Beichte die Schönheit deiner Sünden

Joan Baez, Patti Smith und Robert Plant bewegen, begeistern und entfesseln das Publikum am 40. Paléo-Festival von Nyon.

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Niemand sonst hat mit einem solchen Satz angefangen. Es war vor vierzig Jahren, als Patti Smith, die streng religiös erzogene Tochter aus einer Vorstadt von Philadelphia, die hungernde Dichterin in New York, auf dem ersten Stück der ersten Seite ihrer ersten Platte diesen Satz intonierte mit ihrer flachen, leicht näselnden, vor Ungeduld vibrierenden Stimme: «Jesus died for somebody's sins but not mine.» Jesus starb für jemandes Sünden, aber nicht für meine. Das Stück und das Album «Horses» elektrisierte alle, die es hörten. Bis heute wird es als entscheidenden Beitrag des Genres gefeiert: eine Überführung von Lyrik in Punk und Ausdruck von beidem.

Sie macht immer weiter

Schon damals hatten die Sängerin und ihre Band das Stück für das Ende des Konzertes aufgespart als Kulmination der Verausgabung. Auf der Zweitbühne von Nyon singt sie es zuerst: «Gloria» setzt ein als Hymne auf die Sünde und mündet im gleichnamigen Song von Van Morrison, dem irischen Beschwörer, der das Begehren als Befreiung intonierte. Dass Smith ihren Auftritt mit diesem Song beginnt, hat mit dem 40. Jubiläum des Albums zu tun; ihm ist die laufende Tour gewidmet.

Und weil die Sängerin schon so erfahren wirkte, als sie in den Clubs von Greenwich Village ihre brennenden Gedichte vortrug, schon so viel erlebt hatte in kalten Wohnungen mit ihrem Jugendfreund, dem Fotografen Robert Mapplethorpe, passen die alten Lieder so gut zu ihr, klingt das Album immer noch wach. Einige Songs wirken verhalten, andere schneidend, man hört Leid heraus. Patti Smiths Leben wurde vom Sterben der Anderen begleitet. Mapplethorpe starb an Aids, sie verlor ihren Mann und ihren Bruder durch Herzinfarkt, viele Musiker kamen um, mit denen sie befreundet war, Lou Reed, Joe Strummer, sie zählt gegen Ende ihres Konzertes einige auf. Der kompromisslose Auftritt der 68-Jährigen, als Erinnerung angelegt, endet mit einer Aufforderung zum Weitermachen. «Öffnet eure Hände», sagt sie dem Publikum, «denn ihr seid frei. »

Ode an das Schöne

Zuvor hat Joan Baez den vorletzten Abend des Festivals auf der grossen Bühne eröffnet, zunächst alleine mit ihrer Gitarre, ihrem reinen Sopran und einem Song ihres ehemaligen Liebhabers, den sie bewunderte, der sie benutzte und dem sie trotzdem verzieh: Bob Dylan's «Farewell Angelina», ein Abschied in Zärtlichkeit, keine häufige Kombination in seinem Kanon. Dass Baez dieses Lied zum Auftakt wählt, sagt einiges über ihr Verständnis der Interpretation. Sie singt die eigenen und fremden Lieder – von George Brassens, Kris Kristofferson, Steve Earle und anderen – als Ode an die Schönheit. Das Hässliche passiert nur in sublimierter Form.

Das wird überdeutlich bei «It's All over Now, Baby Blue», noch einem Dylan-Song, einer surrealistischen Verrätselung mit Zeilen wie «Yonder stands your orphan with his gun / crying like a fire in the sun». Was immer Dylan damit sagen wollte, er drückte Schmerzen aus, Gewalt und Einsamkeit. In John Baez' Version, von zwei behutsamen Begleitern unterstützt, wird die Bedrohlichkeit zur schimmernden Wehmut abgedimmt. Baez sänge Dylan, als gäbe es kein Unbewusstes, hat der Musikwissenschaftler Richard Klein geschrieben. Das bleibt richtig, nur: Das selbstgefällige Vorzeigen der Virtuosität ist einer Altersmelancholie gewichen. Geblieben ist die Eindringlichkeit des Vortrags. Daraus ergibt sich ein bewegendes Konzert, das auch das Publikum ergreift. Der Humor der Interpretin bleibt ohnehin intakt. «Sieht aus wie Woodstock», bemerkt sie einmal, die Menge überblickend – «Schlamm inklusive.» Sie war ja dabei, damals.

Du bist dein Teufel

Es geht auf die elf Uhr nachts zu, als sich Robert Plant auf der grossen Bühne daran macht, den Teufel auszutreiben. Dazu greift er zum Gebet, singt «Satan Your Kingdom Must Come Down». Blind Joe Taggart hat die Gospelhymne geschrieben, ein auf das Religiöse spezialisierter Bluessänger aus dem amerikanischen Süden. Und Plant, der weisse Sänger aus der englischen Provinz, trägt sie wieder vor. «Satan, dein Königreich soll untergehen», singt er mit heller Stimme, und weil er sich das Untergehenlassen alleine nicht zutraut, ruft er Jesus zu Hilfe.

Er tut das mit einer Inbrunst, die Bischof Haas gefallen würde. Trotzdem bleibt man unbekehrt. Erstens liefert Robert Plants Interpretation die Erkennungsmelodie von «Boss», einer Fernsehserie über einen fiktiven, rücksichtslos korrupten Bürgermeister von Chicago. Der leidet an einer tödlichen Krankheit und beschliesst, alle um ihn herum in seinen Untergang zu zerren. Und zweitens spielt Plant das Stück gegen Ende eines Konzertes, dessen zuckende Lieder nass sind vor Sex. Ob er und seine brillant aufspielende Band alte Stücke von Led Zeppelin umarrangiert vortragen oder noch ältere Bluesnummern wiederaufführen, bei allen geht es nur um das Einzige. Sie verlaufen so, wie Mick Jagger den Pornofilm beschrieben hat: Es fängt immer anders an, es endet immer gleich. Mit seinem fantastischen Konzert bestätigt Jaggers Kollege die Einsicht, dass der Teufel nichts anderes ist als eine Projektion, die eigene, vom Über-Ich exportierte Triebhaftigkeit. Patti Smith hatte es im ersten Song ihres ersten Albums vorausformuliert: «My sins are my own, they belong to me.»

Mein Begehren, meine Sünden gehören mir.

Erstellt: 26.07.2015, 15:37 Uhr

270'000 Besucher

270'000 Musikfans haben das 40. Paléo Festival im waadtländischen Nyon besucht. Robbie Williams, Sting, Johnny Hallyday, Patti Smith und viele mehr begeisterten die Zuschauer und Zuschauerinnen während der siebentägigen Jubiläumsausgabe.

Die Organisatoren zeigten sich zufrieden: Es sei ein Festival «voller Emotionen, Freude und Glück» gewesen. Die Woche sei von sehr positiven «Vibes» geprägt gewesen, sagte Festivaldirektor Daniel Rossellat.

Anlässlich des Jubiläums hatte das Festival bereits am Montag und damit einen Tag früher als üblich begonnen. Auf dem Programm standen rund 280 Konzerte und Aufführungen.

Die 220'000 Tickets waren in nur 52 Minuten verkauft worden – ein neuer Rekord. Das Konzert von Robbie Williams am Montagabend war sogar innert 20 Minuten ausverkauft gewesen. Als weitere Headliner traten Sting und Johnny Hallyday auf. (sda)

Videos


Patti Smith singt «Gloria», das erste Stück von «Horses». (Video: Maya Sabbatini/Youtube)


Joan Baez singt «Diamonds and Rust», das Lied über ihre Beziehung zu Bob Dylan.(Video: Cal Vid/Youtube)


Robert Plant covert «Satan Your Kingdom Must Come Down». (Video: Magicgeorgeify/Youtube)

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