Der Blues hatte ein Baby, und das waren die Rolling Stones

Alte Helden an der Stromgitarre und der Maulorgel: Hier sind die Originale zu «Blue & Lonesome», dem neuen Album der Rolling Stones.

Der Held und die Fans: Die jungen Rolling Stones sehen zu, wie der Bluessänger Howlin' Wolf in der Fernsehshow «Shindig» auftritt. Bild: Getty Images

Der Held und die Fans: Die jungen Rolling Stones sehen zu, wie der Bluessänger Howlin' Wolf in der Fernsehshow «Shindig» auftritt. Bild: Getty Images

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Zuletzt rollt der Stein dahin, wo er losgetreten wurde. 1960 war es, als zwei junge Männer am Bahnhof Dartford ins Gespräch kamen. Keith Richards hatte gesehen, dass Mick Jagger zwei Schallplatten mit sich trug, «Rockin' at the Hops» von Chuck Berry und «The Best of» von Muddy Waters. Beide stammten vom Plattenlabel Chess, das in Chicago erfolgreich Rock 'n' Roll, Rhythm 'n' Blues und Blues verlegte.

Mit dieser frühen Black Music lernten Richards und Jagger so gut wie alles, was sie für ihre eigene Musikkarriere in London brauchten: 1962 gründeten sie mit Brian Jones und weiteren Musikern die Rolling Stones, benannt nach einem Song von Muddy Waters. Und bis 1965 brachte die Band vier Alben heraus, auf denen sie in erster Linie die Songs ihrer US-amerikanischen Vorbilder nachspielten.

Über 50 Jahre später kehren die Rolling Stones zu ihren Anfängen zurück. Auf ihrem neuen Album «Blue & Lonesome» covern sie zwölf Bluessongs aus Chicago; zur Hälfte sind es Klassiker, die Little Walter oder Howlin' Wolf für Chess Records in Chicago aufgenommen hatten. Bevor das Album am 2. Dezember erscheint, präsentieren wir hier die zwölf Originale – zwölf zum Teil bekannte, zum Teil obskure Bluessongs, wie sie in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren auch britische Teenager begeisterten.

1. Little Walter: Just Your Fool

Mit nicht weniger als vier Songs verneigen sich die Rolling Stones auf ihrem neuen Album vor Marion Walter Jacobs alias Little Walter (1930–1968). «Just Your Fool» ist der erste davon, eine Liebeserklärung mit höchst bedrohlichen Untertönen. Dazu passt das entzündete Harmonikaspiel von Little Walter, der dieses alte Bluesinstrument elektrifizierte und damit für den harten Club-Blues und Rock 'n' Roll aus Chicago fit machte – auch als Sidekick von Muddy Waters.

Und hier die Version der Rolling Stones:

2. Howlin' Wolf: Commit a Crime

Was Chester Burnett alias Howlin' Wolf (1910–1976) mit seiner Band am 11. April 1966 aufnahm, ist eines der stärksten Stücke in der Geschichte der Musik. Eine Frau und ein Mann durchleben eine Blueshölle, gebaut aus einem Akkord und dem rasenden Versprechen, sich umzubringen. Howlin' Wolf belfert seine Verwünschungen, und der grosse Hubert Sumlin lässt die Gitarre züngeln und spotten – bis er zu einem seiner unnachahmlich einfachen, aber entwaffnenden Soli ansetzt.

3. Little Walter: Blue & Lonesome

Das Titelstück stammt wiederum von Little Walter. Es ist eine klassische Bluesklage aus dem Jahr 1959, in der sich sogar «die Wale und die Fische» gegen den von der Liebsten verlassenen Sänger verschworen haben, als der ins Wasser geht. Das Elend wird von der schabenden Akkordbegleitung der Gitarre unterstrichen, die Buddy Guy an der Sologitarre mit heillos verknäuelten Notenfolgen ausschmückt.

4. Magic Sam: All Your Love

Eine Bluesnummer in perfekter Balance von Hysteria und Eleganz – das ist «All Your Love», der erste Song überhaupt, den Samuel Gene Maghett alias Magic Sam (1937–1969) veröffentlichte. Das war 1957, und der soulige Gesang und der Effekt der Tremologitarre beeinflussten viele spätere Musiker in England und den USA. Trotzdem war seine Karriere nur beschränkt erfolgreich und sehr kurz: Mit 32 Jahren starb Magic Sam an einer Herzattacke.

5. Little Walter: I Got to Go

Little Walter zum Dritten, diesmal mit einer wilden, turbulenten Tanznummer, die 1955 teilhatte am neuen Rock-'n'-Roll-Phänomen. Der Musiker lebte sein Leben, als sei dieses angetrieben vom ungestümen, gefährlichen Bravado dieses Songs, der anrollt wie ein Güterzug: Little Walter war einer der ersten Selbstzerstörer in der Geschichte der populären Musik, er verlor sich in Süchten und verstrickte sich in Schlägereien. 1968, mit nur 37 Jahren, starb Little Walter nach einer weiteren Prügelei an einem Blutgerinsel in seinem Herz.

6. Little Johnny Taylor: Everybody Knows About My Good Thing

Johnny Lamont Merrett, genannt Little Johnny Taylor (1943–2002), war eine Randfigur des Soulblues in den Sechzigerjahren. Mit diesem Song landete der Musiker aus Arkansas 1971 einen seiner wenigen Hits.

7. Eddie Taylor: Ride 'Em On Down

Auch nicht gerade ein Schwergewicht der Bluesgeschichte war Eddie Taylor (1923–1985). Wie viele Musikerkollegen war auch er aus dem Süden der USA, in seinem Fall aus Mississippi, nach Chicago ausgewandert. In seinen frühen Singles bewahrte er wie in «Ride 'Em On Down» (1955) den urchigen, ländlichen Bluessound auf.

8. Little Walter: Hate to See You Go

Das vierte und letzte Stück von Little Walter, das die Rolling Stones für ihr neues Album eingespielt haben. Das Original stammt von 1955, und ein anderer Star des Chess-Labels, Bo Diddley, spielt darauf über dem simplen, aber impertinenten Beat eine ausgezehrte Gitarre. Archaischer, ansteckender, anzüglicher Blues zum Tanzen.

Und hier die Version der Rolling Stones:

9. Lightnin' Slim: Hoo Doo Blues

Tief hinab in den Süden der USA gehen die Rolling Stones mit diesem Song von Otis Hicks (1913–1974), der sich Lightnin' Slim nannte und in Baton Rouge nördlich von New Orleans lebte und spielte. 1958 aufgenommen, führt der betörende Song in die schwül dampfenden, von allerlei mythologischem Gesocks bevölkerten Sümpfe des Landes am Mississippi. Eine fast vergessene, aber grossartige Nummer, welche die Rolling Stones ausgegraben haben.

10. Jimmy Reed: Little Rain

Einige Hits wiederum hatte Jimmy Reed, geborener Mathis James Reed (1925–1976), der als Zeitgenosse und Konkurrent von Muddy Waters oder Howlin' Wolf nicht für Chess aufnahm, sondern für Vee-Jay Records. Diesen Klassiker von 1957 hat Keith Richards, der von Jimmy Reed massgeblich beeinflusst war, in seiner Autobiografie als «gespenstisch» und «auf melancholische Weise dissonant» beschrieben. Die schicksalsergebene Begleitung der Gitarre grundiert eine desolate Liebesklage, in der «ein kleiner Regen» fällt und «eine kleine Uhr die Zeit wegtickt».

11. Howlin' Wolf: Just Like I Treat You

Mit Howlin' Wolf und dieser locker rockenden Nummer von 1962 gehts zurück auf den Tanzboden. Geschrieben hat den Song der Hausautor von Chess Records, der Bassist und Komponist Willie Dixon. Ein grobkörniger Kehrausblues, der auf das baldige Ende der Platte und dieser Playlist hinweist.

12. Otis Rush: I Can't Quit You Baby

Und zum Schluss gleich noch ein Song von Willie Dixon, geschrieben diesmal für einen überragenden Unbekannten der Bluesgeschichte, für Otis Rush (*1935), den einzigen noch lebenden Künstler, dem die Rolling Stones auf ihrer Platte huldigen. Auch Rush stammte aus Mississippi und machte seine Karriere in Chicago, mit einer Serie wunderbar eleganter Bluessongs, die er ab 1956 für Chess aufnahm, aber auch für viele kleinere Labels wie Cobra oder Duke. Vor den Stones haben bereits Led Zeppelin diesen Song gecovert, 1969 auf ihrem Debütalbum. In der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt, wird Otis Rush in der Bluesszene hoch geschätzt. Weisse Virtuosen wie Michael Bloomfield, Peter Green oder Eric Clapton (der auf zwei Songs von «Blue & Lonesome» der Rolling Stones gastiert) haben ihn als entscheidenden Einfluss genannt.

Erstellt: 25.11.2016, 11:08 Uhr

The Rolling Stones: Blue & Lonesome (Universal); das Album erscheint am 2. Dezember.

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