Das Feuer ist erloschen

Was bleibt, wenn das scharfe und genaue Spiel ausbleibt? Bei einer Band wie Franz Ferdinand leider nicht viel, wie das Konzert in Zürich zeigte.

Erblondet: Alex Kapranos von Franz Ferdinand auf der aktuellen Tour. Foto: Getty Images

Erblondet: Alex Kapranos von Franz Ferdinand auf der aktuellen Tour. Foto: Getty Images

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Spürt ihr die Liebe? Den Rhythmus? «I wanna know, Zurich!» Ja, Alex Kapranos will es am Sonntagabend in Oerlikon wissen, immer wieder. Der Zeremonienmeister der Band Franz Ferdinand durchmisst die Bühne der Halle 622 dabei fast schon gebieterisch, wirft sich immer wieder in schöne Posen, springt mit seiner Gitarre in die Luft und schlüpft dann aber auch in die Rolle des zweitklassigen Animators, der zum Mitklatschen anstiftet. Ein Bühnentier wie Kapranos ist nun mal verdammt zum Unterhalten, auch wenn das schwieriger scheint als auch schon.

Dabei beginnt der Abend gut, mit «Always Ascending», dem Titelstück des neuen, fünften Franz-Ferdinand-Albums. Hier steckt noch alles drin, was diese Band eigentlich so umwerfend beherrscht: das Sentimentale etwa, das Kapranos mit seiner Stimme heraufbeschwört, und das er und seine Kollegen mit bösem Humor, den zackig gespielten Gitarren, den schönen Analog-Synthiefiguren und dem Stechschrittschlagzeug auch gleich wieder verscheuchen können. Im Hintergrund flimmern da noch testbildgleich die Bildschirme, über die später Rechtecke rasen und auf denen auch die Band kunstvoll eingefangen erscheint. Und es schien wieder so ein Abend zu werden, an dem der 45-jährige Kapranos – der seine Haare frisch blondiert hat – einmal mehr alle verführt: Die Fans sowieso, doch auch all die Zweifler, die die Band immer wieder am Ende wähnten und die dann doch mit befeuernden, schlicht euphorisierenden Konzerten immer wieder locker in die Ecke gestellt wurden.

Gehts hier noch aufwärts? «Always Ascending» von Franz Ferdinand. Video: Franz Ferdinand (Youtube)

Doch an diesem Abend ist Entscheidendes anders: Den Abschied des prägenden Gitarristen Nick McCarthy, der sich seit zwei Jahren lieber seiner Familie und kleineren Bandprojekten widmet, können auch zwei neue Mitglieder an Gitarre und Keyboards nicht wettmachen. Mit McCarthy scheint auch das punktgenaue aus der Band gewichen zu sein, und Kapranos fehlt auf der Bühne spürbar ein Widerpart. Selbst alte Schlager, die eigentlich immer funktionieren – vom wunderbaren «Walk Away» über «Do You Want to» mit dem am Sonntag schal und bemüht wirkenden Glücksversprechen «You’re so lucky» bis hin zu «The Dark of the Matinée» –, klingen seltsam verschleppt. Natürlich kann man dazu noch mitspringen und mitschwofen, wenn man denn will. Aber wenn einer Band, die einst vom jüngst verblichenen «New Musical Express» als schärfste Formation Grossbritanniens gefeiert wurde (und der damit für einmal nicht übertrieb), die Schärfe und das Genaue abhandenkommt, dann nimmt man das schon mit einer gewissen Traurigkeit zur Kenntnis.

Vielleicht wirkt darum die Wehmut, die etwa der neue Song «Slow Don’t Kill Me Slow» weckt, ehrlicher als das alte Schlachtross «This Fire». Das Feuer, wenn es denn überhaupt noch brennt, löst keinen Flächenbrand mehr aus wie vor 14 Jahren, als Franz Ferdinand aus dem Glasgower Kunstschulmilieu ausbrachen. Sondern allerhöchstens noch ein rituell aufspringendes Publikum.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 11:13 Uhr

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