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Ätzende Abgründe tun sich auf

Mit «Revival» bringt Eminem ein Album heraus, das einen nicht gerade umhaut. Nur seine Wut auf Trump, die vermittelt er grandios.

Eminem ist wütend auf Trump, daran lässt er keine Zweifel. Foto: Brian Kelly
Eminem ist wütend auf Trump, daran lässt er keine Zweifel. Foto: Brian Kelly

Die grundvernünftig widersprüchliche Doppelzange, in die einen der amerikanische Rap-Superstar Eminem in seinen besten Momenten schon immer genommen hat, geht so: «Mein Lieber, schau mich an! Bist du mit deiner Ansage fertig, bist du zufrieden mit den Pointen, mit denen du mich zum unwichtigsten aller Wichte erklärt hast? Ja? Oder hast du noch irgendwas gegen mich vorzubringen? Nein? Dann halt die Schnauze und pass auf, weil: Jetzt rapp ich dich in Grund und Boden, und zwar, indem ich erzähle, wie lächerlich ich wirklich bin. Dagegen werden die läppischen Beleidigungen, die dir eingefallen sind, eine Streicheleinheit gewesen sein.»

Wo bei der Mainstream-Rap-Konkurrenz nichts als leidlich originell gereimte Angeberei herrschte, taten sich bei Eminem ätzende Abgründe auf, die er wahnwitzig eloquent (wenn auch in der Wortwahl genretypisch unzimperlich postpubertär) servierte, immer gleichzeitig extrem angriffslustig, auf dem Sprung direkt ins Gesicht seines Gegenübers, und selbstironisch bis ins Selbstzerstörerische. Auf der Schlachtbank seiner Reimkunst war das Opfer, das am Ende am übelsten zugerichtet wurde, meistens Eminem selbst.

Irrwitzigen Erfolg brachte ihm das. Von seiner zweiten Platte «The Slim Shady LP» verkaufte der als Marshall Bruce Mathers III 1972 in St. Joseph im Bundesstaat Missouri geborenen und in Detroit in ärmlichen Verhältnissen vaterlos aufgewachsenen Rapper 1999 18 Millionen Einheiten. Die dritte Platte, «The Marshall Mathers LP», war dann der finale Triumph, künstlerisch wie kommerziell. Sie fand unvorstellbare 32 Millionen Käufer. «The Eminem Show» 2002 auch noch 27 Millionen. Der im selben Jahr veröffentlichte Hollywood-Film «8 Mile» über sein Leben, in dem er auch selbst die Hauptrolle übernahm, spielte 250 Millionen Dollar ein. Und für den grandiosen Titelsong «8 Mile (Lose Yourself)» gab es auch noch einen Oscar. Eminem Superstar. Ganz oben.

Zu schwer, zu uninspiriert

Bis 2004 ging das so, dann forderte der Drogen- und Medikamentenmissbrauch Tribut. Erst 2009 erschien mit «Relapse» ein weiteres Album. Die ganz grosse Eminem-Show war vorbei, aber sowohl «Relapse» als auch die Nachfolger «Recovery» (2010) und «The Marshall Mathers LP 2» (2013) erreichten – in einem rasant schrumpfenden Musikmarkt – Millionenauflagen. Und Songs, die nicht nur grandios waren, sondern auch noch grosse Hits («Crack A Bottle», «We Made You») wurden, gabs ebenfalls wieder.

Man muss das erwähnen, weil nun unter dem Titel «Revival» endlich das neue, neunte Album Eminems erschienen ist und einem beim Hören sofort wieder diese furchteinflössend eloquent-selbstreflexive Aggressivität anspringt, also die ganze Kraft und das einzigartige Talent dieses Mannes – man aber trotzdem nicht recht vom Hocker fallen mag. «Revival» ist der Fall eines guten Albums, das doch nichts taugt. Auch die Refrains, die nach allen Regeln der Kunst grosse und grösste Popstars wie Kehlani, Pink, Beyoncé, Alicia Keys, Skylar Grey und sogar der Popstar des Jahres, Ed Sheeran, besorgen, zünden nie wirklich. Das Soundgewand wirkt einfach zu instinktlos zusammengezimmert, die Melodien sind zu eilig komponiert; und dann wird in «Remind Me» auch noch geradeaus in ganzer Billigpracht Joan Jetts «I Love Rock ’n’ Roll» gesampelt. Autoscooter-Hip-Hop.

Es gibt weder nervös-verwehte Beatbasteleien wie beim derzeit wegweisenden Hip-Hop-Genre Trap, noch ausgefuchste Retro-Avantgarde-Spielereien wie bei Kendrick Lamar oder Jay Z. «Revival» liefert zu schweren, aber uninspirierten Beatspuren bloss Gratis-Emo-Leim wie elegisches Pianogeklimper und turmhohe Streicherwände.

Er oder ich

So geht beinahe unter, dass man Eminem trotz aller Lieblosigkeiten eines wirklich nicht vorwerfen kann: unpolitisch zu sein. Im Gegenteil. Dreh- und Angelpunkt ist die grenzenlose Wut auf Trump und das Amerika Trumps, schon das Cover lässt da keine Missverständnisse aufkommen (hinter der Flagge fasst sich schemenhafter Eminem fassungslos an die Stirn). Mit dem neuen Album will sich Eminem offenkundig als zornigster und eloquentester aller Gegner des Präsidenten präsentieren. Als Kind der weissen Unterschicht wird er damit einen guten Teil seiner Fans aus ebendiesem Milieu, in dem Trump mehr denn je verehrt wird, vergraulen. Im politisch enthaltsamen bis opportunistischen Mainstream-Entertainment-Geschäft ist das in dieser Vehemenz durchaus keine Selbstverständlichkeit. Und er macht es, in «Like Home» etwa, wirklich gut, plötzlich stimmt für das brachiale Soundpathos die Fallhöhe.

Noch besser, nämlich wirklich unwiderstehlich, brillant, war er zuletzt eigentlich nur in dem Video zu seinem ersten, viereinhalbminütigen Wutausbruch gegen Trump, das vor einigen Wochen um die Welt ging. In einem Parkhaus steht er da vor der Kamera, hinter ihm einige finster blickende Kumpels, und dann zerlegt er Trump nach Strich und Faden als letzten Menschen, bevor er von seinen eigenen Fans fordert, sich zu entscheiden: Er oder ich – oder ihr könnt ihn mal. Er tat es effektvoll a cappella, vollkommen ohne Musik.

Was für ein Album hätte «Revival» werden können, wenn dieser noch immer begnadete Wortjongleur einen ebenso begnadeten Soundjongleur an seiner Seite gehabt hätte.

Eminem: «Revival» (Aftermath/Shady/Interscope)

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