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Der Gesang des Algorithmus

Autotune ist nur eine Software, und doch prägt sie die Popmusik. Wie die Dirty Projectors oder The Weeknd zeigen, kann das Korrekturprogramm auch Menschlichkeit erzeugen.

Nicht ohne mein Autotune: Abel Tesfaye alias The Weeknd bei den Grammy Awards im Februar in Los Angeles.
Nicht ohne mein Autotune: Abel Tesfaye alias The Weeknd bei den Grammy Awards im Februar in Los Angeles.
Kevork Djansezian/Getty Images

Der Aufnahmeleiter schickte Kesha in die Kabine: «Zeit, dass aus dir ein Star wird.» Die Sängerin war 22-jährig, als sie in «Right Round» von Flo Rida singen sollte, als weibliches, freudig bestätigendes Echo auf dessen Titelzeile: «You spin my head right round right round.» John Seabrook hat die Szene in seinem Buch «The Song Machine» überliefert, wie Kesha die Worte also ein paar Mal ins Mikrofon sang: «Es klang nicht besonders. Aber als der Techniker das Autotune aktivierte, drehten alle durch.» Und tatsächlich, bald war die New Yorkerin nicht mehr nur eine Hintergrundsängerin, sondern selbst ein Star.

Kesha singt Echo: Flo Rida mit «Right Round».

Autotune ist seit 1997 auf dem Markt, ein Korrekturprogramm, das falsch gesungene Töne einpegelt. Anstatt die Sänger ihre Aufnahmen so lange wiederholen zu lassen, bis sie sitzen, können sie mit Autotune ganz einfach im Computer korrigiert werden. Wie leicht Keshas Gesang im Studio zu einer satten, überzeugenden Hookline verrechnet wurde, scheint zu belegen, was Kritiker der Software immer wieder anführen: Autotune und vergleichbare, aber weniger bekannte Programme machen selbst mittelmässige Sänger fit für den Popkonfekt. «Wir hören Stimmen, die wir für menschlich halten», schreibt Greg Milner in «Perfecting Sound Forever», seinem Buch über Musiktechnologie: «Dabei sind sie unmenschlich.»

Aus dem Leim gegangen

Milner ist kein Kulturpessimist und Technikfeind. Dass Autotune bei ihm als «Albtraum» beschrieben ist, liegt auch daran, dass er 2008, als er sein Buch beendete, noch wenig davon ahnen konnte, wie kreativ die pedantische Korrektursoftware von Popmusikern bald eingesetzt würde. Heute wissen wir es besser.

Zum Beispiel dank Abel Tesfaye alias The Weeknd, der am Sonntag in Zürich sein aktuelles Album «Starboy» vorstellen wird: Der Kanadier kann sehr wohl singen, und doch ist Autotune bei ihm längst ein unverzichtbarer Teil des Bühnenpersonals. Oder dank Dave Longstreth, der auf dem neuen Album seiner Dirty Projectors eine kaputte Liebe besingt – und dabei auch Autotune nutzt, um Nähe und Verletzbarkeit zu zeigen. Das Korrekturprogramm als Intimitätsmaschine, ausgerechnet.

In der Bubble der eigenen Stimme: Dirty Projectors mit «Little Bubble».

Das geht, weil Autotune eine Funktion anbietet, mit der sich der Gesang live korrigieren lässt. Ist sie eingeschaltet, ist es, als höre man dem Programm beim Arbeiten zu, und die Stimme erzeugt einen künstlichen, roboterhaft klingenden Gurgel- oder Flattereffekt. Cher war 1998 in «Believe» die Erste, die ihn nutzte, aber auch Daft Punk griffen schon früh zu Autotune, um ihre Stimmen gezielt zu entmenschlichen – so, wie es bereits ihre Vorbilder von Kraftwerk mit dem Vocoder getan hatten.

Autotune in der Hitparade: Cher mit «Believe».

Wie die Livekorrektur aber auch die gegenteilige Wirkung hervorrufen kann, zeigen die Dirty Projectors sehr schön in «Ascent Through Clouds». Still zerlegte Akkorde an der akustischen Gitarre und eine Melodie wie von der Spielkonsole führen in den Song eines Mannes, der auf sich selbst zurückgeworfen ist – eine klassische Singer/Songwriter-Geste des von der Liebe verlassenen armen Tropfs.

«I fly fluid and remade», singt Longstreth, der mit dem Verlust seiner Freundin auch sich selbst verloren hat – Worte, die von den Suchbewegungen des Autotune nach dem nächstsicheren Ton treffend illustriert werden. Hier ist ein Sänger, der keinen Halt hat und vor den Ohren des Publikums aus dem Leim geht. Und man kann nicht anders, als bewegt zu sein durch solchen Einsatz der Technologie.

Leises wird laut

Dass Computer nicht nur Künstlichkeit, sondern auch Menschlichkeit erzeugen können, ist für einen nicht geringen Teil des Musikpublikums immer noch schwer zu akzeptieren. Die Authentizitätskonzepte der Popmusik lauten nun mal anders, auf handgezupfte Saiten beispielsweise, und eine Korrektursoftware ist darin ganz zuletzt vorgesehen: Autotune gilt als die Stimme gleichgeschalteter Popcyborgs.

Dabei waren gerade die intimen Regungen einer Gesangsstimme schon immer auf die Technik angewiesen, um sich überhaupt bemerkbar zu machen. Es war kein Zufall, dass die grossen Bluessängerinnen der Vorkriegszeit – Ma Rainey oder Bessie Smith – sonore, laute Stimmen hatten. Erst als Mikrofone zur Verfügung standen, konnte eine Billie Holiday eine feinsinnige Diseusenkunst zum neuen Standard erheben. Auf den alten Zelt- und Kellerbühnen des Bluescircuits hätte man sie schlicht nicht gehört.

Kraftvoll auch ohne Mikrofon: Ma Rainey mit «Trust No Man».

Die Diseuse ist da: Billie Holiday mit «Gloomy Sunday».

Und nicht anders als ein Mikrofon vergrössert auch Autotune, richtig eingesetzt, die Gefühle der Sänger oder bringt sie erst zum Vorschein. 2005 spielte Imogen Heap mit vergleichbaren Vocoder-Effekten so etwas wie die Blaupause für zahlreiche Songs ein, wie sie seither Kanye West, James Blake oder Bon Iver mit Autotune aufnahmen: In «Hide and Seek» machte gerade der randlose, ständig verschwimmende Gesang mehr noch als die eigentlichen Worte das Entsetzen der Sängerin begreifbar, durch eine flüchtige Welt zu taumeln: «Where are we? What the hell is going on?» Gerade indem sie Fake erzeugen, können Programme wie Autotune immer da aus der Realität erzählen, wo diese sich auflöst.

Flüchtige Stimme für eine flüchtige Welt: Imogen Heap mit «Hide and Seek».

Das zeigt: Diese Software ist selber zum Inhalt geworden. Sie war ein Korrekturprogramm, und sie war nach dem Erfolg von Cher mit «Believe» ein Klangeffekt, wie ihn von Madonna über T-Pain bis hin zu Lady Gaga die meisten Mainstreamkünstler einsetzten. Dass Autotune den Modetrend genauso überlebte wie zahllose Zeitschriftenartikel, die es bald für abgeschmackt und tot erklärten, liegt daran: Kreative Musiker fanden einen Weg, den Algorithmus von Autotune einen Teil ihrer Geschichte erzählen zu lassen.

Zu ihnen gehört The Weeknd, dessen narkotisierte Beischlafprotokolle aus abgedunkelten Lofts darum überzeugen, weil er sie mit glasiger, neben sich selbst stehender Stimme singt. Es ist das Korrekturprogramm, das erst den Sound einer dunklen, alles verschlingenden Psychose erzeugt. Oder besser, erzeugt hat: Auf dem aktuellen Album «Starboy» hat sich die Methode zu einem simplen Tick verharmlost.

Korrigierende Stimmen: The Weeknd mit «The Party and the After Party».

Was nicht am Autotune liegt. Im Gegenteil: Als korrigierende Stimme im Hintergrund ist der Gesang des Algorithmus in den letzten Jahren nur noch dringender geworden. Jeder Mensch kann sich ja mittlerweile aus den Daten, die er im Internet hinterlässt, ein Selbstporträt errechnen lassen. Er wird so nicht nur erkennen, wie viel die sozialen Medien über ihn wissen, sondern vielleicht noch erschütternder: Für wen ihn alle anderen Nutzer halten.

Der Chor der Avatare

Wenn James Blake und Bon Iver in «Fall Creek Boys Choir» klingen wie ein Avatarenchor aus menschlich dünnen Einzelstimmen, die sich korrigierend ineinander auflösen – dann stellt Autotune die simple metaphorische Frage: Gilt das gesungene oder das korrigierte Wort? Wenn wir uns noch von unseren Daten unterscheiden, müssen wir uns in sie verwandeln? Es ist eindeutig eine intime Frage.

Korrigierende Stimmen: James Blake und Bon Iver mit «Fall Creek Boys Choir».

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