Ausgerechnet Mick Jagger

So gesund er lebt, muss sich der Sänger einer dringenden Herzoperation unterziehen. Und plötzlich lieben ihn wieder alle.

Jagger schreibt über Twitter, er sei über die verschobene Tournee erschüttert, hoffe aber, diese bald nachzuholen.

Jagger schreibt über Twitter, er sei über die verschobene Tournee erschüttert, hoffe aber, diese bald nachzuholen. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Dass Keith Richards, sein Kumpan, Freund und Gegner, gelegentlicher Feind sogar, jederzeit wieder von einer Palme, einer Bücherleiter oder von der Bühne fallen könnte in voller Aktion – das befürchtet man von ihm seit Ende der Sechziger, als er mit dem Heroin anfing. Schon damals war er ein Alkoholiker wie sein Vater, ein Kettenraucher und Kokser, und seine einzige Vorbereitung auf ein Konzert bestand darin, wach zu werden. Sagte er selbst.

Aber jetzt ist die internationale Unruhe deutlich stärker spürbar: Mick Jagger muss eine baldige Herzoperation gewärtigen. Sein Gesundheitszustand ist offenbar so ernst, dass die Stones ihre angesagte US-Tournee auf unbestimmte Zeit verschoben haben. Der amerikanische «Drudge Report» geht weiter und präzisiert, der Musiker müsse noch diese Woche eine Herzklappe ersetzt haben, nämlich am Freitag in New York.

Eine offizielle Bestätigung steht noch aus. Jagger schreibt über Twitter, er sei «devastated» über die verschobene Tournee, erschüttert, hoffe aber, diese bald nachzuholen. Von Keith und Ron Woods kommen Durchhalteparolen, wie nicht anders zu erwarten. Mick Jagger, der Diät hält, täglich Sport treibt, nicht mehr raucht, kaum mehr trinkt, seit langem auch nicht mehr kokst und sich mit Gesangsübungen auf jedes Konzert vorbereitet, wird seit Jahren als «Mick Jogger» verhöhnt. Dass er sich zum Ritter hat schlagen lassen, hat Keith Richards zu Wutanfällen provoziert. Mick Jagger ist, mit anderen Worten, nicht sonderlich beliebt: ein Biedermann gewordener Brandstifter.

Jetzt aber, da er zum ersten Mal in seinem Leben wirklich krank scheint, rollen Wellen von Sympathien auf ihn zu, alles ist vergeben, und die Öffentlichkeit wünscht sich nichts sehnlicher, als ihn noch mit 75 Jahren auf der nächsten Bühne zu sehen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen mag stimmen, dass man als Mick Jagger schlechter altert denn als Keith Richards, dem es egal ist, wie faltig und grau er aussieht, während sein Freund bis heute am Peter-Pan-Komplex leidet inklusive das «Habt ihr meine neue Freundin gesehen?»-Symptom. Er ist achtfacher Vater und sogar schon Urgrossvater und singt immer noch «Satisfaction» von der Bühne herunter.

Andererseits tut er das mit Leidenschaft und Können, das wird jeder bestätigen, der die beiden letzten Schweizer Konzerte der Stones gesehen und gehört hat. Dass er, der laszive Verführer, dem Alter verfällt wie schon Casanova, dafür können beide nichts. Jim Morrison starb mit 27, aufgeschwemmt vom Alkohol, perforiert vom Heroin, aber soll man ihn dafür bewundern? «Das Alter ist nichts für Feiglinge», hat Bette Davis gesagt, die grosse Schauspielerin, und sie hat recht. Solange Sir Mick noch singt und tanzt, solange Keith Richards noch atmet, solange Charlie Watts noch den Rhythmus hält und solange Ron Wood auf die Crack-Pfeife verzichtet, wünschen wir allen alles Gute.

Mick Jagger ist bekannt für seinen Opportunismus, er gilt als geizig, rücksichtslos, berechnend in allem, nicht festzulegen, das sind keine schönen Eigenschaften für einen Rock ’n’ Roller. Aber Mick Jagger bleibt ein grossartiger Performer, er tanzt im Rhythmus seiner Band, singt so, wie nur er es kann, ausserdem hat er einen grossartigen Humor, der fast alle seine schlechten Eigenschaften kompensiert. «If you come to our show, you will get sex, drugs» – er macht eine Kunstpause – «rock ’n’ roll even.»

Die Herzchirurgen warten. Die Bühne auch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2019, 13:47 Uhr

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