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Der Guerillamusiker

Julius Eastman war als schwarzer, schwuler Komponist und Pianist im klassischen Musikbetrieb ein Aussenseiter – und starb 1990 vereinsamt. Nun wird sein Werk in Zürich wiederentdeckt.

1980 live in Zürich: Julius Eastman ist 37 Jahre danach auf CD zu hören. Foto: Dieter Hall
1980 live in Zürich: Julius Eastman ist 37 Jahre danach auf CD zu hören. Foto: Dieter Hall

Der Pianist schlägt die Tasten suchend an – fast so, als würde er ein verlorenes Stück des Mystikers Erik Satie interpretieren. Er vergisst dann schnell die Ordnung, baut die Töne zu überbordenden Clustern zusammen, erinnert nun an einen Free-Jazz-Pianisten. Plötzlich beginnt er zu singen, in einer exzentrischen Baritonstimme, die sich lustig zu machen scheint über die klassischen Meistersänger: «I love you so much, my dear . . .», singt sie. Und: «You come naked alone, my dear . . .»

All das passiert in der ersten Hälfte eines Konzerts, das der New Yorker Julius Eastman im Oktober 1980 in der Aula der Zürcher Kantonsschule Rämibühl gespielt hat und das nun als «The Zürich Concert» auf CD erscheint. Es ist die erste Aufnahme überhaupt, auf der nachzuhören ist, dass der schwarze Komponist, Pianist, Sänger, Dirigent und Choreograf auch eines war: ein Improvisator, der sich wie ein Ikonoklast seine Motive aus den verschiedensten Ecken der Musikgeschichte einverleibte – und sie in eine so masslose wie eigenartige Musik übersetzte.

Der Maler Dieter Hall veranstaltete das Zürcher Konzert und nahm dieses auf Kassette auf. Er erinnert sich an einen Auftritt, der «vielleicht von vierzig, fünfzig Personen» besucht wurde, die wohl vor allem aus Freundlichkeit aufgekreuzt seien. Natürlich kannte ­niemand Julius Eastman, «die Hälfte der Besucher verliess nach und nach den Saal». Doch das Konzert hatte «etwas Faszinierendes, etwas Überwältigendes», sagt Hall rückblickend.

Mit dem Ruf eines Provokateurs

1979 hat er Eastman erstmals getroffen, im New Yorker East Village in der Schwulenbar The Bar. Dort, wo sich Fotografen wie Robert Mapplethorpe oder Peter Hujar, Poeten wie Allen Ginsberg oder Musiker wie eben Julius Eastman den Exzess feierten. Es war die sexuell befreite Zeit vor Aids, und Eastman befand sich damals seit drei Jahren in der Stadt, wo er gross und erfolgreich werden wollte. Er hatte da bereits den Ruf als Provokateur, eines Genies auch, den er sich während seiner klassischen Ausbildung und als Lehrbeauftragter an der Kunstschule Buffalo – in den Siebzigern ein Zentrum der musikalischen Avantgarde – erworben hatte: Mit gefeierten Aufnahmen als Sänger, mit eigenen ­Werken, in denen er offen seine Homosexualität thematisierte, mit Skandalen wie einem Zwischenfall mit dem ungleich prominenteren John Cage, der zu seinem endgültigen Bruch mit dem akademischen Betrieb führte.

Doch statt Ruhm folgte in New York der tragische, sehr rasche Zerfall: Julius Eastman wurde zu einem unzuverlässigen, Whisky saufenden «son of a bitch», wie einer seiner damaligen Freunde schreibt. Die Vermieter schmissen ihn aus der Wohnung – bei der Räumung wurden die Partituren seiner Stücke vernichtet. Eastman, der früher Obdachlose bei sich aufgenommen hatte, lebte Mitte der Achtziger nun selber auf der Strasse. Und trotz einiger stabileren ­Zeiten sollte er sich nie mehr erholen: Im Jahr 1990 starb Julius Eastman im Alter von 49 Jahren in Buffalo. In New York wurde sein Tod erst Monate später wahrgenommen.

Die «Nigger-Trilogie»

Welch ungewöhnliche Musik Julius Eastman erschaffen hat, ist erst seit einigen Jahren wieder erfahrbar: Man hört seinen Bariton in der Discomusik von Arthur Russell – ein lange vergessener und ähnlicher Grenzgänger wie Eastman selber. Vor einem Jahr befeuerte eine Aufnahme des euphorisierenden Kammermusikstücks «Femenine» das Revival. Und dank minutiöser Recherchearbeit der Komponistin und Autorin Mary Jane Leach erschien bereits 2005 die Werkschau «Unjust Malaise». Darauf enthalten ist die sogenannte Nigger-Trilogie, drei Stücke für vier Klaviere, in denen Eastmans Überwindung der so streng organisierten Minimalmusic von Zeitgenossen wie Steve Reich oder Philip Glass nachvollziehbar wird. Allein die Titel – «Evil Nigger», «Gay Guerrilla» und «Crazy Nigger» – die bei einigen Aufführungen zensuriert wurden –, machen deutlich, dass Eastmans so lebenspralle wie dunkle Musik ein Werk des Widerstands ist, das gerade heute von immenser Sprengkraft ist.

Hier setzt das Zürcher Klavierensemble Kukuruz Quartett an, das sich seit 2014 mit Eastmans Musik befasst. Die Mitglieder des Quartetts wehren sich gegen die einsetzende Vereinnahmung seines Werks durch den klassischen Konzertbetrieb – und schreiben vor ihrem Konzert am Festival Unerhört, dass sie Eastmans Musik «in ihrer rauen Wildheit, ihrer ganzen schmerzhaften Schönheit ernst nehmen und diese nicht nur als Easy Listening verpackt in einem Hochkulturtempel spielen möchten».

Die «raue Wildheit», die «schmerzhafte Schönheit», die das Ensemble bei ihren Aufführungen von Eastmans Musik bewahren will, gibt auch den Ton an bei seinem Zürcher Konzert 1980. Julius Eastman scheint während des Auftritts all das gewesen zu sein, was er sich einmal in einem Interview gewünscht hat: «Was ich mir wünsche, ist, in vollen Zügen das zu sein, was ich bin – in vollen Zügen schwarz, in vollen Zügen Musiker, in vollen Zügen Homosexueller.»

Julius Eastman: The Zürich Concert (New World Records). Konzert Kukuruz Quartett: Samstag, 25. 11., Schlosserei Nenniger, Zürich, im Rahmen des Unerhört-Festivals

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