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Cool und rebellisch

Drummer Makaya McCraven und die afroamerikanische Sängerin Camea Ayewa überzeugten am Jazzfestival in Willisau.

Der Schlagzeuger Makaya McCraven lockte das Publikum aus der Reserve.
Der Schlagzeuger Makaya McCraven lockte das Publikum aus der Reserve.
Marcel Meier

«Yeah!» «Bravo!» Pfiffe und Applaus. Am Jazzfestival Willisau feiert das Publikum den Drummer Makaya McCraven nach dessen Auftritt – ungewohnt emotional für ein Publikum, das sonst meist aufmerksam dasitzt und auch schwierigen, experimentellen Tönen zugetan ist. Doch der Vibe der Musik McCravens hat sich sichtbar aufs Publikum übertragen.

Makaya McCraven, geboren 1983 und in Chicago lebend, ist mit seinem Quintett aus Schlagzeug, Trompete, E-Gitarre, Kontrabass und Klavier ausgezogen, um den Jazz als zeitgeistige Musik vorzuführen. Jazz bedeutet für ihn kein Singular, sondern ein Plural: Er umschliesst ganz viele Stile. Seine fast immer auf hohem Energieniveau spielende Musik klingt einmal nach Hardbop-Jazz der frühen 1960er. Geht dann gleich weiter in andere Welten: nach Minimal Techno klingt es. Nach Ambient-Ruhe. Dann nach explodierendem Free Jazz. Dann ist da das Aroma von Hip-Hop: Die Beats von McCraven, der sich selber auch Beat-Wissenschaftler nennt, werden ganz vertrackt, grooven aber dennoch enorm.

Das Wunder ist nun, dass das nicht wie ein Flickenteppich klingt – sondern ganz organisch. Und aus ein und derselben scheinbar alles vereinenden afroamerikanischen Tradition herausgesprochen. McCraven hält seine Musik dabei in der Basis immer sehr zugänglich. Das ist sozusagen Pop. Und doch mehr als «nur» Pop: Wenn die Musiker sich in Soloflügen virtuos erheben, etwa der famose Trompeter Marquis Hill; wenn sie das Material in kollektiver Improvisationslust verwandeln, vertiefen und mit Überraschendem verquirlen, dann kommen die stärksten Jazzeigenschaften hinzu.

So hörte man am Ende bei McCraven einer reichen Musik zu, die die Menschen erreicht. Einer Musik, die Relevanz nicht an eine Ästhetik des Widerstands oder an blosse Innovation bindet, sondern sich auf die breite Strasse einer Publikumskunst wagt – und einfach auch «cool» und jung sein will.

Kompromisslos

Auf andere Weise relevant war in Willisau auch eine andere, mit Spannung erwartete Künstlerin: die aus Philadelphia stammende, junge afroamerikanische Dichterin und Protestsängerin Camea Ayewa, die sich Moor Mother nennt. Sie trat am Wochenende auf mit Irreversible Entanglements, einem Quintett mit zwei Bläsern, Kontrabass und Drums. Camea Ayewa wurde bekannt mit ihren kompromisslosen, rebellischen Texten zu schwarzer Identität in den USA. In Willisau kommen die Musiker nun auf die Bühne – und tun erst gar nichts. Und machen dabei doch etwas: Sie zelebrieren nämlich zu Beginn die Stille und schaffen so eine Art rituellen Raum für ihre Kunst.

Es geht um viel: Irreversible Entanglements. Video: The Kennedy Center (Youtube)

Die ganz in Schwarz gekleidete Moor Mother wird sich den ganzen Abend etwas Priesterliches im Auftritt bewahren. Das Publikum begegnet ihren Worten fast wie religiösen Weckrufen. Dabei handeln die Lyrics vom Alltag – vor allem vom unschönen Alltag. «The fire is burning», beginnt Moor Mother, «so much smoke.» Sie holt aus zu einem «Gebet für Brasilien», redet von Feuer, Umwelt, Menschenrechten, Homosexualität, weitet das Thema aus, redet von Rassismus, von Solidarität … und immer wieder von «Freedom», ganz unschwatzhaft in wenigen eindringlichen Worten.

Und da ist auch die Musik. Anders als früher, als Moor Mother ihre engagierten Worte in elektronische Welten setzte, arbeitet sie bei Irreversible Entanglements mit einer unglaublich druckvoll spielenden Free-Jazz-Formation. Alles erinnert im Klangbild an schwarze Protestmusiker des 1960er-Jazz, an einen Archie Shepp oder einen Max Roach. Mal wehklagendes, mal sich empörendes Altsaxofon, hell im Klang wie eine Feuerwehrsirene. Die Trompete oft mit wuchtigem Strahl. Bass und Schlagzeug brodeln. Die Musik von Irreversible Entanglements brennt und scheint selber auf politische und soziale Realitäten zu blicken.

In jedem Fall spürten die Hörerinnen und Hörer am Jazzfestival in Willisau: Diese Musik hier ist mehr als ein ästhetisches Glasperlenspiel.

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