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Auflegen wie mit ausgestrecktem Zeigefinger

Die 30-jährige Hamburger DJ und Produzentin Helena Hauff ist eine gefeierte Ausnahme in der Welt der elektronischen Clubmusik – aber längst nicht nur, weil sie eine Frau ist.

«The gothiest and rockiest DJ of our time»: So wird Helena Hauff von ihrem Label beworben. Foto: Fabian Hammerl
«The gothiest and rockiest DJ of our time»: So wird Helena Hauff von ihrem Label beworben. Foto: Fabian Hammerl

Sie ist noch nie mit einem Privatjet von Gig zu Gig geflogen, so wie es die DJs der absoluten Topliga mit den Millionengagen tun. «Aber ich hatte in England mal drei Bookings an einem Abend. Da hatte ich einen sehr netten Fahrer, der hat mich von London nach Leeds und danach nach Sheffield gebracht», sagt Helena Hauff. An allen drei Orten legte die 30-jährige Hamburgerin ihre kompromisslose Mischung aus Techno- und Electro-Platten auf. Die Menge tobte. Dann packte sie ihre Plattentasche wieder zusammen. Und weiter.

Hauff gehört seit knapp drei Jahren zu den Stars der DJ-Szene. In diesem Sommer ist sie – zu Gagen, die «noch vierstellig» sind – in fast jedem wichtigen Club sowie auf beinahe allen Festivals der elektronischen Musik gebucht.

Die DJ-Szene ist notorisch männerdominiert

Ihr Aufstieg begann im kleinen Golden Pudel Club in Hamburg und erscheint völlig logisch. Denn ihr DJ-Stil ist sensationell: Hauff spielt nur mit Vinylplatten und zwei Plattenspielern – ein ungewöhnlich puristischer Ansatz in Zeiten, in denen viele DJs nur noch Memorysticks voller MP3-Files mitbringen. Diese stecken sie in digitale Geräte, die zwar noch die miniaturisierte Anmutung eines Plattentellers haben. Allerdings lassen sie ein ungleich brachialeres Effektfeuerwerk zu. Loop-Funktion, Hall, Echo, alle möglichen Schreddereffekte und die Möglichkeit, mehrere Tracks übereinanderzulegen, und darüber dann noch eine A cappella-Spur. Hauff spart sich das alles. Sie mixt einfach eine Vinylscheibe perfekt in die nächste – und dreht sich, wenn ein Track mal länger braucht, um zum Höhepunkt zu kommen, in der Zeit eine Zigarette. Und zündet sie an. Vor 10'000 Leuten.

Trotzdem überrascht Helena Hauffs Karriere auch. Die DJ-Szene ist notorisch männerdominiert, mehr noch als die Pop- oder Rockwelt. Ein Thema, das komplex ist. Wie wäre es mit einer Quote? «Ich würde auch auf einem Festival auflegen, auf dem ich die einzige Frau bin. Ich könnte das natürlich boykottieren. Aber was würde das bringen? Immerhin haben sie ja eine Frau.» Das klingt hart. Aber es ist nicht so gemeint. Hauff weiss natürlich, dass es DJ- und Produzentinnenkollektive wie Female Pressure oder Discwoman gibt, die die mangelnde Präsenz von Frauen in der Szene immer wieder thematisieren. Sie organisieren eigene Veranstaltungen, bei denen nur Frauen auflegen. Helena Hauff sagt: «Ich würde mir wünschen, dass man in Zukunft nicht mehr darüber sprechen muss. Dass es eine Normalität bekommt, wenn Frauen auflegen. Und dass Veranstalter eine Frau nicht wegen einer Quote einladen, sondern weil sie denken: Die Alte ist geil – also: geil als DJ.»

Sie ist nicht auf Twitter, Facebook und Instagram, strahlt aber gern Glamour aus.

Als Produzentin hat Hauff gerade ein fantastisches neues Album veröffentlicht, es heisst «Qualm». Ihr Label bewirbt es mit der Zeile, es stamme von «the gothiest and rockiest techno DJ of our time» – dem düstersten und rockigsten DJ unserer Zeit. Hauff rollt mit den Augen, vor allem wohl, weil das Thema Düsternis im Zusammenhang mit ihr immer wieder auftaucht. Weil sie hinter dem DJ-Pult nicht ständig lacht? Weil sie nun mal keine Happy-House-Musik auflegt? Hauff produziert trockene, mitreissende Tracks ohne Computer, nur mit analogen Synthesizern und mit sehr viel Übersteuerung.

Eine Rotzigkeit, die fast etwas Punkmässiges hat

Ein Sound, der nicht richtig klingt, und das mit voller Absicht. Ästhetisch ist er die Folge dessen, dass die Anlagen auf Raves und in den Clubs der 90er schlecht oder immer zu leise waren. Weswegen die DJs das Volumen immer höher in den roten Bereich drehten. Das harte Scheppern und Verzerren wurde irgendwann in Techno-, Acid- und Electro-Tracks zur eigenen Ästhetik. Hauff steht auf diese Rotzigkeit, die fast etwas Punkmässiges hat, als würde die Platte um einen ausgestreckten Mittelfinger kreisen. Ihre Produktionen klingen häufig so.

«Bei Festivals kommen dann die Leute vom Sound zu mir und sagen, dass ich doch den Volumenregler des Kanals herunterdrehen möge, weil das doch übersteuert sei. Dabei bin ich im grünen Bereich. Die Platte soll so klingen!»

Sonnenbrille und Plateauschuhe von Prada

Hauff ist nicht auf Twitter, Facebook oder Instagram aktiv. Sie will mit dieser Verweigerung aber nicht an die Zeiten anschliessen, als Kommunikationsverweigerung in der Techno-Kultur ein grosses Thema war. Früher liessen sich Produzenten nicht fotografieren und dachten sich für jede neue Veröffentlichung ein neues Pseudonym aus. Man sollte rätseln, wer dahintersteckt. Hauff sagt, dass heute so eine Strategie nicht mehr möglich wäre. Sie fährt zweigleisig: Ihrer Social-Media-Absenz steht gegenüber, dass sie – auf Fotos und in Videos – einen gewissen Glamour ausstellt.

Zum Interview trägt sie Sonnenbrille und Plateauschuhe von Prada, eine Handtasche von Alexander McQueen, ein Punk-T-Shirt, und ihre Nägel sind als Regenbogen lackiert – an jedem Finger eine andere Farbe. Ein toller Look. Würde man ihn auch bei einem männlichen DJ beschreiben? Vielleicht nicht. Wobei all dies in den Hintergrund tritt, sobald man Helena Hauff beim Auflegen beobachtet.

Helena Hauff: Qualm (Ninja Tune)

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