Zu viele Männer

Taylor Swift galt als nettester Popstar der Welt. Bis jetzt.

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Derzeit wird hart gegen den beliebtesten Popstar der Welt geschossen. Und das nur, weil Taylor Swift, 26, vor zwei Wochen, nach fünfzehn Monaten Beziehung mit ihrem Freund, DJ Calvin Harris, Schluss gemacht und jetzt schon einen Neuen hat: den Schauspieler Tom Hiddleston, einen kernigen Briten, der als neuer Bond gehandelt wird.

Als vor einigen Tagen die ersten Paparazzibilder der beiden als Paar auftauchten, begannen die Keifereien in den sozialen Medien: Der Beziehungswechsel sei zu zackig passiert, die Freunde zu zahlreich und wirklich, Taylor Swift irgendwie langsam ein bisschen nuttig. «Ganz ehrlich? Taylor Swift ist eine Hure!», heisst es in Tweets, oder: «Wie viele Hollywood-Macker will die noch?»

Sie war doch immer nett

Es ist die alte Leier: Wenn Männer wie Justin Bieber mit immer wieder neuen Girls Spass haben, gluckst die Öffentlichkeit amüsiert. Wenn nun Taylor Swift einmal zu oft turtelt, reagiert man genervt. Die Stimmung kippte noch mehr, als kurz nachdem Swift und Hiddlestons Beziehung rauskam, ein alter Streit mit dem Musiker Kanye West neu aufgebauscht wurde. Dessen Inhalt hört sich, schriftlich aufgefächert und erklärt, wahnsinnig dämlich an. Die Kurzversion reicht: Taylor Swift steht momentan als eine da, die ihr Image ganz bewusst orchestriert.

Der scharfe Tonfall gegenüber der Sängerin in den sozialen Medien ist neu. Denn sie hat ihren Ruhm nicht nur auf eingängig und eigens komponierten Popsongs aufgebaut, ihr Verkaufsargument war immer ihre Nettigkeit. Swift präsentierte sich als langbeiniger Schlendrian, ein bisschen sexy vertrottelt und schlagfertig. Sie wurde zur Sympathieträgerin sondergleichen: Frühestens, als sie begann, auf explizite, aber sehr charmante Art die Trennungen von ihren Freunden in Songtexten zu verarbeiten. Und spätestens, als sie 2009 ihren ersten MTV Award für «Bestes Video» gewann und Kanye West auf die Bühne stürmte, Beyoncés Werk als wahre Kunst pries und Swift, die auf einmal wie ein nasses Hündchen blickte, sprachlos auf der Bühne zurückliess.

In den darauffolgenden Jahren baute die Sängerin ihre Popularität und ihr Image als Everybody’s Darling immer weiter und zuweilen doch auch recht anbiedernd aus: Bei ihrer letzten Tour lud sie in jeder Stadt freundlich Freundinnen und Branchenkollegen auf die Bühne und sang mit ihnen gemeinsam deren Songs. Swift ist einer jener Superstars, die als Überraschungsgäste an Hochzeiten ihrer Fans auftreten. Bisher wirkte nichts, was sie tat, in irgendeiner Weise nicht authentisch.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich nun der Wind dermassen schnell dreht. Man hatte geglaubt, dass am Thron von Everybody's Darling nicht so leicht zu rütteln sei. Vielleicht hat es Taylor Swift jetzt mit ihrer Nettigkeit – ob nun Masche oder nicht – tatsächlich auf die Spitze getrieben.

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Von weiblichen Popstars wird heute aber auch eine Menge erwartet: Musikerinnen mit der gleichen Visibilität wie Swift sollen nicht nur nett, sondern auch Vorbild sein. Sie sollen energisch gesellschaftliche Debatten lancieren (Miley Cyrus mit ihrer Obdachlosen-Stiftung The Happy Hippie Foundation), diese geschickt und kämpferisch kommentieren (Beyoncé die «Black Lives Matter»-Bewegung), sie müssen Feministinnen und sensible Wortführerinnen sein (Lady Gaga für die LGBT-Community). Wenn unsere hohen Erwartungen an die Popstars nicht eingehalten werden, gibts Haue.

Taylor Swift soll so viel Sex haben, wie sie möchte. Sie darf ihr Image, auch unter den Augen der strengen Öffentlichkeit, forsch lenken. Letzteres mag gerade bei der auf Deine-beste-Freundin pochenden Swift zu Recht ein bisschen befremdlich wirken, doch: Bloss weil man tolle Songs schreiben kann und weltberühmt ist, heisst das nicht, dass man der perfekte (junge) Mensch sein muss. Wenn sich jemand charakterlos verhalten hat, dann die Frau, die den Huren-Tweet über Taylor Swift geschrieben hat.

Das neuste Swift-Video: «New Romantics» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2016, 09:50 Uhr

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