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Der 71-Jährige, der immer noch DJ ist

Johnny Lopez legt seit einem halben Jahrhundert auf. Er feiert gerade Billie Eilish – und hat für Nostalgie keine Zeit.

Tim Wirth
Johnny Lopez heisst eigentlich Hanspeter Tobler. Meist steht er um 11 Uhr auf und sucht neue Musik für seine Sets. Foto: Sabina Bobst
Johnny Lopez heisst eigentlich Hanspeter Tobler. Meist steht er um 11 Uhr auf und sucht neue Musik für seine Sets. Foto: Sabina Bobst

Sein bürgerlicher Name befremdet ihn: Hanspeter Tobler. Ein Hanspeter ist keiner, der sein Leben lang durch die Clubs der Welt reist. Ein Hanspeter fliegt nicht mit David Guetta von Paris nach Ibiza, im Mittelgang tanzend. Und ein Hanspeter sagt auch nicht ständig «huere geil», wenn er von seinen LSD-Trips in einem Bauernhaus erzählt.

Für den 71-Jährigen zählt deshalb nur ein Name, Johnny Lopez, alle nennen ihn so. An der Bar im St. Galler Café Blumenmarkt setzt er sich während zweier Stunden nie auf seinen Hocker, hüpft lieber und tanzt, wenn er von seinem Leben als DJ erzählt. Seit 54 Jahren beobachtet er die Tanzfläche. Was sich verändert hat, weiss der Mann mit dem Samichlausbart und dem mafiös zurückgegelten Haar ganz genau.

2009 begleitete DJ Johnny Lopez David Guetta auf seiner Promotour in Ibiza. Foto: PD
2009 begleitete DJ Johnny Lopez David Guetta auf seiner Promotour in Ibiza. Foto: PD

Platten in London kaufen

Herisau 1966. Johnny Lopez empfängt auf seinem Radio BBC Radio 1, es rauscht. Im Musikgeschäft in St. Gallen gibt es zwar Platten, aber nur «huere Scheiss», sagt Lopez. «Hazy Osterwalder und so.» Also fährt er mit Freunden nach Amsterdam, nach London, mit 18, während seiner Polymech-Lehre, kauft Platten, fährt wieder heim und legt in einem Herisauer Tischtennisclub auf.

«Ich war der Forscher, der Überbringer», sagt Johnny Lopez. Für die Gäste seien seine DJ-Sets die einzige Möglichkeit gewesen, die angesagte Musik zu hören. Interessiert seien die Menschen gewesen, hätten auch bei einem 25-minütigen Pink-Floyd-Lied nicht abgehängt, sondern flippig getanzt. «Ich hab alle auf eine Reise mitgenommen.»

Mit 18 startete Johnny Lopez als DJ. Mittlerweile legt er schon seit 54 Jahren auf. Foto: PD
Mit 18 startete Johnny Lopez als DJ. Mittlerweile legt er schon seit 54 Jahren auf. Foto: PD

Heute ist das schwieriger. Jeder ist Forscher, hat Spotify. «Viele wollen die immer gleichen 30 Tracks», sagt Johnny Lopez. Hauptsache, Mitsingen. Konsum. Kurzstreckenflüge statt lange Reisen. An der Bar mimt er den dazugehörigen Tanz: die Faust auf Kopfhöhe. Kleine Bewegungen. Nznz.

DJ Johnny Lopez ist nicht mehr der exklusive Überbringer neuer Musik. Manchmal versuchen die Leute sogar, ihm die Musik zu überbringen. Liederwünsche per Smartphone. Er sagt dann oft: «Melde dich doch selbst als DJ.»

Walzer zur Auflockerung

Das alles klingt trist. Und trotzdem gibt es ihn noch, den DJ Johnny Lopez, trotzdem hat er noch Spass am Auflegen. Auf iTunes, Youtube und Beatport sucht er neue Tracks, zupft heraus, was für ihn Substanz hat, eine geile Soulstimme, ein Saxofon.

Wäre Johnny Lopez ein Fussballer, er könnte fast auf jeder Position spielen. Er kann 60er und Techhouse. Er kann Swing. Er kann Folk. «Ich spiele eigentlich alles ausser Ballermann und Halligalli», sagt Lopez. Momentan gefalle ihm die Musik von Billie Eilish sehr gut.

Bevor er auflegt, öffnet Johnny Lopez zu Hause Koffer um Koffer und stellt eine Auswahl an CDs zusammen. Hinter dem DJ-Pult entscheidet er dann spontan, was gerade passt. Schwierig sei es, wenn sich die Leute auf der Tanzfläche nicht für seine Musik interessierten. Er hat dann auch schon mal einen Wiener Walzer eingespielt, um alle zu verwirren, nur um beim nächsten Track wieder Aufmerksamkeit zu erhalten. Ein Fuss im Takt. Ein wippender Kopf. Dass macht ihn glücklich.

Sechsmal die Woche legt Johnny Lopez nicht mehr auf, aber immer noch regelmässig. Foto: PD
Sechsmal die Woche legt Johnny Lopez nicht mehr auf, aber immer noch regelmässig. Foto: PD

Johnny Lopez wertet die junge Generation nicht ab. Er passt nicht in die Rolle des Verbitterten, hat ihn doch sein Stiefvater früher selbst kritisiert und ihm gesagt: «Entweder schneidest du die Haare, oder du ziehst aus.»

Jetzt eilt Johnny Lopez los, raus aus der Bar, durch die halb leeren St. Galler Gassen. In kurzer Zeit kennt er zehn Menschen, die meisten viel jünger als er, eine Frau mit silberner Daunenjacke, hey, ein Galerist, hallo. Er erzählt von guten Erlebnissen mit Teenagern im Jugendkulturraum Flon, wo er kürzlich aufgelegt hat. Am Anfang des Abends fragten sie: Was macht der Alte da? Später hätten sie ihn gefeiert. Und eigentlich gehe es ja auch heute im Ausgang immer noch um das Gleiche. Um Liebe. Und um Entspannung. «Geil», sagt Johnny. Ein Wort, das es so noch nicht gab, als er 1966 in Herisau seinen ersten Auftritt als DJ hatte.

Ein bisschen bodenständig

Manche Gleichaltrige findet Johnny Lopez verknorzt. Sie würden immer noch die ewig gleichen Riffs von Status Quo hören. Er macht ein verzerrtes Gesicht, spielt Luftgitarre. «Nostalgisch sein bringt nichts», sagt Johnny Lopez, läuft vorbei am 4-Stern-Hotel Einstein, wo er in den 70ern den Strawberry Club geführt hat. Alles längst Geschichte. Auch das Africana, wo er Geschäftsführer war. Einst traten hier Rod Stewart und Genesis auf. Heute gibt es Shisha und Loungemusik. Wichtig sei, was jetzt sei, sagt Johnny Lopez.

Im St. Galler Club Africana traten Rod Stewart und Genesis auf. Johnny Lopez war Geschäftsführer und spielte auch seine Musik. Foto: PD, wahrscheinlich 1971
Im St. Galler Club Africana traten Rod Stewart und Genesis auf. Johnny Lopez war Geschäftsführer und spielte auch seine Musik. Foto: PD, wahrscheinlich 1971

Von seiner Terrasse aus sieht er die St. Galler Kathedrale, die Dächer der Stadt, in die er immer wieder zurückgekommen ist, wenn es ihm zu viel wurde. Mit den zweitägigen LSD-Trips habe er früh aufgehört: «Bevor ich auf dem Brunnen gesessen und gedacht hätte, dass ich ein Vogel sei», sagt Johnny. Und auch Zürich verliess er wieder, als ihn die Stadt aufgefressen hat: von einer Party zur nächsten, ohne Schlaf.

«Ich war immer auch ein bisschen bodenständig», sagt Johnny. Schon seit fast 30 Jahren ist er mit seiner 23 Jahre jüngeren Frau Myriam zusammen. Mit seinem Sohn Dominic – DJ Nikk Tobler – legt er manchmal gemeinsam auf. Dieser sagt das gleiche «huere geil», wenn er über die alten DJ-Zeiten spricht, von denen sein Vater erzählt.

Johnny Lopez und sein Sohn Dominic, die ab und an gemeinsam auftreten. Foto: PD
Johnny Lopez und sein Sohn Dominic, die ab und an gemeinsam auftreten. Foto: PD

Vor einigen Jahren kam ein Management auf Johnny Lopez zu, habe ihn gefragt, ob er eine Tour durch die grossen Clubs in Europa machen wolle. Lopez hat abgesagt. Er wolle nicht allein sein, nicht so viel Druck haben wie David Guetta. Dessen Musik findet er mittlerweile nicht mehr so gut wie damals im Flugzeug, als er ihn zur Promotour seines neuen Albums begleitet hat. Guetta mache jetzt «alle Gugger».

So steht Johnny Lopez weiterhin jeden Morgen in seiner St. Galler Wohnung auf, um 11 erst, Nachtmensch-Rhythmus, isst Lachs und Brot, klappt das Macbook auf und sucht neue Musik.

DJ Johnny Lopez an seinem 44. Geburtstag. Rechts neben ihm steht seine Frau Myriam. Foto: PD
DJ Johnny Lopez an seinem 44. Geburtstag. Rechts neben ihm steht seine Frau Myriam. Foto: PD
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