Tinguely dä Chnächt findet aus der Endlosschleife

Der Zürcher Rapper zeichnet auf seinem neuen Album seinen Lebenswandel nach – und den seiner Stadt gleich mit.

Mit «Calvados» hat Tinguely dä Chnächt ein Stück grosse Stadtpoesie geschaffen. Foto: Fritz Blitz

Mit «Calvados» hat Tinguely dä Chnächt ein Stück grosse Stadtpoesie geschaffen. Foto: Fritz Blitz

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Der Blues kennt kein Ende. Dieser Beat – ein bisschen Lo-Fi-Folk, ein bisschen kubricksche Dramatik, ganz wenig Hip-Hop – könnte ewig weiterlaufen. Und passend dazu fragt der Rapper, für den dieser massgeschneidert wurde, immer wieder: «Häsch scho? Bisch scho? Wotsch no?» Es klingt wie ein «Kommst du, oder gehst du?», und man merkt, dass die Antwort darauf eigentlich keine Rolle spielt. Denn obwohl der Strophentext schnell über Szenerien und Lebensstationen hinwegstreift, bewegt sich nichts. Dieses Leben in der Endlosschlaufe vertont der Zürcher Rapper ­Patric Dal Farra alias Tinguely dä Chnächt auf seinem neuen Album «Calvados». Es ist ein Leben, das er selbst jahrelang geführt hat.

Der 41-Jährige, aufgewachsen in Rüschlikon, ist zugleich Rapper und Stadtinventar. Ein Comic im «Züritipp» zeigte einst den Kiesplatz vor dem Kino Xenix im Wandel der Jahreszeiten. Als einzige Konstante auf jedem Bild zu ­sehen: Tinguely dä Chnächt, der wie ­angewurzelt auf dem Platz steht. Man ­erzählt sich diese Anekdote vom angewurzelten Tinguely immer wieder gerne in dieser Stadt. Man nimmt sie auch immer wieder in Artikeln auf. Weil sie einfach gültig war. Weil das Leben dieses Künstlers lange Jahre genau aus dieser Beharrlichkeit bestand, aus dieser Un­fähigkeit und diesem Unwillen, sich zu ändern. Es schien lange nur aus Nacht­leben, Wortspielen, Bier und Zigaretten zu bestehen.

«Dihei» von Tinguely dä Chnächt. Video: Youtube/bakaramusic

Auf dem Album spricht er auch dar­über, warum das alles so war. In einer Szene steht er nach einer Partynacht vor dem Grab seiner verstorbenen Eltern – und nimmt von dort ein Taxi an eine ­Afterhourparty, wankt weiter, verdrängt, verlängert die Nacht, trinkt ­weiter – während sich andere die Nase pudern und sich affig aufführen.

Abschied vom Trinkerleben

Manche Passagen auf «Calvados», seinem dritten Soloalbum, dem ersten seit acht Jahren, sind so traurig, dass man feuchte Augen bekommt. Sie sind so ­intensiv, wie Rap nur sein kann. Sie beschreiben gleichzeitig die nach und nach in Konsumbezirke kippenden Kreise 4 und 5 und den in seiner Schlaufe gefangenen Patric Dal Farra. Bis er – genau zur Halbzeit des Albums – diesen einen Menschen trifft, der ihm endlich erlaubt, sich aus dem Nacht- und Trinkerleben zu verabschieden und ein Zuhause aufzubauen.

Interessanterweise ist «Calvados» immer dann am spannendsten, wenn Tinguely einfach erzählt, wenn er Bilder aneinanderreiht, wenn er sein Seelenleben und die Beobachtung seiner Umgebung verbindet. Und es ist dann am uninteressantesten, wenn sich der grosse Wortspieler auf Wortspiele einlässt. Auch sie können eben Ausflüchte sein.

Nachruf und Neubeginn

«Calvados» ist durch und durch ein Hip-Hop-Album – und doch keines. Den Beats fehlt das Stoische, das Kraftvolle, das Hip-Hop-Beats sonst besitzen. Es ist eher Stimmungsmusik, die Produzent Hans-Jakob Mühlethaler alias Chocolococolo, den man auch von Produktionen für Lapcat, Wolfman oder Knackeboul kennt, entworfen hat.

Der Titel des Albums, «Calvados», ist eine Hommage an die gleichnamige Bar am Idaplatz in Wiedikon. Jahrelang wohnte Dal Farra in einer Kammer über diesem Lokal und ging dort ein und aus. Wenn er mehr Erfolg hätte, dann würde vielleicht irgendwann neben dem Eingang eine Plakette angebracht, auf der stünde, dass Tinguely dä Chnächt hier einst gehaust hat. Genau so etwas hätte er selbst sagen können in jenen Jahren, in seinem Hochmut und Stolz. Weil er sich missverstanden fühlte und das gerne auch kundtat. Und wenn sich diese Zeilen ein bisschen wie ein Nachruf lesen, dann nur, weil dieses Album einer ist.

Seit einigen Monaten hat der 41-Jährige nach Jahren der Gelegenheits- und Nachtarbeit wieder einen festen Job bei einem Magazin. Statt wie früher wie angewurzelt mit seinem Bier auf dem Kanzleiareal oder Idaplatz sieht man ihn nun vermehrt an den Rändern des Binzquartiers herumstreifen, in der Hand einen Plastiksack. Darin stecken nicht mehr Bier und Zigaretten, sondern Schwimmabo, Badetuch und Badehose. Tinguely hat sein Leben neu erfunden. «Calvados» ist, Nachruf und Neubeginn zugleich, ein Stück grosse Stadtpoesie.

Tinguely dä Chnächt: «Calvados» (Bakara/Godbrain) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2018, 08:56 Uhr

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