloren. Trotzdem gab Dylan gestern in Zürich sein bestes Schweizer Konzert seit Jahren. Mehr...

Mittlerweile ist die ganze Welt zum Comic geworden

Damon Albarns Cartoonband Gorillaz ist zurück. Sie kommt gerade rechtzeitig zur Party der Unglaubwürdigkeit. Mehr...

Kanye West erklärt Donald Trump seine Liebe

Porträt Die Wut auf den US-Präsidenten eint die Hip-Hop-Szene. Nur einer stört die Harmonie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...