Der alte Discotrick

In zwei Wochen erscheint das neue Album der gefeierten kanadischen Band Arcade Fire – und wir haben es schon gehört.

Auf Tournee, bevor das neue Album erscheint: Régine Chassagne im Konzert von Arcade Fire vergangene Woche im französischen Belfort.

Auf Tournee, bevor das neue Album erscheint: Régine Chassagne im Konzert von Arcade Fire vergangene Woche im französischen Belfort. Bild: Hugo Marie/Keystone

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1. Everything_Now (Continued): Das Intro. Was das «(Continued)» im Titel bedeutet, können Sie gerne in der untenstehenden Kommentarspalte diskutieren.

2. Everything Now: Die erste Single, schon im Frühling erschienen, steht jetzt auch am Anfang des Albums, das ihren Titel trägt. Eine fast schon frohsinnige Klavierfigur führt durch den Song, als wäre er von den schwedischen Abba, und im Videoclip sieht man hohe Schleierwolken am ansonsten blauen Himmel. Doch so unbeschwert, wie es auf Anhieb wirkt, ist «Everything Now» nicht: «I’m in the black again», singt Win Butler gleich in der ersten Zeile, «ich bin zurück im Schwarz». Thomas Bangalter (von Daft Punk) und Steve Mackey (von Pulp) haben den Song produziert, es gibt ein kurzes Flötensolo, aber auch einen stadiontauglichen «Na na na»-Chor, und darüber hängen die Streicher wie, nun ja, dünne Schleierwolken. So ist der Song ein stimmiger, mitreissender Auftakt in ein Album, das in gegenläufigen Stimmungen und Ambivalenzen organisiert ist.

3. Signs Of Life: Und gleich gehts noch viel konsequenter in die Disco als im abbaesken Eröffnungsstück – Handclaps, scharf geschnittene Streicher und Bläsersamples geben über einem fetten Basslauf den Takt vor. Doch auch dieses Tanzvergnügen ist gebrochen: «Looking for signs of life / Looking for signs every night», heisst es, «But there’s no signs of life / So we do it again.» Das Nachtleben als ewig wiederkehrende Suche nach Lebendigkeit. Und ebenso kehren auch die gleichen Songzeilen immer wieder. Der alte Discotrick eben: Der Song ist, wovon er handelt. Dabei aber mitreissend und ja, ein grosses Partyvergnügen.

4. Creature Comfort: Der Dancefloor bleibt, der Sound aber wechselt zu einem technoiden Rumoren. Ein bassig-robotischer Groove trägt eine einfache, hübsche Popmelodie, und um die Sache noch ein wenig zu komplizieren, singt Win Butler im ratzenden Sprechgesang des Post Punk, während Régine Chassagne die Disco-Queen gibt, allerdings in einer in hysterische Höhen gepitchten Version. Der Song handelt von Selbsthass und vom Wunsch, berühmt zu werden (was wohl kein Widerspruch ist). Er ist düster, gebrochen und doch bereit fürs Stadion.

5. Peter Pan: Arcade Fire machen Reggae und Dub. Doch klar, der Reggae klingt hier nicht nach einer Strandparty, sondern eher, als winde er sich in Krämpfen. Win Butler singt darüber, ewig leben zu wollen, und wie es ist, aus Träumen aufzuwachen, in denen geliebte Menschen sterben. Daher wohl die Krämpfe. Und doch ist der Song von einer seltsamen Schönheit, und mit etwas dunkler Fantasie lässt sich dazu auch ganz gut tanzen.

6. Chemistry: Und gleich nochmals bittet die Band zum neurotischen Schwof. Und wie! Aus Versatzstücken munteren 50er-Jahre-Popkonfekts, aber auch aus Hardrock baut die Band einen Meta-Tanzpop, der an die besten Arbeiten der Talking Heads erinnert. Die Wahrscheinlichkeit, sich beim Tanzen selbst im Weg zu stehen, ist also gegeben.

7. Infinite Content: Wer nach sechs Songs immer noch die Rockband Arcade Fire vermisst – hier ist sie, wenigstens für knapp drei Minuten. Stark verzerrte Gitarren und ein eingängig nach vorn drängendes Synthesizermotiv treiben den Song an, der im Konzert wohl besser bestehen wird als auf dieser Platte.

8. Infinite_Content:: Und hier die Countryversion vom Gleichen. Hübsch.

9. Electric Blue: René Chassagne singt diesen Song, der sich leicht zum funky Discoknaller vollstrecken liesse, den Arcade Fire aber in einer verbremsten, verstimmten, fast schon depressiven Variante stehen lassen. Im Video wird dazu der Müll einer Partynacht zusammengeschaufelt, und Chassagne geht in ihrer Paillettenjacke durch die noch nicht hellen Strassen wie durch ihre Einsamkeit: «Every single night I dream of you / Cover my eyes electric blue.» Ein unwiderstehlicher Song, der auch Roxy Music oder David Bowie gefallen hätte.

10. Good God Damn: Ein funkiges Bassriff führt in diesen düsteren Soulpop-Schieber. Die elektrische Gitarre markiert, die Orgel dräut. Später klappern Congas, und der Song wird endgültig zur schwül-lasziven Engtanznummer, die freilich weniger von Erotik als von Verdammnis zu handeln scheint. «Maybe there’s a good god damn», singt Win Butler im leicht heiseren Falsett. Ziemlich grossartig.

11. Put Your Money On Me: Eher was für den hölzernen Indie-Tanzboden. Der Bass rollt schön, die Abba-Disco ist allerdings dezent, aber wirkungsvoll in den Hintergrund arrangiert. Wunderbar gehen die Gesangslinien von Win Butler zu Régine Chassagne und zurück. Beim ersten Hören ist schwierig, zu entscheiden, ob der Song eher ein Füller ist, oder ob er sich zum heimlichen Hit des Albums auswachsen wird. Aber klar: «Setz dein Geld auf mich», sagt der Song, und er wird wohl schon wissen warum.

12. We Don’t Deserve Love: Eine Ballade über die Liebe, die viel zu gross ist für uns – mit taktgebenden Rasseln, eiernden Synthesizern, leuchtenden Steelgitarren, hymnischen Chören und so weiter. Ein eher langfädiger Ausklang.

13. Everything Now (Continued): Ach nein, noch nichts mit Ausklang, da kommt ja noch was. Nämlich der Anfang nochmal. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.07.2017, 17:12 Uhr

Arcade Fire: Everything Now (Sony), erscheint am 28. Juli; Konzert am Paléo Festival in Nyon am 19. Juli.

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