Als der Bosporus psychedelisch wurde

Die holländisch-türkische Band Altin Gün spielte an den Musikfestwochen Winterthur. Für den Vibe, nicht für die Politik.

Altin Gün liessen in Winterthur aufhorchen.

Altin Gün liessen in Winterthur aufhorchen. Bild: Dominique Meienberg

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Diese Musik bringt die Körper zum Schwingen. Und sie kann bewusstseinserweiternd wirken, was nichts mit dem Haschrauch zu tun hat, der vor der Bühne der Musikfestwochen Winterthur in die Nase steigt. Sondern nur mit diesem Saitensound, den Erdinc Ecevit Yildiz mit seiner elektrischen Saz erzeugt und der so weit durch das Klangbild reist, bis er die Leadstimme übernimmt. Und von dort immer weiter schwingt.

Die Sounds des langhalsigen Lauteninstruments – das so prägend ist für die Volksmusiken von Afghanistan bis zum Balkan – treffen sich nun mit den Wah-Wah-Gitarren, den Synthie-Figuren, dem dichten und doch so federnden Groove einer fantastischen Rhythmusgruppe. Es hört sich dann an, als spielten Altin Gün die selbstverständlichste Musik der Welt und nicht eine Kombination aus anatolischen Folkelementen und westlichen Funk- und Rockspielarten. Erklärungen und ausführliche Ansagen, woher diese Musik denn kommt, würden den Grundpuls dieses Auftritts aber nur stören und auf eine Exotik fokussieren, die Altin Gün auf ihrem Debütalbum «On» und an ihren Konzerten vermeiden.

Tauziehen zwischen Ost und West

Aber fragen nach der politischen Dimension einer holländisch-türkischen Band darf man natürlich. Jasper Verhulst, Bassist und Gründer von Altin Gün, und der Saz-Spieler und Sänger und Keyboarder Yildiz antworten dann im kurzen Gespräch deutlich verneinend. Denn es geht ihnen nicht um Protest oder Politik, sondern ums Vereinende, um die «positiven Vibes».

Viel lieber erzählt Verhulst, wo er die Urquelle der Altin-Gün-Musik gefunden hat: im Plattenladen. Vor etwa zehn Jahren entdeckte Verhulst eine Nachpressung eines Albums der Sängerin Selda Bagcan. Wie ihre Begleitband in den 70ern verrückte Soundeffekte und traditionelle türkische Musik kombinierte, das liess ihn nicht mehr los. Er beschloss, diese Musik selber zu spielen. Via Facebook suchte er nach türkischen Musikern, und er fand dann neben der Sängerin Merve Dasdemir auch den Saz-Spieler Yildiz. Es funktionierte vom ersten Tag an, auch wenn Verhulst kein Türkisch spricht und viele der gesungenen Texte auch nicht versteht. War das nie ein Problem, Stichwort kulturelle Aneignung? «Nein, nie. Wenn du die Musik spürst, dann darfst du sie spielen.»

Der Song «Goca Dünya». Video: Youtube.

Altin Gün knüpfen in ihrer Musik an jene Zeit an, als der Rock ’n’ Roll auch am Bosporus psychedelische Färbungen angenommen hat. Es ging in der Musik von Selda Bagcan, aber auch von Erkin Koray – dem türkischen Elvis – oder Baris Manco stets auch um ein Tauziehen zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne. Damals sangen die Musiker – ausgestattet mit mächtigen Schnurrbärten – alte Texte anatolischer Folkmusiker, schlossen sie kurz mit dem Rock, der aus den US-Militärradios hallte. Drogen? Spielten eine Rolle, doch darüber singen kam nicht infrage.

Die vier Musiker und zwei Musikerinnen von Altin Gün gehen nun ähnlich vor wie die Pioniere dieser türkischen Psychedelik: Sie holen einige Texte des Folkmusikers Neset Ertas in die Gegenwart, singen sie über eine zeitlose Musik, die mal härter groovt, mal stärker nach Krautrock klingt. Was denn die Texte von Ertas ausmachen? Yildiz sagt, dass sie mehrdeutig und schlicht wunderbar geschrieben sind. Es gebe da etwa das Stück «Sad Olup Gülmedim», in dem Ertas darüber singe, wie einer kein Glück auf Erden mehr finden werde. Das Stück ist der Moment, in dem auf der Platte wie am Konzert der Tanz abbricht und der Hallraum der Saz weiter und weiter wird. Und man weiss: diese weit gereiste Musik wird noch viel weiter reisen.

Altin Gün: «On» (Bongo Joe). Konzert: 14. Okt, Bee-Flat, Bern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2018, 09:23 Uhr

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