Bob Dylan, mitten im Hurrikan

Bob Dylans Tournee von 1975 erscheint auf 14 CDs und einem Netflix-Film von Martin Scorsese. Braucht man das alles?

Die Spötterin und Sankt Bob: Joan Baez und Bob Dylan. Foto: Netflix

Die Spötterin und Sankt Bob: Joan Baez und Bob Dylan. Foto: Netflix

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Ein Kind im Zirkus in der amerikanischen Provinz, ein religiöser Umzug von Fahrenden in der französischen Camargue und eine junge Frau mit Geigenkasten in den Strassen von New York. Mit diesen Figuren liesse sich eine der Geschichten erzählen, die zu «Rolling Thunder» führte, dieser spontan organisierten Tournee von Bob Dylan mit unübersichtlich vielen und wechselnden Kolleginnen und Kollegen, von Joni Mitchell bis Roger McGuinn, von Mick Ronson bis Bobby Neuwirth. Ein unsteter Haufen, der im Herbst 1975 Neu-England bereiste und spielte, was und wo es ihm passte.

Das Kind war Dylan selber, der in der abgelegenen Minenstadt Hibbing aufwuchs und in den Zirkus ging, wenn immer dieser in seinem Ort gastierte. Ihn faszinierte, wie viele Rollen die Artisten spielten, was für Masken sie trugen, und was für wechselnde Identitäten sie annahmen.

Der Trailer zu Martin Scorseses Film. Video: Netflix (Youtube)

Es kommt einem vor, als hätten die Zirkusleute ihm die Karriere vorgezeigt. Denn sie sollte sich als ebenso vielfältig erweisen, immer wieder änderte Dylan die Instrumentierung der Musik und die Inhalte seiner Texte, nahm Rollen an und legte sie wieder ab. Aus dem Protestsänger wurde der elektrische Barde, dann der Folkmoralist, später schloss er sich sogar dem Herrgott an.

Bob Dylan war immer am besten, wenn seine grössten Fans sich über ihn ärgerten. Fan sei die Kurzform für Fanatiker, hat Theodor Adorno boshaft notiert. «Dylans Fans sind nicht nur die schlimmsten, sie sind auch die dümmsten», sagt der amerikanische Poptheoretiker Greil Marcus im Gespräch. Das habe damit zu tun, dass Dylans Texte die Leute glauben machten, dass jedes seiner Lieder ein Geheimnis berge. Und dass hinter diesem Geheimnis der Sinn des Lebens stünde. «Es ist, als ob jedes von Dylans Liedern eine Schatztruhe ist, als ob nichts an seinen Songs so ist, wie es scheint.»

Die Wahrheit und andere Erfindungen

So viel zum Kind und dem Zirkus um ihn herum. Und jetzt zu den Roma, den Fahrenden. Dylan erlebte eine religiöse Prozession von Tausenden von ihnen in der Camargue, in Saintes-Maries-de-la-Mer, wo er sich von seiner letzten Tour erholte. Ob der Gitarrist Manitas del Plata wirklich die Nacht durchgespielt hat und Bob Dylan die ganze Nacht dort war, klingt unwahrscheinlich, auch wenn er es im neuen Dokumentarfilm von Martin Scorsese so erzählt. Der Regisseur hat Dylan schon in «No Direction Home» porträtiert, er dokumentierte die ersten vier Jahre seiner Karriere. Er könne sich an absolut nichts erinnern, sagt Dylan am Anfang des Films: «Ich war noch nicht einmal auf der Welt.» Dass Dylan nicht viel von der Wahrheit hält, weiss man; schon der Beginn seiner Karriere war mit Lügen gesprenkelt.

Aber auch Scorsese reichert in seinem neuen Film die Wahrheit mit Erfundenem an, lässt Figuren über die Tour reden, die es nie gegeben hat oder die gar nicht dabei waren. Wie im Zirkus ist vieles eine Inszenierung.

Martin Scorsese spricht über den Film. Video: Netflix (Youtube)

Eine Frau war mit Bestimmtheit dabei, damals: Scarlet Rivera. Dylan sah sie mit ihrem Geigenkoffer auf einer Strasse in Manhattan, lud sie spontan zu sich ins Studio ein. Mit ihrer Violine führt sie mehrere Stücke auf «Desire» an, von denen Dylan auf der Thunder-Tour einige in lodernden Versionen vorträgt. Dabei hatte das Publikum das Album noch gar nicht gehört, es erschien erst im Januar 1976.

Die ganze Tour, der Tross von Musikern, die spontanen Auftritte in Theatern, Hotels und Turnhallen vor kleinem Publikum – es hat etwas Karnevaleskes und Zirkushaftes. Dylan fühlte sich offensichtlich inspiriert, wie man den 14 CDs mühelos anhört, die alle professionell aufgenommenen Konzerte jener Zeit dokumentieren.

Auf der «Rolling Thunder»-Tour: Bob Dylan. Foto: Netflix

Und natürlich spielt Dylan die Stücke wieder völlig anders, als man sie von den Plattenaufnahmen kennt, weil er, auch darin Miles Davis ähnlich, jede Aufführung als Original versteht und die auf Platte fixierte Version nur die an gerade aktuelle. Sein Hang zum Zersingen kann frustrieren, wenn er seine Songs röchelt oder bellt. Deshalb waren viele seiner Konzerte der letzten sagen wir zwanzig Jahren nur schwer zu ertragen, man muss Masochist sein oder in Verehrung erstarrt, um das noch auszuhalten.

Bob Dylan singt «Tangled Up in Blue». Video: Bob Dylan (Youtube)

Hier aber, auf diesen Aufnahmen aus den Mittsiebzigern, war er noch voll bei Stimme, und sein Enthusiasmus merkt man den Aufführungen immer an, ob er jetzt neue Songs spielt oder alte oder Coverversionen. So hat man Lieder wie «A Hard Rain‘s A-Gonna Fall», «It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry» oder das melancholisch zarte «Simple Twist of Fate» noch nicht gehört. Dass manche Songs mehrfach vertreten sind, stört nicht, man staunt über die immer wieder anderen Zugänge, die Dylan zu seinem Material entwickelt. Deswegen die ganze, 14 CD schwere Sammlung zu kaufen inklusive mehreren CDs mit Proben und Raritäten, bleibt den Fans vorbehalten, denn es ist lange nicht alles gut. Manches bleibt schauderhaft unfertig. Unverzichtbar ist nur Scorseses Film.

Der leise Spott von Joan Baez

Was der Regisseur in seiner Dokumentation zeigt, ist zunächst einmal Dylans Charisma, wie er in jedem Raum, in jeder Szene sofort im Zentrum steht, so sehr er das selber ignorieren möchte und undurchsichtig bleibt, geradezu unnahbar. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Wo immer Dylan hintritt, schlägt ihm Bewunderung entgegen wie eine Hitzewelle. Alle drehen sich um ihn. Nur gerade John Baez wagt es, ein wenig gegen die ambulante Heiligsprechung von Sankt Bob anzuspotten. Ihre Auftritte mit Dylan gehören zu den schönsten Momenten von Film und Platten.

Sein Zirkus: Bob Dylan. Foto: Netflix

Wenigstens gab es noch einen Mann, für den sich Dylan ebenso interessierte wie für sich selber: Rubin «Hurricane» Carter. Der afroamerikanische Boxer mit einer kriminellen Neigung war 1966 zu Unrecht als dreifacher Mörder verurteilt worden in zwei Prozessen, bei denen Nachlässigkeit, Falschaussagen und Rassismus die Urteile bestimmt hatten. Dylan hatte Carters Buch «The Sixteenth Round» in Südfrankreich gelesen, in der Folge den Boxer im Gefängnis besucht und dann «Hurricane» geschrieben, einen Song, den er auf der Bühne in einer leidenschaftlich anklägerischen Passion vortrug. Carter, der in Scorseses Film einen humorvollen Auftritt hat, kam nach 20 Jahren aus dem Gefängnis, er starb 2014 an Krebs. Hurrikan Dylan singt immer noch; «Hurricane» singt er nicht mehr.

Bob Dylan: «Rolling Thunder Revue. The 1975 Recordings», Sony (14 CDs)

Martin Scorsese: «Rolling Thunder Revue», via Netflix

Erstellt: 19.06.2019, 22:10 Uhr

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