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Ballade von der Freundschaft

The xx aus London wagen sich mit ihrem neuen, dritten Album auf den Dancefloor. Doch warum nur bewegt sich die Band dort so komisch?

Christoph Fellmann
«Wir sind halt besser geworden»: Jamie Smith, Romy Madley Croft und Oliver Sim sind The xx. Foto: Propeller Music
«Wir sind halt besser geworden»: Jamie Smith, Romy Madley Croft und Oliver Sim sind The xx. Foto: Propeller Music

Musik kann nicht sprechen, auch wenn das der Mann am Telefon gerade behauptet. Darum telefonieren wir ja, damit über die Musik, die ab morgen käuflich erhältlich ist, gesprochen wird in dieser Zeitung. Aber Jamie Smith beharrt darauf: Die Musik spreche für sich. Sie lasse sich nicht planen. Man dürfe nicht zu viel darüber nachdenken. Hmm, der Brexit. Der sei schon traurig. Ob er eine Wirkung auf die britische Popkultur habe, werde man noch sehen.

Es gibt prickelndere Aufgaben, als mit dem Mann zu telefonieren, der den Sound der aktuellen Popmusik mehr geprägt hat als jeder andere Brite seiner Generation. Der stehende Raumklang, den er mit The xx entworfen hat, hat auch US-Topshots wie Drake oder The Weeknd beeinflusst, und auf seinem Soloalbum («In Colour», 2015) gab der 28-Jährige eine Probe heutiger, vielschichtiger, aber doch glasklarer DJ-Musik zwischen Club und Pop. Da wirkt es wie ein grotesker Witz, mit ihm via eine miserable Verbindung zu sprechen, während auf den Londoner Strassen hinter ihm die Sirenen heulen.

Die Regeln gebrochen

Aber halt, die Sirenen. Die nun sind einem vertraut, aus dem Werk. Auf dem neuen Album von The xx geistern sie schon durch den ersten Song und führen an entscheidender Stelle und in bestechender Montage zurück in das Hauptmotiv, also in ein fettes aus Bläserfanfaren gesampeltes Riff für den Dancefloor. «Dancefloor», das ist kein Druckfehler. «Dangerous» ist eines von zwei Stücken auf «I See You», das The xx, diese Meister aller Klassen der Sadness, wahrhaftig zum Tanzen eingerichtet haben. Für sein drittes Album habe das Trio seine Musik öffnen wollen, erzählt Jamie Smith, seine ungeschriebenen Regeln brechen und neue Wege gehen.

Also sah man The xx bei «Saturday Night Live», wie sie im neonblau ausgeleuchteten Bühnenraum «On Hold» spielten, den anderen Song mit Dancebeats. Es sah unbeholfen aus. Während Smith an seinem Pult den Track ins Fernsehen ballerte, ruderten Romy Madley Croft und Oliver Sim an Gitarre und Bass über die Bühne, als habe man sie zur Ekstase verdonnert. Die Tanz­musik gehört nicht zu den Stärken des neuen Albums. Es ist, als sperre sich der Bandsound gegen die Beats, als konfiguriere Croft eilig ihre Gitarrengriffe dem ungewohnten Tempo hinterher.

Doch hat die Platte noch acht andere Stücke, und die gehören nun immer wieder zum Besten, was man von dieser Band gehört hat. Das bedeutet zwar auch, dass The xx im Wesentlichen den Sound weiterführen, wie man ihn kennt. Aber über die drei Alben hinweg, die sie seit 2009 herausgegeben haben, ist doch eine erfreuliche Entwicklung hörbar, eine der Konzentration. «A Violent Noise», «Performance», «Replica» oder «Brave For», das sind immer noch klamme Balladen, in denen der Nachhall lose Songmotive verbindet. Doch im Vergleich zum Blueprint des Debüts wirkt dieser glasige Britsoul heute reifer, selbstbewusster, druckvoller.

Vielleicht liegt das Glück dieser Band ja tatsächlich in ihren Limiten, genauer, im Gesangsstil von Romy Madley Croft und Oliver Sim. Mehrere der neuen Songs haben bezwingende Melodien, die von einer Adele zu Welthits vollstreckt würden. Croft und Sim aber singen sie aus der Defensive heraus, und mit nur seltenen Berührungen. «Die beiden können keine Harmonien singen», sagt Jamie Smith, «das funktioniert nicht.» Doch das ist gerade der Reiz dieser Duette – dass sich die Stimmen zwar nahe sind und in vertrauter Distanz ihre Ablösungen singen, dass sie aber nie ganz zueinanderkommen. «I See You» heisst das Album. Es gehe darauf, sagt Smith, um «Freundschaft»; darum, nach vielen Jahren endlich zu wissen, wie und wo die anderen verletzbar seien.

Arbeit für die Megastars

Schön und vermutlich folgerichtig ist, dass so eine selbstgewisse, fast selbstverständliche Version der Musik entstanden ist, die am Anfang noch scheu und verängstigt klang. Jamie Smith hat in den letzten Jahren immer wieder auch als Produzent gearbeitet, für Alicia Keys oder Drake. «Mit diesen Megastars zu arbeiten, war super», sagt er. «Es hat mir aber auch gezeigt, was es wert ist, Musik mit meinen besten Freunden machen zu können.» Tatsächlich klingt die Band nach dem etwas verkrampften zweiten Album («Coexist», 2012) aufgeräumt, offen, hellwach. «Wir hatten wieder viel Spass diesmal», so Smith, «aber wir sind halt auch besser geworden.»

Es stimmt: «I See You» zeigt eine Band, die sehr gut darin geworden ist, den Raum zu bespielen, der sich um ihre beiden Stimmen herum auftut – und dabei aus den eigenen Manierismen herauszutreten: In «Lips» ­nähert sich Croft dem Balladenkörper mit fast laszivem Gesang, während ihn Smith mit kleinsten Versprechen versieht, mit haarfein geschnippelten Handclaps oder mit Synthschnuppen, die wie zufällig über dem Song niedergehen. In «A Violent Noise» ist es Sim, der zwischen dem stockenden Schub vom Bass und den losen Signalen der Gitarre seinen Schrecken auf dem Dancefloor benennt, wo ihm jeder Beat vorkommt wie ein Gewaltakt. Nein, Tanzen ist keine Lösung.

Wie sagt Jamie Smith: «Manchmal ist es auch einfach so, dass uns etwas passiert.» Im Hintergrund heult die Sirene, dann hat die Musik fertig gesprochen.

The xx: I See You (XL Records / MV); Konzert: 18. 2., St.-Jakobs-Halle Basel.

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