Gemütliches Mitbellen und eine Überdosis Waschpulver

Die Toten Hosen zeigten im ausverkauften Hallenstadion, dass sie das Fieber immer noch mühelos entfachen können.

Der Videoblog des «Laune der Natour»-Auftakts in Chemnitz am vergangenen Wochenende.
Video: Youtube/Die Toten Hosen

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In ihren Gesichtern tobt scheinbar der Furor. Sie singen nicht, sie grölen nicht, sie bellen. Und zwar so laut sie nur können. Ein Konzert der Toten Hosen ist für viele Besucher ein physischer Act. Man kommt hierhin, um die wilden Zeiten nochmals zu erleben, um sich friedlich auszupowern. Gemeinsam, zu Tausenden, umrahmt von vielen Ritualen.

Und natürlich ist da kein Hass, ist da kein echter Furor in diesem Moment. Es ist eher die abgerufene Erinnerung an die eigene Jugend, an Zwänge und ätzende Situationen. Hier kann man das alles mal rausschreien. In der Halle selbst lebt die Friedlichkeit. Man ist hier unter Freunden.

Und obwohl die Toten Hosen an diesem Freitagabend im ausverkauften Hallenstadion ordentlich Gas geben und Sänger Campino noch immer den gleichen leichtfüssigen Bewegungsstil hat: ein paar Stufen zivilisierter als noch vor ein paar Jahren ist das heute schon. Früher tobte er sich so aus, dass er zwischendurch hinter der Bühne Sauerstoff tanken musste. Heute zieht sich die Mannschaft mit Altersdurchschnitt von Mitte fünfzig immer mal wieder ein frisch gebügeltes Hemd an.

Die Pegel werden tiefer gehalten

Auch das Publikum, egal welchen Alters, scheint mit den Hosen gesitteter geworden zu sein. Die Bierkumpanei kippt an diesem Abend nie ins Aggressive ab. Die Pegel werden tiefer gehalten als früher. Auf den Rängen riecht es nach einer Überdosis Waschpulver.

Man hat eigentlich alles an diesem Abend schon mal gehört. Man hat auch alles schon mal gesehen, die Bilder wiederholen sich: die Posen von Campino, sein leicht gekrümmter Oberkörper und die verstrubbelten Haare, das Surfen auf den Armen seiner Fans, die pogenden Menschen, die Pyros, die Solos, der fürsorgliche Umgang mit den Fans. Aber bei den Toten Hosen nimmt man das ein irgendwie gerne an. Das Altbekannte, die Routine sorgt für ein wohliges Gefühl.

Auch die Geschichten, die Campino zwischen den Songs erzählt, sind nicht neu. Etwa wie Bassist Andi einst nach einer Zürcher Nacht mit viel Fondue und Kirsch auf dem Heimweg in einer Baugrube fiel und die Band sein Fehlen erst im Hotel bemerkte. Oder die Erinnerungen an den ersten Besuch in Zürich im Jahr 1980, als Campino mit der Vorgängerband der Toten Hosen im Kino Walche auf der Bühne stand und quasi als Vorgruppe der Zürcher Punkband Kleenex auftrat.

Noch öfter als Erinnerungen sind es Botschaften: Gegen Fremdenhass, für mehr Toleranz, für die Liebe. Oder es sind geschriene Aufforderungen. «Ey Leute!» schreit Campino dann. «Ey Leute, lasst uns noch mal richtig durchdrehen!»

Alles hat seine Tradition

Insgesamt stehen die Hosen an diesem Abend fast zweieinhalb Stunden auf der Bühne. Ein erstes Mal verlassen sie diese allerdings schon nach nur neunzig Minuten. Auch dies ein Ritual, genau wie die Coverversion von «You’ll Never Walk Alone, zu der alle einen Schal oder ein Kleidungsstück in die Höhe halten. Alles hat hier seinen Ablauf, alles hat seine Tradition. Es käme den Hosen auch nie in den Sinn Songs wie «Hier kommt Alex», «Tage wie diese» oder «All die ganzen Jahre» – ebenjene, bei denen alle mitsingen – nicht zu spielen.

Heute, am Samstagabend, werden Campino, Bassist Andi, die Gitarristen Breiti und Kuddel, und der britische Schlagzeuger Vom Ritchie wieder auf der Bühne des ausverkauften Hallenstadions stehen, ackern, schwitzen, Bier und Botschaften in die Menge werfen. Einige Songs werden anders, viele die gleichen sein – genau wie die Menschen im Publikum. Sie können mit ihren Songs das alte Fieber immer wieder neu entfachen. «Hasta la Muerte», haben sie sich, wie sie singen, in ihre Haut geritzt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2017, 10:51 Uhr

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Mittendrin

Fotoblog Die Toten Hosen beglückten ihre Fans mit einem exklusiven Konzert im Zürcher Mascotte. Zum Blog

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