Ausziehn! Ausziehn!

Der R’n’B-Gigolo aus Los Angeles war da: Miguel stellte im Zürcher Kaufleuten sein neues Album «Wildheart» vor – mit vollem Körpereinsatz und viel nackter Haut.

Über Gespräche, Körpersprache, süsse Träume und den Kaffee am Morgen danach: Das Musikvideo zu Miguels «Coffee».


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Natürlich performt Miguel auch in Zürich, wie er es am liebsten tut: oben ohne. Doch wäre der Effekt verschenkt, trüge er zunächst nicht dieses weisse Federkostüm. Sodann einen ebenso weissen Fransenanzug, der an einen Wischmob erinnert und dynamisch mitschwingt, wenn Miguel seine Pirouetten dreht – schliesslich das flatternde, weisse Hemd, das er aufreisst. Aber nur, um es gleich wieder anzuziehen, denn: «Zurich is way too cool for me.» Es wiederholt sich das Prozedere, das Hemd geht wieder auf, so ein Gekreisch freut Miguel.

Der 29-jährige R’n’B-Sänger aus Los Angeles spielt mit seiner Körperlichkeit. Es ist auch am Freitagabend im Zürcher Kaufleuten der Versuch, seine sexuell geladenen Songs in eine Bühnensinnlichkeit zu übersetzen. Auch seine fünfköpfige Band trägt durchgehend Weiss, unterbricht aber den sanft erotisierenden Gesang des Soulsängers mit einem ruppigen «Make some noise for Miguel!» oder klatscht leicht verzweifelt in die Hände, um Stimmung zu erzeugen.

Schritt für Schritt zur Ekstase

Er steigert die körperliche Intensität im Takt seiner drei bisherigen Alben: Lasziv bewegt er sich zu den minimalistischen Balladen seines Debütalbums «All I Want Is You» (2010), zu den etwas schnelleren Songs von «Kaleidoscope Dream» (2012) tanzt er seine Mitmusiker an und lässt sein Becken eindeutig kreisen, und zum Rock und Soul seines neuen Albums «Wildheart» (2015) springt und schwitzt sich schliesslich die ganze Band in die Ekstase.

Während Miguels erste zwei Alben ihn als gewöhnlich radiotauglichen R’n’B-Künstler einordnen liessen, macht er mit «Wildheart» einen künstlerischen Schritt in die richtige Richtung: Das psychedelisierte Soundbild erinnert an The Weeknd, seine gereifte musikalische Potenz an Prince. Von dessen Bühnenpräsenz kann Miguel jedoch nur träumen.

Steifer Höhepunkt

Trotzdem inszeniert er sich gerne, versucht ein Publikum zu erreichen, das seine Musik lieber zu mögen scheint als seine angestrengt charmante Gigolo-Haltung im Scheinwerferlicht. So blieb es sehr verhalten, das Zürcher Publikum, verharrte steif, wippte hier und da ein wenig. Bis, ja bis Miguel zum Schluss seinen grössten Hit «Adorn» anstimmt. Fünf Minuten lang nimmt man dann auch die andere Seite der Bühne wahr, hört sie mitsingen, sieht sie tanzen und kurz darauf nach draussen strömen.

Erstellt: 10.10.2015, 17:02 Uhr

«Wildheart» (2015) von Miguel.

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