Afrika für alle

Strassenrap und afrikanische Beats aus der coolen Wohngegend in Paris: Das ist die Musik von MHD, dem neuen Star des französischen Hip-Hop. Jetzt spielt er in Montreux.

Nimmt keine Rücksicht auf Staatsgrenzen: Der französische Rapper Mohamed Sylla alias MHD spielt am 15. Juli am Montreux Jazz Festival. Foto: Urs Jaudas

Nimmt keine Rücksicht auf Staatsgrenzen: Der französische Rapper Mohamed Sylla alias MHD spielt am 15. Juli am Montreux Jazz Festival. Foto: Urs Jaudas

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Fragt man Mohamed Sylla nach seinem aktuellen Lieblingskünstler, zögert er nicht lange. «MHD!», antwortet er mit Nachdruck – und lässt jede weitere Erklärung weg. Die ist auch unnötig: MHD steht für Mohamed und ist er selbst. Der Pariser Rapper mit guineischen und senegalesischen Wurzeln ist der Star des Augenblicks in Frankreich und weiten Teilen der Welt – ein Künstler, der es in vier Monaten vom Pizzakurier zum Popstar geschafft hat und der nun das Genre Afro-Trap etablieren will.

Fotoblog Zoom Bilder aus 50 Jahren Montreux.

Seine Musik, eine Mischung aus modernem, stakkatoartigem Rap und schnellen, afrikanischen Rhythmen, ist der Soundtrack des Moments. Es ist eine Musik, die junge, urbaner Kultur zugeneigte Menschen – egal, ob in Paris, in Bordeaux, in Zürich, in Berlin, in New York oder in Conakry – unweigerlich in Bewegung versetzt. Man tanzt dazu, man hüpft ekstatisch, oder man zuckt zumindest rhythmisch mit den Schultern, so, wie es Sylla und seine Freunde in ihren Videos vormachen.

Im Takt der Freunde

Und fast zu jedem dieser Stücke existiert mittlerweile ein kurzer Begleitfilm, allesamt millionenfach angeschaut auf Youtube. Sie zeigen den Rapper bei mehr oder weniger spontanen Rapeinlagen in den Strassen von Paris, auf seinem Stammterrain in der Cité Rouge im 19. Arrondissement. «Man trifft bei uns alle, Schwarze, Weisse, Juden. Mein Quartier ist wie Paris im Kleinformat, es ist cool, sauber, friedlich, familiär.»

Die Videos zeigen ihn aber nicht nur auf dem rollenden Hoverboard in seinem Viertel, sondern auch auf Zwischenstopp in Barcelona oder beim spontanen Halt in den Bergen. Raus aus dem Auto und Kamera an, so entstehen die Videos. Und immer sieht man Mohamed mit seiner Gefolgschaft, gewandet in Trainingsanzüge, Turnschuhe und Fussballtrikots. Alle im Takt, wiegen sie sich zur Musik, die es vor kurzem so noch nicht gab.

Doch streng genommen hat der 21-Jährige nichts erfunden: Seit Jahren experimentiert man in Südafrika, an der Elfenbeinküste, in Nigeria, in Angola und in Senegal mit der Kombination von elektronischer Musik, afrikanischen Rhythmen und Rap. MHD hat nur das getan, was längst überfällig war: mutig all diese Strömungen gebündelt und zur französischen Sprache gebracht. Die Düsternis und Grimmigkeit des Trap, jener zischelnden, Anfang der Nullerjahre in Atlanta geborenen Richtung des Rap, fehlt bei ihm fast vollständig. Nicht aber die Zielstrebigkeit: Konkrete, vorwärtstreibende, abgehackte Rhythmen bilden das Fundament für seine Stücke. Komplettiert mit den lieblichen, volksliedhaften Melodien und den phrasenhaft ausgestossenen Textportionen – und sei dies nur ein «Beweg dich, los, beweg dich!» –, ergibt sich eine unwiderstehliche Mischung, made in Paris.

Dieser Afro-Trap bleibt ganz bewusst ein panafrikanisches Produkt: «Ich setze mir überhaupt keine Grenzen», sagt MHD, «ich repräsentiere den ganzen Kontinent von Südafrika bis Marokko. So höre ich auch Musik. Ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen. Wieso sollte ich die Gelegenheit nicht nutzen, um ganz Afrika zu repräsentieren?» Wieso auch bescheiden bleiben, wenn man es mit einer Musik, die mal eben so aus Spass in den Ferien entstanden ist, zu einem der gefragtesten Männer im französischen Showbusiness geschafft hat?

Mohamed Sylla sitzt in bordeaux­roten Trainerhosen im Fumoir des Zürcher Musiklokals Exil, in dem er im Frühling gespielt hat. Er reibt sich die müden Augen, raucht und trinkt Cola. Kurz vor dem Konzert, so sagt er, werde er dann wie gewohnt zu Milch wechseln. Sonst gebe es für ihn keine Rituale: «Ich setze einfach die Sonnenbrille auf, gehe da hoch und mach mein Ding.» Die Coolness ist ein nicht zu verachtender Erfolgsfaktor seiner Musik. MHD trägt zwar Sportklamotten, aber schwitzen muss er deshalb noch lange nicht.

Zurück in Guinea

Allein in Frankreich hat Sylla mittlerweile gegen 100'000 Exemplare seines Debütalbums verkauft. Anfang des Jahres standen drei seiner Singles in den Top 10 der französischen Charts. Am Rande seines Zürcher Auftritts erzählte sein Manager, er habe den Chef eines grossen französischen Radiosenders angefleht, die Musik seines Künstlers doch bitte ein bisschen weniger oft zu spielen. Jede Stunde zweimal MHD, das sei doch zu viel. Die Intervention blieb erfolglos. Seine aktuelle Tournee führt Sylla durch Europa, die USA und nach Afrika. Auch in der guineischen Hauptstadt Conakry, der Heimat seiner Mutter, wird er auftreten: «Klar ist das speziell. Da liegen meine Wurzeln», sagt er nach einem Schluck Cola. «Und die Leute sind dort extrem stolz auf das, was ich erreicht habe.» Bislang besuchte er Guinea alle zwei bis drei Jahre. Jetzt wird das vielleicht öfter der Fall sein.

Seine Musik ist durchwegs positiv, energetisch. Nur auf den Durchdreh-Effekt möchte sich MHD aber nicht reduzieren lassen. Das Album ist zwar über weite Strecken perfekt sowohl für einen Partyabend wie auch für eine Fitnesseinheit, doch hat es auch seine ruhigen Momente. So zum Beispiel «Wanyinyin», das die Platte beschliesst und das ohne Beat auskommt. Nur ein hallendes Klavier, dezente Perkussion und die Stimme der grossen Angélique Kidjo im Refrain begleiten MHD auf dem Liebeslied, dessen Titel übersetzt «Meine Liebste» heisst.

Ein gewiefter Taktiker

Auch das ist Afro-Trap: Schnipsel und Zitate aus verschiedensten Sprachen und Kulturen nehmen und für die eigenen Zwecke nutzen – auch die neuen deutschen Strassenrapper machen das nicht anders. Doch so spontan und euphorisch die Musik klingt, so genau weiss MHD, was er tut, und so gut bereitet er sich auf seine Aufnahmen vor: «Das ist wie im Fussball», sagt der Fan von Bordeaux und Paris St-Germain: «Ich trainiere, lege mir eine Taktik zurecht, und wenn ich dann auf dem Feld stehe, versuche ich das umzusetzen.»

In Worte zu fassen, was er losgetreten hat, fällt dem Rapper schwer. Nur knapp erzählt er auch von seiner musikalischen Sozialisierung. Davon, dass er mit Chansons oder dem Rap von Rohff oder Booba genauso aufgewachsen sei wie mit afrikanischen Volksliedern und Daft Punk. «J’écoute tout, tout, tout», betont er und reibt sich die Augen. Am Vorabend hat er vor zweitausend Fans in Paris gespielt. In Zürich wurden im Vorverkauf nur etwa 90 Tickets abgesetzt. Doch das Lokal wird voll – und die Menge wogt zur neuen Weltmusik.

Erstellt: 29.06.2016, 18:37 Uhr

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