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Was taugt das neue Coldplay-Album?

Die sonderbarste Pop-Band der Gegenwart veröffentlicht heute «Everyday Life». Wir haben es bereits angehört.

Coldplay Sänger Chris Martin bei einem Auftritt in Sao Paulo. Foto: Getty Images
Coldplay Sänger Chris Martin bei einem Auftritt in Sao Paulo. Foto: Getty Images

«Das gleiche verdammte Blut!», bricht es aus Chris Martin heraus. Wir befinden uns da am Ende des Songs «Arabesque», und Coldplay, diese Band, die ihre frühen Tränenballaden für die missverstandenen Kids längst mit übergrossen Stadionhymnen eingetauscht hat, spielt in diesem Lied ihre kräftige Version des afrikanisierten Wüstenblues. Diese klingt sehr zwingend, wenn der Afrobeat-Erbe Femi Kuti zu seinem Saxofonsolo ansetzt. Und eine Stimme sagt: «Music is the weapon of the future.»

Spätestens in diesem Song, ihrem besten seit Jahren, weiss man, worum es Coldplay auf ihrem neuen Album «Everyday Life» geht. Es ist ein Versuch der Aussöhnung zwischen den Völkern, ein Aufruf zu mehr Brüderlichkeit und Frieden, auch wenn es gerade sehr schwierig ist. Doch eben: «Same fucking blood!» – und das zähle.

«Das gleiche verdammte Blut!» Coldplays «Arabesque». Video: Coldplay (Youtube)

Um dieses Unterfangen in Form zu bringen, haben sich die Engländer für ein Doppelalbum entschieden. «Sunrise» heisst der erste Teil; er beginnt mit elegischen Streichern, ehe es zum angenehm klingenden Morgenspaziergang in die Kirche geht. Man fragt sich spätestens im dritten Song überrascht, wo denn die bandtypischen Melodien geblieben sind, die ganz nach oben streben, wenn möglich bis hin zu den Sternen. Und ist erfreut, dass sich Coldplay auf ihrem achten Studioalbum nicht für den einfachsten Weg entschieden haben.

Vielleicht stimmt es ja doch, dass Coldplay nach ihrer Zusammenarbeit mit Beyoncé oder auch den Streaming-Königen The Chainsmokers zur «sonderbarsten Pop-Band» der Gegenwart geworden sind, so, wie das der «Guardian» vor einer Woche geschrieben hat.

So «weird» ist es aber nun wirklich nicht, wenn eine der erfolgreichsten Bands der Welt einen einfachen Gospel anstimmt, mitsamt der Phrase «Lord, shine a light on me». Oder wenn sich Chris Martin als Sänger im Park maskiert und einen Song auf der akustischen Gitarre schrummt, umringt von Vogelgezwitscher. Sie sagt dann einfach: Schaut, wir sind gar keine abgehobenen Superstars, sondern kennen das Alltagsleben, sind Teil davon und singen ganz locker mit euch.

«Hallelujah!» So beschliessen Coldplay das neue Album. Video: Coldplay (Youtube)

Was an sich kein Problem ist, zumal die Band auch auf «Everyday Life» ohne den messianischen Eifer von U2 zur Weltverbesserung aufruft. Doch sobald die Sonne mit einem Kirchenchorgesang untergegangen ist und die zweite, mit «Sunset» betitelte Hälfte beginnt, wird «Everyday Life», das so ambitioniert daherkommt, zu einem arg einfach gestrickten Album. Eines, das sich engagiert gibt, wie im Protestsong «Guns», in dem Chris Martin gegen Waffengewalt und -besitz ansingt. Eines, in dem die Band in der Single «Orphans» sehr gut gemeint in die Ethnopop-Falle tritt (und das Pathos und die Stadiongrösse wiederfindet).

Das Album endet nach einigen Soundscapes mit dem Titelsong. «Hallelujah!», singt Chris Martin im stillen Schluss. Und ob das nun wirklich das richtige Schlusswort ist, am Ende eines Albums, das alle Kulturen einschliessen möchte (was auch an der arabischen Schrift auf dem Cover abzulesen ist), sei dahingestellt.

Coldplay: Everyday Life (Parlophone/Warner)
Coldplay: Everyday Life (Parlophone/Warner)

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