Biebs der etwas Ältere

Justin Bieber weiss wieder, warum er auf der Bühne steht. Sagt er. Beim Konzert gestern Abend in Zürich merkte man wenig davon.

22-jährig und durchtrainiert: Justin Bieber vergangene Woche bei einem Konzert in Polen. Der Zürcher Auftritt durfte nicht fotografiert werden.

22-jährig und durchtrainiert: Justin Bieber vergangene Woche bei einem Konzert in Polen. Der Zürcher Auftritt durfte nicht fotografiert werden. Bild: Jacek Bednarczyk/Keystone

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Als man ihn zuletzt sah, entschwebte Justin Bieber in einem Stahlkäfig über die Köpfe der Fans hinweg und wurde nicht mehr gesehen, zog sich zurück in seine Starexistenz in den sozialen Medien. Doch jetzt ist er wieder da, pünktlich nach acht stürzt er im freien Fall heran; aber keine Angst, das sind nur Pixel, und es dauert noch einen Moment, bis er leibhaftig dasteht vor den 13'000 Menschen im ausverkauften Zürcher Hallenstadion, ein Mann jetzt komplett mit Sixpack, Tattoos und Herzschmerz, und kein Teenager mehr wie damals, als er mit 17 Jahren zum ersten Mal in der Schweiz auftrat. Das war 2011, viele Schlagzeilen ist es her.

Dass Justin Bieber an diesem Donnerstagabend erneut Zürich begrüsst, dafür gibt es einen profanen sowie einen tieferen Grund, wobei diese zusammenhängen. Der profane: Der Teen-Star hat ein neues Album zu bewerben, es heisst «Purpose», ist vor einem Jahr erschienen und führt den jungen Mann auf der gleichnamigen Tournee seit März und noch bis Juni 2017 mit 138 Auftrittsterminen rund um die Welt.

Den tieferen Grund hat Bieber in den einleitenden Worten zu «Purpose – The Movement» ausgesprochen, dem Film, der die Songs des neuen Albums choreografiert und bebildert. Er habe, sagt Bieber, zeitweise seine Bestimmung – die «Purpose» – verloren. Sodann habe er sie wieder gefunden.

Salto und Solo

Vielleicht, um eine derartige Sinnsuche im labyrinthischen Popgeschäft zu veranschaulichen, taucht der 22-Jährige im Verlaufe der neunzigminütigen Show immer wieder aus Bühnenschächten auf; aber nur, um sich in der Folge auf Hebe- und Schwebebühnen auszutoben, einmal sogar auf einem Trampolin, worauf drei Salti zu Buche schlagen. Ansonsten sind es die Tänzerinnen und Tänzer, die akrobatisch zugange sind, was aber nicht heisst, dass sie nicht auch tanzen. Ausserdem dampft und feuert es aus den dafür vorgesehenen, im Boden versenkten Apparaturen, aber natürlich nicht dann, wenn Bieber alleine an der akustischen Gitarre sein «Love Yourself» singt, eine Art Mantra vieler Stars, die in erster Linie von riesigen Menschenmengen geliebt werden.

Man kann also konstatieren, dass die Sinnsuche eine doch recht austauschbare Popschau hervorgebracht hat. Man darf aber auch festhalten, dass das durchaus ein Erfolg ist, schafft doch längst nicht jeder Teeniestar den Sprung in die erwachsene Poproutine. «Purpose», das Album, hat Justin Bieber da gute Dienste geleistet: Es hat sich über 4,5 Millionen Mal verkauft, Co-Produzent Skrillex hat dem Star aber auch ein etwas reiferes Image verpasst, die neuen Songs bewegen sich mit ihrem schick synthetischen Sounddesign oft ganz hübsch in der Nähe zeitgemässer Emo-Balladeure wie Drake oder The Weeknd; nur dass Biebers Lieder gerade nicht von narkotisiertem Sex handeln, sondern eigentlich von dessen Gegenteil, nämlich von Reue und Ablass für zurückliegende Entgleisungen (allfällig gegenwärtige Entgleisungen dürften mitgemeint sein).

Der Tumult ist gross

Es könnte also alles gut sein. Schliesslich ist die Tournee so gut wie ausverkauft, und die Fans sind zum Teil mit ihrem Biebs mitgealtert und belegen nun die Sitzplätze im Hallenstadion, während es im Parkett auch sehr viele Neuzugänge ohne weiteres schaffen, gleichzeitig zu fotografieren/filmen, zu snapchatten sowie schreiend durchzudrehen. Der Tumult ist gross, und zwischen den vielen Songs von «Purpose» werden die alten Hits gar nicht mal so vermisst – und dann, so sie wie «Boyfriend» oder «Baby» über die Halle kommen, denn doch souverän bekreischt. Es kommt, das ist jetzt kein grosses Geheimnis, auch nicht so sehr auf die Lieder an. Ja, noch nicht mal auf die Musik, die fürs Stadion neu arrangiert wurde und nun wirklich sehr schlecht ist. Immer wieder traktiert sie die schmale Stimme des Stars mit Stromgitarren und Geschützlärm von der Basstrommel.

Was aber halt zählt, das ist ja doch die schiere Durchhaltekraft dieses Justin Bieber, das ist dieses Ermächtigungsmärchen vom verlorenen Teenage-Star, der sich selbst lieben gelernt und zuhanden der Karriere neu erfunden hat. Das ist auf der Platte wie erwähnt eine gelungene, stellenweise sogar anrührende Sache. Im Konzert verschwindet derselbe Mensch dann aber immer wieder im Suchbild aus beliebigen und hohlen Showeffekten: Die Kulissenbauer, die Choreografen und Akrobatiktrainer, sie alle haben der Erzählung jener Platte, die doch offensichtlich aufgeführt werden soll, in keinem Moment vertraut.

Feiern mit der Familie

Und so steht Justin Bieber auf der Bühne wie der Statist in seiner eigenen Starexistenz, mit der er sich doch angeblich versöhnt hat. Stoisch in seinem professionellen Gesichtsausdruck, aber nur halb interessiert, die Choreografien mitzutanzen oder seine hübsche, unschuldige, unsexuelle Stimme wenigstens ein bisschen in Richtung des Mikrofons zu mimen. Und völlig überfordert und unwohl in dem Moment, in dem das Drehbuch für ihn vorsieht, Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Aber natürlich gibt er eine druckfertig uninspirierte Antwort auf die Frage, ob ihn die lange Tournee nicht völlig ermüde: «Very good question.» Es sei toll, jeden Abend mit seiner Familie – den Fans – zu feiern. Woran man sich aber erinnert, sind die drei Worte, die ihm halt doch rausgerutscht sind: «Yeah, of course.»

Dann wird der Ermattete nach drei Fragen protokollgemäss von der Musik erlöst, und Bieber läuft mit geradem Blick voraus an seinen Fans vorbei zurück auf die Hauptbühne, wo er sich selbst begegnet, überlebensgross auf dem Bildschirm. Er dreht sich um und singt «Life Is Worth Living». Es ist das Lied vom Leben, das sich zu leben lohnt, und Bieber absolviert es auf einem Bühnensteg, der auch ein Fliessband ist. Es ist nicht zu übersehen: Im Zentrum dieser Show klafft eine riesige Leere, die sich nur in den Träumen all dieser Mädchen füllt, die rhythmisch die Halle ankreischen. Justin Bieber hat an diesem Abend nur eine einzige Aufgabe. Nämlich, da zu sein. Man nennt es Purpose.

Zürich ist im Bieber-Fieber: Bei Regen und Kälte harren hunderte Mädchen vor dem Hallenstadion aus und warten auf ihren Superstar. (Video: Veronika Ebner, Mirjam Ramseier)

Erstellt: 18.11.2016, 06:28 Uhr

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