Bild überladen, Wirkung kaputt

Tommy Vercetti ist das linke Gewissen des Schweizer Rap. Auf seinem neuen Album übertreibt er allerdings.

Rapper Tommy Vercetti verzettelt sich auf seinem Album öfter. Foto: Janosch Abel

Rapper Tommy Vercetti verzettelt sich auf seinem Album öfter. Foto: Janosch Abel

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Es scheint, als habe die Berner Musikszene den Klassenkampf für sich wiederentdeckt. Es ist die Renaissance einer alten Tradition, sozusagen. Wie bemerkten Patent Ochsner in «Belpmoos» einst doch so schön – wenn auch schon damals ein bisschen plakativ: «Es fahrt e schwarzi Limousine vor / und e gschalete Chauffeur schleppt Goffere une schwäri Täsche umenang / un ne rychi runzlegi Sou im Pelz stygt gstabig uus / shit / dene ghört d Wäut.»

Dieser rebellische Geist ist nun also wiedererwacht. Am anderen Ende des Empörungsspektrums forderte Gölä unlängst einen neuen Che Gue­vara, von dem er sich eine Revolution gegen das «Pack z Bärn» versprach, da er befürchtet, dass sein Steuergeld den schlecht gekleideten Pennern zugutekommen könnte.

Wo bleibt die Eleganz?

Und nun tritt also der Rapper Tommy Vercetti auf den Plan und erzählt uns in seinem neuen Song «Vorem Gsicht» in bester Büetzer-Buebe-Manier von seinem täglichen Job, vom Malochen, von zu wenig Lohn und einer ungerechten Welt.

Doch während die Büetzer Buebe ob all des Ungemachs ganz pragmatisch beschliessen, sich einfach aufs Wochenende zu freuen, geht Tommy Vercetti in seinem Lied einen anderen Weg. Er geht zum Chef – «si Blick dümmlech fies, glatt rasiert u Schlips, kantige Schnitt, d Huut schwammig wyss» –, fordert mehr Lohn, wird an den Firmenboss verwiesen – gleicher Typ –, wird abgewimmelt, zieht vor Gericht, und auch der Richter: dümmlich-fieser Blick, glatt rasiert, Schlips, schwammige, weisse Haut.

Tommy Vercetti ist unzufrieden. Seine Feinde sind die hässlichen Kapitalisten, die reichen Konzerne, die CEOs.

Es folgen Presse, Gewerkschaft, Politik, Polizei, Gefängniswärter. Alles dasselbe Pack. Und so resümiert der Rapper: «Machtbalance heisst: Ei Hand wäscht di anger, und niemer häbt myni.»

Ja, Tommy Vercetti ist unzufrieden. Und die Feinde sind klar umrissen: die hässlichen Kapitalisten, die reichen Konzerne, die CEOs, die verbrecherische Kirche, das System und alles, was mit ihm in irgendeiner Form kooperiert. Und vielleicht hat er damit ja sogar recht, der Mann, der gemeinhin als das linke Gewissen des Schweizer Rap gehandelt wird und 2011 mit dem Anerkennungspreis der kantonalbernischen Literaturkommission ausgezeichnet wurde.

Womöglich braucht es in der heutigen Zeit ja tatsächlich unzweideutige Rollen­spiele, damit die Verlierer des Kapitalismus auf die Idee kommen, statt gegen unten zu treten die Obrigkeiten zu hinterfragen. Doch ist von einem intellektuellen, kritischen Geist aus der Kreativbranche Musik nicht ein bisschen mehr Eleganz zu erwarten als diese holzschnittartige SVP-Kampagnen-Ästhetik? Gibt es keine Facetten in der Aversion? Keine Noblesse im Anklagen?

Der neue Song «Das Sozialleben der Wilden auf 0.65 AE». Video: Youtube

«Mach öppis, wo Hoffnig git», murmelt Tommy Vercetti im Intro des Albums. «I cha nid», antwortet er sich selber resigniert. Und tatsächlich. Die Hoffnung ist ein seltener Gast auf diesem Werk mit Namen «No 3 Nächt bis morn». Vercettis Kritik am Kapitalismus ist wortreich und atemlos – das System wuchert gegen alles – «gäg d Natur, gägä ds Zäme, gägä d Freud, gägä ds Läbe». Doch zuweilen ist sein Furor in Bilder gepackt, die in ihrer Überzeichnung fast schon wieder amüsant anmuten.

Ein Beispiel: Ein Klimaflüchtling ist nach Sibirien entkommen und schreibt seinem Kind ins Tagebuch, was ihn dort so umtreibt. Und es ist nicht genug, dass zu Hause die Aare ausgetrocknet ist, dass er in Abfallbergen übernachten muss, dass die Erde in Trümmern liegt und die Zufluchtsorte von den Reichen besetzt sind. In diesem Horrorszenario also, in dem sich Verweise auf die Realität heutiger Flüchtlinge knüpfen liessen, macht sich Vercetti mit dem poetischen Presslufthammer zu schaffen: «Einisch pro Nacht chöme d Bandefüehrer / Grabekämpf über Solarfäuder / polarlosi Polarbärä / jung und usghungeret / mitme Nazi-Epigon ar Spitzä / u doch Teil vor globale Wirtschaft.» Bild überladen. Wirkung kaputt.

Kaum Tätowierwürdiges

Nur selten gelingen Tommy Vercetti grosse Szenen oder griffige Slogans, die sich der Kapitalismusgegner auf den Oberarm tätowieren könnte (ein Kandidat: «Du bisch nume frei i gschlossne Arme»). Dabei wären da doch so hübsche Ideenansätze: In einem Lied trifft ein Immobilienmakler auf den Papst und will diesem die Sixtinische Kapelle abkaufen.

Stoff für eine wunderbare Parodie eigentlich, doch es entspinnt sich lediglich ein heillos verbissener Parolenabtausch unter Reimzwang, in welchem Papst und Makler dermassen krumme Sätze in den Mund gelegt werden, dass das Interesse an den Konfliktpartnern bald verwelkt: «Dass Gäud aues ungerwirft, chasch o du nid bestimme / vor auem wenn du dys ­bruuchsch zum s Argumänt gwinne.»

Und in «Güetzi» startet Vercetti den Versuch, den Kapitalismus in einem Sandkastenspiel zu erklären. Die Güetzi sind die Währung auf einem Spielplatz, und ein Bube hat bald die Kon­trolle über das Vergütungssystem. Und weil Vercettis Weltsicht eine eher düstere ist, herrschen irgendwann Sklaverei und Hurerei im Kindermilieu. Doch selbst hier verzettelt sich Vercetti in Seitenhiebe und Grabenkämpfe: «Und si trage iri Huut ufe Spiuplatz für Güetzi / iri Spiuzüüg, iri Mumu, iri Gschwüschterti für Güetzi / du fingsch das drnäbä? De gang mau nach Pattaya / u sägmer, weli Jahrgäng ar Schwizer Wirtschaft teilnämä.»

Einfallsreiche Tonspur

«No 3 Nächt bis morn» ist ein engagiertes, oft auch überengagiertes Album. Der durchaus verdienstvolle politische Eifer, mit dem Vercetti als Texter zu Werke geht, steht in strengem Kontrast zur musikalischen Darbietung. Zusammen mit dem Produzenten Pablo Nouvelle hat er nämlich ein höchst undogmatisches, freigeistiges, fein groovendes und einfallsreiches Werk geschaffen, das sich immer wieder über den Hip-Hop-Tellerrand beugt, das andere musikalische Meinungen zulässt und geschmackvoll zwischen Frickel-Elektro und gebrochenen Beats wedelt.

Das Intro des Albums «Rapper's Delight». Video: Youtube

Das Sound-Layout ist geschmeidig und – im Sinne der Sache – in Melancholie getüncht, was Vercetti zuweilen gar zum Singen zwingt. Und die klagende Bubenstimme des Berners macht sich in dieser Positur ganz prima. Dass Tommy Vercetti eine Meisterschaft darin entwickelt hat, die Sprache fliessen zu lassen, das ist längst schweizweit bekannt.

«I ha tröimt, dass au di Ryche zämä s Briefing formuliere / gschickt a d PR-Agentur vom Dritte Rych u m Vatikan / d Idee vo dr Kampagne isch ds Individuum zelebriere / bisme i kollektive Kategorie dänkä gar nüm cha.» – Wer solche Zeilen zum Grooven bringt, der ist wahrlich ein Meister der Sprechgesangskunst.

Tommy Vercetti: «No 3 Nächt bis morn» (Eldorado Records).

Erstellt: 04.10.2019, 11:53 Uhr

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