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Britischer Sozialrealismus und rosafarbener Bonbonpop

Glasvegas, eine junge Band aus Glasgow, legt eines der erstaunlichsten Debüts dieses Popjahrgangs vor.

Hört man, aus welchem Anlass der ehema­lige Fussballprofi James Allan vor vier Jah­ren Glasvegas gründete, hält man es kaum für möglich, dass diese Band soeben eines der entzückendsten Debüts des Jahres ver­öffentlicht hat. Er sei damals arbeitslos ge­wesen, erzählte er in der britischen Presse, habe ein Konzert von Oasis besucht und sich dabei gedacht: «Das klingt wie ein gu­ter Job.» Und: Wenn er zurückdenke, glaube er, dass er sich unbewusst schon früher für Musik interessiert habe.

Und jetzt also dieses Album, das wie eine Signalrakete aus Dalmarnock, Glas­gow, und damit aus der britischen Wor­king Class, in die Höhe steigt und eine Leuchtspur durch den diesig-grauen Him­mel zieht. James Allan (Gesang, Gitarre), sein Cousin Rab Allan (Gitarre), Paul Do­noghue (Bass) und Caroline McKay (Schlagzeug) schlingern durch einen Gi­tarrenrausch, in dem die zehn Songs ohne Unterbruch ineinander übergehen.

Die Heldin ist die Sozialarbeiterin

Der melancholische Hall, der über den Songs liegt, das nervöse, aber nie überstür­zende Feedback der Gitarren und die mo­notone Wucht des Schlagzeugs erinnern dabei an eine grosse britische Band der 80er-Jahre, an The Jesus and Mary Chain. Die Melodien aber, die Glasvegas über diese Szenerie legen, bedienen sich beim zuckrigsten und magischsten Pop, den die Musikindustrie hervorgebracht hat: beim Doo Wop und beim Boy- und Girlgroup­Sound der 50er- und 60er-Jahre, bei Dion & the Belmonts, bei den Shangri-Las und vielen anderen.

Diese Mischung ist in den besten Mo­menten des Albums nichts weniger als perfekt. Etwa in «Geraldine», wo sich bri­tischer Sozialrealismus und rosafarbener Bonbonpop zu einer strahlend traurigen Single verbinden: James Allan singt mit dem stolzen Akzent der Arbeiterklasse und der Melodramatik eines amerikani­schen Teeniestars; und man glaubt den Song über eine verkorkste Vorstadtliebe zu hören, bis man realisiert, dass Geral­dine kein unerreichbares Mädchen ist, sondern die Sozialarbeiterin des Quar­tiers, in deren Worten sich die Misere der lokalen Teenager spiegelt: «When you're standing on the window ledge / I'll talk you back, back from the edge (Wenn du auf dem Fensterbrett stehst, hole ich dich zurück).»

Schlägereien und Messerattacken

Die Rührung, die sich – nicht nur in «Geraldine» – einstellt, steht im grossen Gegensatz zu dem, was man am Gros des Britpop kennt und durchaus schätzt: zum «Ladism», diesem offensiven, aus Fuss­ball, Popmusik und Bier gebauten Kerl­tum, und zum Primat der Coolness. Beides steckt auch den Musikern von Glasvegas tief in den Knochen, erhält durch das Fern­weh nach dem amerikanischen Teenager­pop der 50er- und 60er-Jahre aber einen ganz eigenen, sentimentalen Glanz, der aber nie nostalgisch oder retro ist. Im Ge­genteil, der Effekt ist völlig verblüffend: Die Inbrunst, wie sie vor 50 Jahren im Teenagerpop wohnte, befeuert hier die schiere, aus den Songs heulende Not.

In «Go Square Go» sagt der Vater zu seinem Sohn, der in der Schule verprügelt wurde: «Wenn du ihn heute nicht halb tot schlägst, musst du gar nicht mehr nach Hause kommen.» Nicht weniger direkt und brutal als über Schlägereien an der Schule singt James Allan über abwesende Väter («Daddy's Gone»), über Messeratta­cken in den anonymen Strassen der Vor­städte («Stabbed») oder – aus der Per­spektive des Vaters und inspiriert durch einen realen Fall in Glasgow – über die Er­mordung eines Teenagers («Flowers & Football Tops»).

Nein, es gibt keine Luxusprobleme, keine schicke Zerrüttung in der jugendlichen Welt, wie Glasvegas sie sehen. Die Zeile «Here we are, now entertain us (Hier sind wir, also amüsiert uns)», mit der Nirvana 1991 ihre grosse Teenager­hymne «Smells Like Teen Spirit» krönten, klingt hier wie eine ferne, fast idylli­sche Erinnerung. In «Go Square Go» schickt sich der Sohn mit vier Worten in die Ausweglosigkeit der Konfrontation mit dem Schläger, und James Allan singt sie wie ein verzwei­feltes Mantra: «Here we fucking go.»

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