Abseits des Märchenwaldes

Die Harfenistin und Sängerin Linda Vogel veröffentlicht ihr einnehmendes Debütalbum «Maps to Others», auf dem die Zürcherin neue Klänge in ihrem Instrument findet.

«Es ist eine Gratwanderung»: Harfenistin Linda Vogel. Foto: Reto Oeschger

«Es ist eine Gratwanderung»: Harfenistin Linda Vogel. Foto: Reto Oeschger

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Es pocht, pulsiert beinahe industriell und nur dank den hohen Tönen, die sie anzupft, erkennt man dann doch schnell, auf ­welchem Saiteninstrument die Songs von Linda Vogel basieren. Bereits hier, im ersten Lied ihres Debüts «Maps to Others», ist zu spüren, dass bei der 30-jährigen Zürcherin ein Kräftemessen im Gang ist: zwischen den Spielarten ihrer Harfe, die sie klassisch studiert hat, zwischen den verschiedenen Klangfarben auch, über die ihre Singstimme ins Erzählen gerät, während sie den Refrain dem Hellen überlässt.

So kontrastreich ihre Lieder, die das Himmelhohe wie das Bodenlose ansteuern und auch mal in der sorgenlosen Disco enden, so ungerade ist auch ihr Weg, den Linda Vogel mit ihrer Harfe zurückgelegt hat. Denn bereits während des Studiums am Konservatorium, an das sie noch eine Kochlehre angeschlossen hat, merkte sie: «Als klassische Harfenistin verstehe ich mich nicht.»

Im Gespräch führt sie als Grund die hierarchische Ordnung in Orchestern an, und sie erinnert sich an eine Aufführung eines Schostakowitsch-Werks: «Was ich an der Harfe im Orchester nervig finde: Man kann bei den schönen Tutti-Stellen selten mitwirken. Du sitzt dann einfach da und darfst erst wieder die ‹Pling-pling›-Passagen spielen, wenn alles wieder leise ist.»

Ohnehin experimentiert sie viel lieber mit der Harfe, «diesem Möbel», wie Linda Vogel liebevoll sagt. Weil sie spürte: Mit der Harfe ist weit mehr möglich, als gemeinhin angenommen wird. Es erstaunt sie auch immer wieder, wie selten die Harfe aus traditionellen Kontexten herausgeführt wird. Dass dem Instrument dann Kitsch- und Märchenwald-­Klischees angehängt werden? Geschenkt.

Ihre musikalischen Vorbilder seien denn auch nicht unbedingt Harfenisten, sagt Vogel, die die Harfe bei einem Besuch einer Familie entdeckte, als sie fünf oder sechs war – und die an ihr kleben geblieben sei, selbst dann, als sie ihr Instrument während der Teenie-Zeit recht peinlich gefunden habe. Sie nennt dann aber doch Namen, beispielsweise Zeena Parkins, die in der New Yorker Impro-Szene zu Hause ist und mit Björk zusammengearbeitet hat.

Offene Liedform

Linda Vogel suchte nach Sounds und Erweiterungen des natürlichen Harfenklangs, bastelte mithilfe ihres Bruders Hämmerchen und Trigger, die sie mit dem Computer ansteuern kann, und entdeckte neue Klänge dank dem Einsatz von Effektgeräten. Das führte zunächst zu einer ersten EP und zu einer Coverversion von Bob Dylans «I Want You». Und nun zu «Maps to Others», das sie gemeinsam mit dem Perkussionisten Vincent Glanzmann aufgenommen hat.

Neun Songs finden sich auf dem einnehmenden Album – die Liedform, auch wenn Linda Vogel diese offen interpretiert, half ihr, «meine musikalischen Ideen zusammenzusetzen». Weil da sind ja auch die Worte, beispielsweise in der Vertonung von John Donnes «No Man Is an Island», diesem knapp 500-jährigen Text, der in der Brexit-Gegenwart wieder so aktuell wirkt – und den sie beinahe feierlich instrumentiert. Sie singt dann auch einmal auf Mundart, in der Miniatur ­«Dasii», das auf einer simplen Wortspielerei basiert. Und es gibt Lieder, die weit reisen, so wie «Saria», das dank der Harfe Raum und Zeit durchschreitet.

Hier, wenn dann doch so etwas wie Transzendenz aufscheint, die so viele Harfenmusik prägt, ist am deutlichsten zu spüren: Linda Vogel spielt nicht trotzig gegen den ursprünglichen Klang ihres Instruments an: «Wieso sollte ich mich nicht der Klischees bedienen und auf all die schönen Sachen der Harfe verzichten?», fragt sie rhetorisch. Aber ja: «Es ist eine Gratwanderung.»

Linda Vogel: Maps to Others (Radicalis). Konzert: 26. April, Helsinki, Zürich.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.04.2019, 18:33 Uhr

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