«Anti» ist Rihannas Tinder-Tagebuch

Die barbadische Popsängerin wischt in ihrem neuen Album von Genre zu Genre und erzählt ihre Dating-Geschichten.

Mit Ausschnitten aus diesem rätselhaften Kurzfilm bzw. Game liess Rihanna ihre Fans auf das Album warten: «ANTI diaRy» auf Youtube.


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Ihr achtes Album ist fertig, und Rihanna posaunt es in die Welt hinaus. «Ein Geschenk für meine Navy!!!», twittert die barbadische Popsängerin und liefert einen Download-Link, sodass ihre Fans kostenlos auf ihre Kunst zugreifen können. Eine grosszügige Geste? Wohl eher ein realistischer Zug, nachdem «Anti» gestern Nacht geleakt ist. Kein Problem für PR-Profi Rihanna: Nicht nur kann man das Album jetzt offiziell auf Jay-Zs Streamingdienst Tidal hören, an dem Rihanna auch beteiligt ist, auch dürfte das Album schon vor seinem Erscheinen zum Erfolg geworden sein: Das Getöse, das der Veröffentlichung vorausging (Verspätung, Tracklist-Leak), sorgte für Publicity, und ein Deal mit Werbepartner Samsung für Einnahmen. Zudem lässt Rihanna ihre Fans mit Daten zahlen: «Sign up at Antidiary.com».

Robyn Rihanna Fenty, vor 11 Jahren von Jay-Z entdeckt, hat mit 27 Jahren bereits acht Grammys gewonnen, ihr folgen 55 Millionen auf Twitter, und sie hat immer ein bescheidenes Skandälchen parat, bevor eine neue Platte erscheint, die genau dieses thematisiert. Kurz vor «Talk That Talk» (2011) waren es ihre Freizügigkeit und ein Sexshop-Besuch, vor «Unapologetic» (2012) ihr exzessiver Marihuana-Konsum und heute: Rihannas mal schwieriges, mal aufregendes Singleleben und die zermürbende Suche nach einer funktionierenden Beziehung.

Herzschmerz ohne Larmoyanz

Für das Album liess sie sich vier Jahre Zeit. Zeit, die sie auch nutzte, um auf die Jagd zu gehen: Rennfahrer Lewis Hamilton, Real-Madrid-Kicker Karim Benzema, Rapper Travis Scott und Leonardo DiCaprio — sie alle scheinen Rihanna umworben zu haben und nun auch Teil ihrer Lyrics zu sein. Das Thema von «Anti»? Klar: die Liebe. Aber auch all das, was sie mit sich bringt: Streit, Herzschmerz, Einsamkeit, Fehler und Reue. Larmoyant ist «Anti» dennoch nicht: Zu selbstbewusst und vielseitig handelt Rihanna das Thema ab.

In «Consideration» etwa löst sie sich mit ausgeprägtem Barbados-Slang, ihrer mal fragilen, mal starken Stimme und harten Beats von einer beschwerlichen Beziehung. Zusammen mit der talentierten R’n’B-Sängerin Solana Rowe alias SZA führt Rihanna ins Konzept des Albums: Minimalismus trifft auf irritierend wandelbare Stimmen, die leben: mal leiden, mal lieben, dann fordern — ohne ihre Verletzlichkeit zu verbergen. Ein toller Einstieg, der zu den mysteriösen Klängen des von Flying Lotus inspirierten «James Joint» führt. Das Thema: Kiffen und Küssen — bis die Polizei kommt («We’re too busy kissing / Just making scenes / Here come the police»).

«Work», das Feature mit Drake, ist ein herrlich typischer Rihanna-Song: Reggae-Beat und eine verrucht undeutliche Stimme, aus der ihre Coolness spricht: Dazu muss man tanzen. Der enthusiastische Höhepunkt des Albums ist hier erreicht. «Desperado» läutet die düsteren Themen ein («I don’t wanna be alone»): Musikalisch oszilliert Rihanna darin zwischen harten Trommeln und sanften Klängen, stimmlich zwischen verführerisch und fordernd, sprachlich zwischen bleiben und gehen. Ein Song, der nie explodiert, dafür in seiner Unschlüssigkeit verharrt.

Schlicht, zart, schön

Ungewöhnlich, unpassend und doch gelungen scheint Rihannas Cover der australischen Rockband Tame Impala. Im psychedelischen Track «Same Ol’ Mistakes» überlagert sich ihre Stimme bis zur Unkenntlichkeit und beschreibt das Verliebtheitsgefühl («Feel like a brand new person / In a new direction»). Danach folgt der Blues-Track «Love on the Brain», in dem sie schlicht fordert: «Love me». Nach diesem Vintage-Soul endet «Anti» mit der minimalistischen Ballade «Close to You»: Nur Rihanna und Piano. Schlicht, zart, schön.

Eigentlich ziemlich mutig, die Genresprünge, die Rihanna wagt und die ihr auch gelingen – mal mehr, mal weniger authentisch. Wäre das Thema aber nicht immer dasselbe, könnte man von einer echten Abwechslung sprechen. Und so klingt «Anti» wie Rihannas Tinder-Tagebuch: Sie wischt von Genre zu Genre und von Date zu Date, mal klingt es intensiv, mal oberflächlich, mal sexy, mal monoton. Was aber klar ist: Sie will sich nicht festlegen. Macht zwar Spass, hilft aber nicht, eine musikalische Linie zu finden. Oder eine Liebe.

Erstellt: 28.01.2016, 17:52 Uhr

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