Ein Meister des Schimpfens

Der Satiriker Wiglaf Droste ist am Mittwoch gestorben. Er hatte auch in Zürich ein begeistertes Publikum. Der Nachruf.

Schrieb bis zuletzt an neuen Texten: Der Satiriker Wiglaf Droste.

Schrieb bis zuletzt an neuen Texten: Der Satiriker Wiglaf Droste. Bild: Keystone

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In einem seiner letzten Bände rühmte er ein belgisches Bier, das «Mort subite» heisst, plötzlicher Tod. Allerdings regte Droste mehr der Name als der Geschmack des Bieres an, schliesslich war er zu Besuch in Lüttich, wo der von ihm verehrte Kriminalschriftsteller Georges Simenon aufwuchs. Und gleich diesem vermochte Droste es, mit drei Sinneseindrücken, drei Tasten im Klavier der Sprache eine Welt erstehen zu lassen.

Ein schöner Hymnus auf Belgien wird daraus, auf Moules-frites, die tausend Biere und die 500 Tage währenden Regierungskrisen - ein Land an der Grenze, recht nach dem Herzen des Patriotismus-Verächters und Sprachliebhabers Droste. Ein kleine Odyssee durch die Stadt, in der «das Klima wattig und schwadig klamm sich zeigt», führt erst über den Markt und dann durch mehrere Kneipen bis zum «Plötzlichen Tod»: «Könnte das nicht der Anfang einer Kriminalgeschichte sein?» Aber da ist der Text nach drei Seiten schon zu Ende.

Analytische Sprachkritik

Viel länger hat Droste selten geschrieben und trotzdem als noch nicht einmal Sechzigjähriger ein umfangreiches Lebenswerk hinterlassen. Er gehörte zu den Meistern der kleinen Form, die man besser als kurze bezeichnet. Was er schrieb, stilistisch meisterhaft durchgeformte Stücke, erschien meist zuerst in Zeitungen wie der «taz» oder der «Jungen Welt». Droste hat aber in den frühen 2000er-Jahren immer wieder für den «Tages-Anzeiger» geschrieben.

Sein Metier dabei war weniger die Weltbeobachtung als die Sprachbeobachtung. Sprachkritik war bei ihm aber nicht Strafzettelverteilung zur Verhöhnung von Unterprivilegierten, sondern ein scharfer Blick auf gesellschaftliche Praktiken, in denen Mitarbeiter «gut aufgestellt» zu sein haben, um «zeitnah» und «zielführend» agieren zu können, gehetzt von rollkofferbollernden und mobiltelefonbrüllenden Managementbarbaren.

Dabei mobilisierte Droste die autoerotische Sprachlust ungebremsten Schimpfens ebenso wie das raue Gelächter über öffentlichen Schwachsinn. Wer sich daran erfreuen wollte, musste keine einzige seiner Ansichten teilen, um doch gebannt zu werden von Sprachklang, Satzmelodien und Witz dieses perfekten Handwerkers. Aber meistens hatte er ja recht.

Droste verkämpfte sich vor allem in den 1990er-Jahren in allerlei Polemiken, die ihm sogar den Ruf des Weiberfeindes eintrugen. Reihenweise hat er Kollegen und Redaktoren vor den Kopf gestossen, ganz zu schweigen von seiner robusten Verachtung für den Säuselton empfindsamer Moralprediger in Ost und West. Wenn Max Goldt Verachtung als Haltung innerer Freiheit pries, dann zeigte Droste, dass sie formbildende Kraft hat - kaum überraschend, dass nicht jeder das gut vertrug.

Ein Nachfolger Tucholskys

Droste, ein breiter, durch Hüte und lange Mäntel oft düster wirkender Mann mit grossen Augen, war ein ausgezeichneter Performer (ein Wort, das er gewiss abgelehnt hätte), brillant als Leser und Sänger, der die alte Kunst des Bänkelsangs erneuerte, in dieser Doppelbegabung ein Nachfolger Kurt Tucholskys. «Im Osten hiess es Fahrerlaubnis», sang er, «Im Westen heisst es Führerschein./ Die Ostler sollten staatsvernünftig,/ Die Westler wollen Führer sein.».

Wer nun glaubt, Droste sei nur ein scharfer Witzbold und Wortspielmetz gewesen, der lese das nur drei Seiten lange Lebensbild seiner Grossmutter unter dem den edlen Genitiv bewahrenden Titel «Eines Menschen gedenken». Stücke wie dieses haben Anwartschaft auf die Lesebücher erworben. Wiglaf Droste, der aus Herford in Westfalen stammte und zuletzt in Leipzig gelebt hatte, starb am 15. Mai in seinem fränkischen Rückzugsort Pottenstein. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.05.2019, 12:29 Uhr

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