Chris – volles Rohr

Chris von Rohrs neue Autobiografie ist unterhaltsam. Aber auch etwas geschwätzig.

Erlaubt mit seinem Buch ungeschönte Einblicke ins Musikbusiness: Chris von Rohr. 
<i>Bild: PD</i>

Erlaubt mit seinem Buch ungeschönte Einblicke ins Musikbusiness: Chris von Rohr. Bild: PD

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Chris von Rohr schreibt, wie er spricht: Er verwendet gerne und oft englische Ausdrücke («why worry»), Wortneuschöpfungen («Schutzangels») und scheut nicht davor zurück, anzuecken. In seiner neuen Autobiografie «Himmel – Hölle – Rock’n’Roll» redet er schonungslos offen über die Schwächen der Bandmitglieder bei Krokus und Gotthard, unliebsame Journalisten, verflossene Liebschaften – aber auch über sich selbst.

Als Leserin reibt man sich an diesem Autor. Mal nerven einen die Geschwätzigkeit und die vielen Pauschalisierungen, dann lässt man sich wieder von seiner Begeisterung für die Musik, für das Leben und die Liebe mitreissen. Und auf eine befremdende Passage, in der Chris von Rohr die körperlichen Vorzüge einer Frau beschrieben hat, folgt bestimmt eine weise Erkenntnis wie: «Ich war da etwas realistischer geblieben und glaubte immer noch, dass der liebe Gott den Schweiss vor den Erfolg gesetzt hat.»

Ein Perfektionist im Reich des Rock’n’Roll

Diese sehr schweizerische Arbeitsmoral ist die vielleicht grösste Erkenntnis aus dem Buch: Auch ein Rock’n’Roller schafft den internationalen Durchbruch nur, wenn er hart an jedem Detail feilt. Beeindruckend ist zudem, dass man nach der Lektüre das Gefühl hat, Chris von Rohr tatsächlich zu kennen, mit allen Widersprüchen, Verletzlichkeiten und weniger angenehmen Seiten.

Dazwischen kommt man sich vor wie bei einem Ritt auf einem bockigen Pferd: Mal geht es ungestüm vorwärts, mal stockt es. Das liegt vor allem daran, dass die Solothurner Rocklegende zwar chronologisch erzählt, aber anhand einzelner Episoden; die Übergänge sind deshalb gewollt unvermittelt. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass er das Buch auf neun Jahre verteilt in mehreren Arbeitsschritten verfasst hat.

«Du muss unbedingt crazy bleiben»

Der inzwischen 68-Jährige beschreibt, wie aus dem rebellischen, unverstandenen Buben im konservativen Solothurn der heute gefeierte Musiker, Songwriter und Produzent geworden ist – das liest sich spannend und erlaubt ehrliche, ungeschönte Einblicke in das Musikbusiness. Aber man kann sich fragen, ob dabei so viele Geschichten zu Groupies und sexuellen Eskapaden nötig gewesen wären. Klar, das gehört zum Way of Life eines Rockers dazu. Doch auf einige Informationen wie zum Beispiel die Penislänge des Autors hätte man getrost verzichten können.

Sowieso: Ein paar Kürzungen hätten die Autobiografie noch packender gemacht. Sie wird gegen Ende immer besser. Chris von Rohr, der auf den ersten paar 100 Seiten vor allem abgerechnet hat mit seiner Vergangenheit und seinen Rausschmissen bei Krokus und Gotthard, schlägt nun einen deutlich versöhnlicheren Ton an. Er lobt seine Mitmusiker und betont seine Dankbarkeit. Seine ungebremste Lebenslust wirkt ansteckend. Wenn er schreibt: «Du musst unbedingt crazy bleiben, obwohl du Schweizer bist», dann kann man ihm nur zustimmen.


Chris von Rohr: Himmel – Hölle – Rock’n’Roll. Wörterseh Verlag, 2019, 640 S., ca. 40 Fr..

Erstellt: 28.11.2019, 15:40 Uhr

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