Aus dem eigenen Werk getilgt

Lana Del Rey, Lady Gaga oder Billie Eilish: Eine iranische Streamingplattform lässt Künstlerinnen von den Covers verschwinden. Die Musik darf aber bleiben.

Hier fehlt jemand, und zwar Lana Del Rey: Die Cover-Version des iranischen Streamingdienstes Melovaz. Foto: Melovaz

Hier fehlt jemand, und zwar Lana Del Rey: Die Cover-Version des iranischen Streamingdienstes Melovaz. Foto: Melovaz

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Billie Eilish ist aus dem Bett gefallen. Bradley Cooper schmachtet über seine Gitarre hinweg einen undeutlichen Nebel an, und zwar dort, wo eigentlich Lady Gaga sein sollte. Und für Miley Cyrus' Album «She Is Coming» gilt eher: «She is gone». Nicht mal mehr Marilyn Manson darf in Iran sein Album-Cover zieren. Vermutlich, und damit bekommt das Ganze zumindest ein bisschen Ironie, weil man ihn des Vornamens wegen für eine Frau gehalten hat. Denn das ist es, was gerade passiert: Die iranische Streaming-Plattform Melovaz retuschiert alle Frauen aus den Bildern auf ihrer Website heraus. Mal gekonnt, mal eher Microsoft Paint.

Der Twitter-Nutzer @IzzRaifHarz machte als einer der Ersten auf die retuschierten Covers aufmerksam: «If you are bored then you can try checking this music streaming site from Iran, they censored every female on music artwork like they don't even existed», fasste er den Vorgang auf Twitter zusammen und zeigte seine Highlights – darunter Lana Del Rey, Beyoncé und Taylor Swift.

Vielen war langweilig genug, um dem Aufruf zu folgen. Resultat: Im Social Web - und in der Folge auch in einigen vor allem spanischen Medien - sammelten sich schnell immer mehr Sammlungen mit in grossen Teilen skurrilen und nicht selten hanebüchenen Zensur-Beispielen. Twitter-Nutzer @Daydreamer findet die vermeintlich erste Lücke im System und schreibt: «They didn't have the nerve to remove the goddess herself» – Peppa Pig darf unverschleiert singen.

Einmal mit, einmal ohne Lady Gaga: «A Star Is Born». Foto: Interscope Records/melovaz.net

Damit ist sie in Iran seit der Islamischen Revolution vor 40 Jahren sehr einsam: Die Theokratie schränkt das Leben der Menschen nämlich stark ein. Das Land betreibt eine der striktesten Internetzensuren der Welt. Facebook und Twitter sind seit Jahren blockiert. Die Internetpolizei Fata kontrolliert Netzwerke wie Instagram. Erst vergangene Woche wurde die 22-jährige Influencerin Sahar Tabar festgenommen.

Kunst, Film und Kultur werden dabei von allem befreit, was nach Auffassung der Mullahs nicht erlaubt ist. Das trifft Sexszenen aus Hollywood-Filmen und Auftritte von Popstars. Frauen dürfen nicht öffentlich singen - zumindest nicht solo oder vor männlichem Publikum. In der Öffentlichkeit dürfen sie sich nicht unbedeckt zeigen. Das gilt auch im iranischen Netz - und dort auch für Nicht-Iranerinnen. Grosse Anbieter wie Spotify gibt es in Iran nicht.

Getilgte Männer

Bei den verbleibenden Plattformen verschwinden wiederum nicht nur weltbekannte weibliche Popstars. Scrollt man über die Website, findet sich auch ein Beispiel, bei dem zwei Männer getilgt wurden. Auf dem Cover des Albums «Ginger» der Band Brockhampton umarmen sich die Band-Mitglieder JOBA und Weston Freas – ein Anzeichen für Homosexualität, auf die in Iran die Todesstrafe steht.

Die Musik all dieser Künstler jedoch bleibt. Das zählt für Rapperin Iggy Azalea. Nachdem das Popkultur-Magazin Pop Crave eine Auswahl von Bildern geteilt hatte, reagierte Azalea: «The jokes on them cause I put a vagina reference in every song so who really won».

Erstellt: 16.10.2019, 10:01 Uhr

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