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Der bescheidene Tenorsaxofon-Riese

Er war der Saxofonlehrer der Nation: Mit Andy Scherrer verliert der Schweizer Jazz einen seiner profiliertesten Vertreter.

Er war einer der besten europäischen Jazz-Tenoristen: Andy Scherrer. Foto: Dominik Plüss
Er war einer der besten europäischen Jazz-Tenoristen: Andy Scherrer. Foto: Dominik Plüss

Was für ein sublimer Saxofon-Balladeur spielt hier doch! Das sagte sich, wer die Tenorsaxofon-Kunst Andy Scherrers bei Konzerten bewunderte – etwa mit dem famosen Vienna Art Orchestra (VAO), bei dem Scherrer von 1991 an über viele Jahre hinweg mitwirkte. Man schaue sich dafür exemplarisch den Youtube-Mitschnitt «Art with Heart» an, eine rund siebenminütige Sequenz eines Auftritts beim North Sea Jazzfestival 2002: VAO-Chef Mathias Rüegg setzte den Basler Tenorsaxofonisten Andy Scherrer vorzugsweise ein als Balladen-Interpreten in langen Features – «Art with Heart» zeigt schön, warum. Das sublime Spiel Scherrers bringt die Ballade zum Leuchten. Ein edler, kultivierter, anmutiger Klang. Wundervoll setzt sich Scherrer über die farbenreichen Teppiche der übrigen Bläser, kann auch vital aufwallen, ohne dabei in eine jungspundhafte Kraftmeierei zu verfallen.

Er brachte die Ballade zum Leuchten: Andy Scherrer mit dem Vienna Art Orchestra. Video: Youtube

Seit Mitte der 1970er galt Scherrer als einer der besten europäischen Jazz-Tenoristen, er passte damit bestens ins VAO, in dem die europäische Crème de la Crème des Jazz mitwirkte. Scherrer war dabei nie einer, der das Rampenlicht suchte. Von bescheidener Art war er als Mensch, introvertiert.

Der 1946 geborene Musiker, der in Basel aufwuchs, hatte folgerichtig zeitlebens seine meisten Auftritte als Sideman und nicht als Anführer eigener Formationen. Scherrer spielte öfter auch bei George Gruntz; Gruntz holte sich den Basler Kollegen immer mal wieder in seine Concert Jazz Band, in der sonst vornehmlich amerikanische Stars spielten. In den Siebzigern machte Scherrer auch bei Magog um den Zürcher Pianisten Klaus König auf sich aufmerksam – mit einer Musik zwischen Hardbop, Free und Jazzrock. Mit über fünfzig Jahren erst veröffentlichte Scherrer, dieser zurückhaltende Grandseigneur des Tenorsaxofons, sein erstes Album als Leader: «Second Step» erschien 2000 auf dem Label TCB seines Basler Jugendfreundes Peter Schmidlin.

Unschulmeisterlicher Pädagoge

Andy Scherrer hatte sich den Jazz im Grunde autodidaktisch angeeignet. Zwar ging er mit 27 ans damalige Konservatorium Basel und studierte beim klassischen Saxofonlehrer Iwan Roth – doch seine eigentliche Schule waren wohl eher die Jazzplatten, die ihm Freunde brachten wie eben Drummer Peter Schmidlin oder Bassist Isla Eckinger. Zu seiner eigenen Saxofonsprache hat Scherrer laut eigenen Worten vor allem in der Auseinandersetzung mit Wayne Shorter oder Joe Henderson gefunden. Letzterem widmete er später ein eigenes Album, eingespielt mit jungen Schweizer Jazzern wie Jean-Paul Brodbeck oder Dominic Egli («Serenity: A Tribute to Joe Henderson», 2004).

Und Scherrer zog auch die Eleven an. In seiner Funktion als Pädagoge, der immer ganz unschulmeisterlich unterrichtete und im Grunde gar nicht mal so gern unterrichtete, wird er genauso in Erinnerung bleiben wie als einzigartiger Saxofon-Solist. Von 1975 an bis 2011 war Andy Scherrer Saxofon-Dozent in Bern. Fast alle, die heute einen Namen haben unter den Schweizer Tenorsaxofonisten, vom Basler Domenic Landolf über den Berner Donat Fisch bis zum Zürcher Jochen Baldes, sind durch die Schule von Andy Scherrer gegangen. «Saxofonlehrer der Nation» nannte man ihn mal.

In der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch ist Andy Scherrer nach längerer Krankheit im Alter von 73 Jahren gestorben.

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