Der glorifizierte Rüpel

Ein Musikkritiker lobt Liam Gallagher für seine Tiraden. Weshalb das langweilig ist.

Bekannt für seinen Pöbeleien: Liam Gallagher.

Bekannt für seinen Pöbeleien: Liam Gallagher. Bild: Reuters

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Dem ollen Ozean geigte er kürzlich ganz schön die Meinung, der Liam Gallagher. Der Musiker aus Manchester hatte wieder einmal zu einem seiner berühmten Rundumschläge ausgeholt. Gegen Bono, dem er durch eine «ausserkörperliche Erfahrung» entfliehen wollte. Gegen Mick Jagger, dieser «Dinosaurierhüfte». Gegen seinen Bruder, James Corden, Jay-Z – und eben: das Meer. Das sei nichts für Menschen, so Gallagher, weil geeigneter für Haie und Quallen. «Fuck the sea.»

Beim britischen «Guardian» war man begeistert. Klar, etwas vorhersehbar seien Liams Tiraden mittlerweile schon. Trotzdem: In einer Welt aus faden und humorlosen Popsternchen wie Ed Sheeran und Katy Perry seien Gallaghers Äusserungen erfrischend. Gute Nacht, wenn die sieben Weltmeere zu schelten, alles ist, was es braucht, um einen Musikkritiker aus dem Häuschen zu bringen.

«Am Firmament strahlen, kometenhaft verglühen»

Mit seinen Ausführungen steht «Guardian»-Autor Ben Beaumont-Thomas nicht alleine da. Sie erinnern ein wenig an die Tiraden jener Kritiker, die Künstlern mangelnde musikalische Grösse attestieren, weil der Lebenswandel zu wenig chaotisch erscheint. Und an jene, die Foo-Fighters-Sänger Dave Grohl den Status als Rockstar aberkennen, weil er in ihren Augen zu freundlich, selbstironisch und nahbar auftritt. Denn der wahre Rockmusiker, schrieb etwa die «Welt», müsse «unerreichbar am Firmament strahlen» und dann «kometenhaft verglühen».

Es hält sich hartnäckig, das Bild vom Musiker, der Inspiration nur aus der Grenzerfahrung ziehen kann, der wahre Grösse nur über Rüpelhaftigkeit erlangt – das Rockstar-Klischee halt. Das ist insofern amüsant, als dass sich die Musiker selber schon seit jeher darüber lustig machen. Zum Beispiel Eagles-Gitarrist Joe Walsh. Er nahm mit seinem Song «Life’s Been Good» Arroganz und Eskapaden seiner Zeitgenossen aufs Korn: «I live in hotels, tear out the walls/I have accountants, pay for it all.» Das war 1978. Keith Moon, Schlagzeuger von The Who, oberster Hotelzerstörer und Inspiration für das Lied, starb wenig später.

Teure Villa, schnelles Auto, kaputtes Hotelzimmer: «Life's Been Good» von Joe Walsh.

Wer also noch dieses Bild vom Rockmusiker bemühen muss, bedient lediglich Nostalgie. Sind die heutigen Popsternchen langweilig? Vielleicht. Ist das Rockstar-Klischee langweilig? Definitiv.

Erstellt: 14.08.2017, 14:30 Uhr

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