Der Bastard im Massanzug

Leonard Cohen ist gestorben, er wurde 82 Jahre alt. Seine Stimme klang so, als hätte er sich ein Leben lang auf den Tod vorbereitet.

Wirklich jung war er nie gewesen: Leonard Cohen stand bis zuletzt auf der Bühne. (Video: Tamedia)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er schien das Ende kommen zu sehen, er sang davon, er redete darüber. «You Want it Darker» heisst Leonard Cohens letzte Platte, eben erschienen. Du willst es dunkler. Eine Aussage, keine Frage mehr. Im Titelstück teilt der Sänger dem Herrn mit, dass er bereit sei. Ein Synagogenchor begleitet ihn, es geht sakral zu. In assortierten Interviews der letzten Wochen hatte Cohen seine Bereitschaft zum Abgang bestätigt. Am Mittwoch ist er in seinem Haus in Los Angeles gestorben - «friedlich und im Schlaf», wie sein Sohn versicherte. Leonard Cohen wurde 82 Jahre alt. Er hinterlässt zwei Kinder, den Musiker Adam und Lorca, eine Fotografin.

«You Want It Darker» (2016). (Video: Youtube/LeonardCohenVEVO)

Was Gott von seinem Kunden hält, Cohen hat auch das vorweggenommen. Das war vor vier Jahren, und auch in diesem Song klingt der Abschied vom Leben an. Er heisst «Going Home». Er rede gerne mit Leonard, teilt Gott uns darin mit, «er ist zwar ein fauler Bastard im Massanzug / aber er sagt, was ich ihm befehle / man mag das nicht gerne hören / aber er hat nicht die Freiheit, sich zu verweigern» In solchen Versen klingt an, was Bob Dylan meinte, der Cohens Lieder als gesungene Gebete bezeichnete. Anders als das Genre tendenziell vorschreibt, handeln Cohens Gebete zwar oft von Einsamkeit, Verzweiflung und Sinnkrisen, aber sie sind mit Humor und Selbstironie durchsetzt. «Warum Selbstmord begehen, wenn Sie diese Platte kaufen können?» warb seine Plattenfirma Columbia in einer Anzeige. Der Slogan muss ihm gefallen haben.

«Going Home» (2012), live in Dublin. (Video: Youtube/albertnoonan)

Man nahm ihn persönlich

Dass das Publikum ihn als alten Mann in Erinnerung behält, hat zunächst damit zu tun, dass es ihn im Alter so häufig zu sehen bekam. Das lag nicht nur an ihm. 2004 hatte sich Cohens Managerin und Vertraute Kelley Lynch mit seinem gesamten Vermögen davongemacht. Für den Künstler bedeutete es einen Verlust, für seine Fans einen Gewinn. Denn die finanzielle Lage zwang ihn, weiter Platten aufzunehmen und Konzerte zu geben. 2008, nach 15 Jahren, ging er auf eine Welttournee, der weitere folgten. Dabei trat Cohen mehrmals in der Schweiz auf, am Jazzfestival von Montreux etwa oder im Zürcher Hallenstadion.

«Tower of Song» (1984), live mit U2. (Video: Youtube/Navad-O-Seh)

Obwohl man ihm das Alter anmerkte und er bei seinen letzten Auftritten gebrechlich wirkte, hatte er nichts von seinem Charisma, seinem Humor und seiner Präsenz eingebüsst. Auch sah er immer noch unverschämt gut aus, der Bastard im Massanzug, mit seinem gut geschnittenen Gesicht, den dunklen Augen und dem dichten, grauen Haar. Seine Begleitband rührte musikalischen Sirup an, servierte reine Akkorde, wattiertes Schlagzeug und die Seufzer eines dreistimmigen Frauenchors. Aber wenn Leonard Cohen sang oder sprach oder flüsterte, hörte man nur ihn und nahm es persönlich. Und jedesmal, wenn er auf der Bühne «I was born with the gift of a golden voice» vortrug, die Zeile aus «The Tower of Song», kam es im Saal zur Ovation über den Mann mit der goldenen Stimme, die mit Dringlichkeit kompensierte, was ihr an Umfang abging.

«Hallelujah» (1984), live in der Version von John Cale. (Video: Youtube/Jacco Dekkers)

Songs über Liebe und Hass

Wirklich jung war der Alte nie gewesen, jedenfalls kam es einem so vor. Cohen kam am 21. September 1934 im kanadischen Montreal zur Welt, sein Vater war ein jüdischer Textilkaufmann, seine Mutter kam aus einer Rabbinerfamilie. Der Sohn wuchs unter angenehmen Bedingungen auf. Er lernte mit 13 Jahren Gitarre spielen, «weil ich die Mädchen beeindrucken wollte», wie er später zugab. Zur Musik fand er aber viel später. Als er seine erste Platte aufnahm, das war 1967, hatte er schon mehrere Gedichtbände und zwei Romane geschrieben, war 33 Jahre alt und besang die Bekenntnisse eines Mannes, der die Frauen liebte, aber das Leben nicht. «Songs of Love and Hate», nannte er sein drittes Album.

Die hohe lyrische Qualität seiner Texte, ihr Metaphernreichtum, die beiläufig eingebrachte Bildung des Autors weisen Cohen als einen der wichtigsten Songwriter englischer Sprache aus. Die Songs machten ihn als Autor zunächst bekannter denn als Interpreten. Die ersten Jahre über war Cohen einem kleinen, aber einflussreichen Kreis von Intellektuellen und Musikern bekannt. Viele sangen seine Lieder nach. Dazu gehört «Hallelujah» von 1984, das in der Version von John Cale bekannt wurde und bis heute gegen 200 Mal interpretiert worden ist. Auch andere Lieder wie «Bird on a Wire», «Suzanne», «First We Take Manhattan» oder «Everybody Knows» sind berühmter geworden als ihr Autor.

Der singende Erotomane

Wobei das vor allem für Amerika gilt. In Europa und Kanada wurde Cohen mehr geschätzt als in den USA. Das mag mit seiner morosen Stimme zu tun haben, die den Amerikanern zu pessimistisch klang. Vielleicht liegt es auch an seiner Skepsis einem Land gegenüber, das er in seinem sarkastischen Song «Democracy» als «Wiege des Besten und des Schlimmsten» bezeichnet hat. Er sei «ein konservativer Linker», hat er seine Haltung beschrieben. Er galt auch als ein Erotomane, der seine zahllosen Affären in zahllosen Liedern besang, elegant, sinnlich, humorvoll. Selbst wenn er sich beklagte, musste man lachen: «You call it love / I call it room service.»

«Democracy» (1992). (Video: Youtube/Spadecaller)

Viel mehr als an der Liebe litt Leonard Cohen an seiner Schwermut, die er in seinem späten Song «The Darkness» als ansteckende Krankheit beschrieb. Er bekämpfte seine Depressionen exzessiv mit Sex, Kokain und Alkohol, mehrmals geriet er an den Rand des Suizids. Aber nichts half, nicht einmal die strengen Jahre in einem Zen-Kloster bei Los Angeles, dessen Regime sich Cohen während den Neunzigerjahren unterwarf. 1996 wurde er unter dem Namen Jikan zum Mönch ordiniert: der Stille. Aber erst als er das Kloster verliess und sich nach Indien davonmachte, schreibt seine Biografin Sylvie Simmons, sei die Schwermut von ihm abgefallen.

Harte Arbeit, einfache Akkorde

Die Aufhellung energetisierte den Sänger zu einem Alterswerk, dessen lyrische Kraft das meiste von dem übersteigt, was jüngere Kollegen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zustande bringen. Das hängt damit zusammen, dass Cohen sich schon lange im Schreiben von Gedichten geübt hatte, bevor er sie vertonte und zu einfachen Gitarrenakkorden vortrug. Entscheidend ist aber nicht die Erfahrung des Schreibens, sondern der dabei betriebene Aufwand. Wie lange er für seinen Song «I and I» gebraucht habe, fragte Cohen Dylan einmal. «Zwanzig Minuten», sagte Dylan und fragte Cohen seinerseits, wie lange er an «Hallelujah» gearbeitet habe. «Sechs Jahre», gab der zurück.

Darkness (2012). (Video: Youtube/LeonardCohenVEVO)

Wie er sich selber sähe, wollte ein Journalist von ihm wissen, Cohens Antwort: «Ich bin Sünder von Beruf.» Kein Mann, schrieb eine seiner vielen Hörerinnen ins Internet, spreche das Wort «naked» so nackt aus wie Leonard Cohen.

Erstellt: 11.11.2016, 04:29 Uhr

Artikel zum Thema

Leonard Cohen verstorben

Der kanadische Singer-Songwriter Leonard Cohen ist tot. Der Schriftsteller und Musiker starb im Alter von 82 Jahren. Mehr...

Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis

Überraschung in Stockholm. Die Nobelpreis-Jury verleiht den diesjährigen Preis in der Kategorie Belletristik dem US-Singer-Songwriter Bob Dylan. Mehr...

Singender Totengräber

Nick Cave und seine Frau Susie haben einen Sohn verloren. Ein Jahr später bringt der Songwriter seine neue Platte heraus. Sie klingt düster – aber nie pathetisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Geldblog Bei GAM fliessen weiterhin Vermögen ab

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...