Alte Seele in junger Frau

Die grossartige junge amerikanische Jazzsängerin Cécile McLorin Salvant kommt ans Zürcher Jazznojazz.

Cécile McLorin Salvant ist ein Ausnahmetalent ihrer Generation. Foto: PD

Cécile McLorin Salvant ist ein Ausnahmetalent ihrer Generation. Foto: PD

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Etwas muss in dieser Sängerin drin sein. Irgendein spezielles Fluidum, eine besondere seelische Qualität. Seit zwei, drei Jahren macht Cécile McLorin Salvant, die 28-jährige schwarze Jazzsängerin mit Geburtsort Miami, von sich reden. Und das keineswegs nur, weil sie gern überdimensionierte weisse Brillengestelle trägt und Kleider in satten Farben. Würde sich denn ein Wynton Marsalis davon blenden lassen? Der berühmte New Yorker Trompeter mit der spitzen Zunge meinte im Frühjahr, eine Sängerin wie Cécile McLorin Salvant gebe es im Jazz höchstens ein- oder zweimal innerhalb einer Generation.

Sekundenwunder

Jetzt erscheint McLorin Salvants neues Doppelalbum «Dreams and Daggers», am Jazznojazz stellt sie es vor. Vor allem Mitschnitte von Konzerten im September 2016 im geschichtsträchtigen New Yorker Club Village Vanguard sind da zu hören. McLorin Salvant singt etwa den Jazzstandard «Never Will I Marry» von 1960. Nach einer kurzen Einleitung des begleitenden Klaviertrios kommt die Sängerin. Sie singt vorerst nur kurze 53 Sekunden. Doch das ist so voller Leben, so fein in der Nuance, so unterschiedlich in den verwendeten Timbres – das Publikum im Village Vanguard geht mit. Aufschreie sind zu hören.

Und auch zu Hause vor dem Plattenteller spürt man etwas vom Charisma dieser Sängerin. Spürt, was der Kontrabassist Rodney Whitaker erlebte, als er die Sängerin 2010 beim wichtigsten amerikanischen Jazzwettbewerb begleitete, der Thelonious-Monk-Competition. Whitaker gab später an, er habe schon bei der kurzen Anspielprobe gewusst, dass die damals 21-Jährige obsiegen würde. Er habe noch nie jemanden getroffen, der die ganze Geschichte des Jazzgesangs derart in sich vereinige wie McLorin Salvant und zugleich etwas Eigenes habe.

Hört man sich durch «Dreams and Daggers» hindurch, so kann man diesen Satz leicht nachvollziehen. Da gibt es diese vielleicht nur eine Sekunde dauernden kleinen Stellen: ein Wort, das McLorin Salvant vielleicht wie Billie Holiday betont. Ein Passäglein der Leichtigkeit à la Ella Fitzgerald. Momente der rauen Realistik wie bei den Bluesqueens der 1920er-Jahre.

Als Kind mit «Grandma» angesprochen

Das Verrückte nun an Cécile McLorin Salvant ist, dass sie, die wirkt, als wäre sie in einer Suppe aus Jazz und Blues aufgewachsen, relativ spät zu diesen Musiken fand. 1989 geboren als Tochter einer Französin aus Guadeloupe und eines haitianischen Arztes, wuchs sie vor allem mit Klassik und Pop auf. 18-jährig studierte sie im französischen Aix-en-Provence klassischen Gesang. Doch dann begann sie, sich exzessiv mit Jazzgesang zu befassen. Überhaupt mit der Tradition des Jazz: Der Zeitschrift «The New Yorker», die McLorin Salvant unlängst auf einem halben Dutzend Seiten porträtierte, erzählte sie, wie sie sich stundenlang in Soli von Jazzinstrumentalisten wie Benny Golson, Oscar Peterson oder Sonny Rollins versenke. «Wenn du öfter ein Solo abhörst, ist es, als ob du in den Kopf einer Person hineinzukommen versuchst.»

Und wo sie ohnehin offen ist für Geschichte, kommt hinzu, dass sie besonders das ganz Alte mag. «Ich liebe es, wenn ein Song hundert Jahre alt ist und sich immer noch mit unserem heutigen Leben verbindet.» Als Kind in Miami wurde McLorin Salvant mit dem Kosenamen «Grandma» angesprochen. Schon damals interessierte sie sich für alte Musik, alte Bücher. Und Al Pryor von ihrem Plattenlabel Mack Avenue erzählt, er habe sich bei der ersten Begegnung mit ihr schon gewundert. Sie erschien ihm als «alte Seele in einer jungen Frau».

Emanzipatorisches

Als wolle sie auch auf ihren neuen Alben Medium für Vergangenes sein, singt McLorin Salvant ein Stück der Blues- und Jazzsängerin Ida Cox aus dem Jahr 1924. Wenn sie in «Wild Women Don’t Have the Blues» von Frauen berichtet, die bitte doch keine «Engelskinder» sein sollen, die sich die Männer hart arbeitend Tag und Nacht halten mögen, scheint ein frühes Kapitel schwarzer weiblicher Emanzipation aufzublitzen.

Cécile McLorin Salvant kostet im New Yorker Village Vanguard die Blues-Silben aus. Das Publikum, wir schreiben das Jahr 2016, es ist ganz bei ihr. Es applaudiert. Es johlt. Der Blues von 1924 verbindet sich mit der Gegenwart.

Cécile McLorin Salvant: Dreams and Daggers (Mack Avenue/MV). Live am Jazznojazz: 2. November, 19.30 Uhr, ZKB Club im Theater der Künste, Gessnerallee. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2017, 18:19 Uhr

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