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Auf kalifornischer Gedenkfahrt

Der Singer und Songwriter Jonathan Wilson versuchte in Zürich, sein hochgelobtes Album «Fanfare» zu spielen.

Ausbruch aus dem Hippiereservat: Jonathan Wilson am Roskilde Festival in Dänemark.
Ausbruch aus dem Hippiereservat: Jonathan Wilson am Roskilde Festival in Dänemark.
Unger Anthon, Keystone

Es war, als sei wieder 1976 und die Sonne strahle den späten Blumenkindern den Weg in die Zukunft, die es für sie nicht mehr gab. Im letzten Herbst veröffentlichte Jonathan Wilson, Musiker und Produzent in Los Angeles, mit «Fanfare» einen Songzyklus, der zurückblickt auf den kalifornischen Pop der Siebzigerjahre – wofür er in den Classic-Rock-Magazinen der Welt ausgiebig gefeiert wurde. Und zum Teil ja auch zu Recht, denn das Album ist von einiger nostalgischer Strahlkraft, wie es sich wieder einblendet in die damalige, ja auch schon reichlich sentimentale Hippiedämmerung um Sängerkerle wie James Taylor, Jackson Browne oder die Eagles. Und jetzt kam Jonathan Wilson, dieser 39-jährige Nachgeborene, mit seiner Band also noch einmal nach Zürich, um dieses Album vorzustellen; und das Publikum versammelte sich am Dienstagabend prompt und dicht gedrängt im Bogen F, um sich ein bisschen mitblenden zu lassen vom alten Licht. Bloss, da lag absolut keine Kraft mehr darin, und was man sah und hörte, war eine reaktionäre, aus ausgebeulten Rock- und Countryformeln gebaute Musik – und einen Sänger, der davon so ergriffen war, dass er Schlüsselbegriffe wie «Love», «Magic», «Vision» oder «Angel» kaum mehr zu singen imstande war, sondern hauchen musste. Dazu rieben sich die Gitarren sachte an geschmeidigen Bässen, und nur der Organist verausgabte sich, als wringe er verschwitzte Bettlaken aus dem Hotel California aus. War es Jonathan Wilson auf dem Album – auch dank der Hilfe von Originalen wie David Crosby, Graham Nash oder Jackson Browne – noch gelungen, sich die alten Zeiten als glücklich oder zumindest wohlig zu halluzinieren, fiel nun, auf der Bühne, der ganze Zauber ab. Und es war, als befinde man sich auf Gedenkfahrt mit dem Costa Cordalis des Big Sur, der stilecht in Stetson und Lederweste vorausging. Die Fiktion jedenfalls eines kalifornischen Hippiereservats im Sonnenuntergang entrückte immer weiter, je länger die Strasse wurde mit all den flachgelegten Mädchen an ihrem Rand und mit all den schlagerhaften Melodien aus dem Lautsprecher. Froh war man geradezu, danach in einen weiteren regnerischen Zürcher Abend entlassen zu werden.

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