Der Henry Ford der Gitarre

Noël Akchoté ist einer der besten, fleissigsten und doch unbekanntesten Gitarristen der Jazzszene. Nächste Woche spielt der Franzose in Willisau.

Im laufenden Jahr hat Noël Akchoté bereits 17 Alben veröffentlicht; insgesamt hat er auf etwa 3000 gespielt. Foto: Nikola Cindric

Im laufenden Jahr hat Noël Akchoté bereits 17 Alben veröffentlicht; insgesamt hat er auf etwa 3000 gespielt. Foto: Nikola Cindric

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Es gibt Musiker, die veröffentlichen alle paar Jahre eine Platte, und das soll dann jedes Mal ein Ereignis sein. Noël Akchoté gehört nicht zu ihnen. Nehmen wir, nur zum Beispiel, den 11. Mai dieses Jahres. An jenem Donnerstag veröffentlichte der französische Gitarrist zwei Soloalben, ein Duoalbum mit der Kontrabassistin Sarah Murcia und ausserdem zwei Singles mit seinen Versionen von «I Shot the Sheriff» (von Bob Marley) und «What A Feeling» (aus «Flashdance»). Eingespielt hatte er diese Musik in den Tagen zuvor, am 9. und 10. Mai. Und es ist keine flüchtige Musik. Sie klingt jedes Mal ausgearbeitet, fokussiert und unbedingt hörenswert. Wie macht er das?

Wer Noël Akchoté ein Mail schreibt, erhält sehr schnell Antwort. Er ziehe zwar gerade um, gebe aber gerne ein Interview, wenn möglich lieber schriftlich. Und wer ihm dann fünfundzwanzig Fragen schickt, erhält wenige Stunden später ein zwanzigseitiges Dokument zurück, in dem er beispielsweise Henry Ford zitiert, den amerikanischen Autobauer und Erfinder des Fliessbands: «Du kannst dir keinen Ruf erarbeiten auf der Basis von Dingen, die du erst noch tun wirst.» Und er schreibt: «Der Punkt ist, dass ich die Dinge nur machen, nicht meistern will. Ich probe diese Musik nicht, sondern nehme sie ab Blatt auf. Wenn ich unsicher bin, mache ich ein paar Versionen und nehme immer die letzte. Später am Tag mische ich sie ab und stelle sie ins Internet.»

Arbeiten wie ein Bäcker

Noël Akchoté ist ein disziplinierter Arbeiterkünstler. Er steht in der Regel um 4 Uhr auf, um Onlinearchive nach Noten zu durchstöbern, die er spielen könnte. Dann spielt er sie, geht einkaufen, kommt zurück und macht die Musik fertig zum Verkauf. Er sei wie ein Bäcker, schreibt der 48-Jährige, der mache ja auch jeden Tag Brot. Und wie ein Bäcker, der bei der Konkurrenz vorbeischaut, um zu probieren, hört Akchoté sich andere Gitarristen an. «Ich weiss, das klingt hippiemässig, aber ich liebe sie alle», bekennt er. Er studiert ihren Ton und ihren Stil, aber zuallererst ihre Körperhaltung und ihre Art, das Instrument in die Arme zu nehmen. Denn das «ist das Geheimnis ihres Klangs» – die Position der Arme, der Ellenbogenwinkel, die Finger am Plektrum.

Tatsächlich ist auch Akchoté ein Gitarrist, an den man sich nicht zuletzt darum erinnert, weil man ihn gesehen hat. Vor ein paar Jahren zum Beispiel spielte er in Stans ein improvisiertes, denkwürdiges Solokonzert. Da sass er, in alte Mode gekleidet, die Beine beisammen und die Füsse auf dem Boden, fast unbewegt und leicht nach vorne über die Elektrogitarre gebeugt – eine gedrungene, mürrische Gestalt. Doch aus den einfachen Blueslinien, die nun anhoben, erschienen bald die verkarsteten Grundfesten des Free Jazz – die Boogie-Meditationen eines John Lee Hooker, das ärmliche Melodiengemäuer des Gospel. Als blase Akchoté in den Staub eines alten Hauses, erhoben sich seine einfachen, stillen Melodiefragmente, schienen für eine Weile im Licht und senkten sich wieder ins Vergangene. Dann schickte er, an Saitenspannung und Knöpfen manipulierend, eine halbstündige Klangspur, eine entmaterialisierte Hymne auf den Weg, die klang, als habe Albert Ayler im Himmel droben den Weltgong gestreift.

Was auf der Gitarre möglich ist

Ganz egal, ob er improvisiert oder einen Pophit von Kylie Minogue oder Phil Collins nachspielt: Noël Akchoté spielt einen geerdeten, innerlichen, fast bluesigen Stil. «Sehr aus dem Ranzen», wie Christy Doran sagt, sein Luzerner Gitarristenkollege, mit dem er nächste Woche am Jazzfestival in Willisau auftritt, «aber immer auch melodisch, fast könnte man sagen französisch.» Anders als viele Avantgardisten an diesem Instrument, die häufig mit Samples und Loops arbeiten, so hat es Doran beobachtet, sei Akchoté «sehr bei der Gitarre geblieben». Was nicht heisst, dass es keine neuen Töne gibt: Gerade die Platte, die Akchoté und Doran im Frühling im Zürcher Moods in einer langen Impro live eingespielt haben, ist ein aufregendes Dokument dessen, was auf der Gitarre möglich ist.

Noël Akchoté wuchs im Paris der Achtzigerjahre auf und wurde schon mit vierzehn Jahren zu einem Profispieler in der reichen Jazzszene der Hauptstadt. Er lernte bei Philippe Catherine, der damals mit Chet Baker spielte, und sah auch allen amerikanischen Musikern zu, die damals in Paris lebten oder regelmässig dort auftraten – den Altstars aus der Swingära wie auch Sonny Sharrock, dem berüchtigten Gitarrenberserker, dessen zersplitterte Plektren der junge Akchoté vom Boden aufsammelte und dem er später ein stilles, intensives Tributalbum widmete. «Sharrock hat mein Leben total verändert», schreibt Noël Akchoté. «Er machte auf der Gitarre buchstäblich alles, was verboten war, und jagte all das einfach in die Luft, was ich wie ein Verrückter zu lernen versuchte.»

In diesen frühen Jahren in Paris häufte Noël Akchoté auch seine enorme Konzerterfahrung an, als er – oft in Duos – in namenlosen Hotelbars, Restaurants und Clubs spielte. Heute noch führt er seine Vorliebe für das Duoformat auf diese Auftritte zurück: «Das war meine Schule und das Zentrum meines Lebens.» Wie in Solokonzerten spiele man auch im Duo «sozusagen nackt», aber mehr noch als im Solo sei man vis-à-vis eines Gegenübers mit der Frage konfrontiert, was das eigene Spiel sei und ausmache. Heute klingt es, als habe Akchoté diese Frage geklärt. Sein Spiel ist im Lot, hat Gravität. Und genau das erlaubt es dem Franzosen, diese riesigen Mengen an Material zu verarbeiten.

«Die Nahrungskette bin ich»

Akchoté schätzt, dass er auf etwa 3000 Platten gespielt hat. Seine eigene Diskografie umfasst rund 640 Titel, und auf seiner Seite auf Bandcamp sind nicht weniger als 216 Alben vorrätig: Für 555 Euro und 6 Cents kann man sich alles auf einmal bestellen (was, wie Akchoté schreibt, bisher drei Kunden getan hätten, zwei davon vor den Feiertagen über den Jahreswechsel). Im laufenden Jahr hat Akchoté bis jetzt bereits 17 Alben veröffentlicht – was durchaus wenig ist im Vergleich zum Vorjahr. Da gab er eine Reihe von Platten mit der Musik von Neutönern wie John Cage, Karlheinz Stockhausen oder Morton Feldman heraus. Eine zweite Serie widmete er den Legenden des Free Jazz, daneben entstanden drei Alben mit Landeshymnen (in alphabetischer Reihenfolge, das Projekt ist vorläufig bei Ruanda steckengeblieben).

Dass Noël Akchoté damit längst keinen Platz mehr hat in den Vermarktungsstrategien des Musikgeschäfts, liegt auf der Hand und kommt ihm ganz gelegen. «Ich bin draussen und glücklich», meldet er. Seine Karriere spielt sich in einem Paralleluniversum im Internet ab, wo täglich vier- bis fünftausend Menschen seine Musik hören. Noël Akchoté sagt, dass er die Kosten für ein Album meist in drei Monaten wieder einspiele: «Früher bekam ich für eine CD, die im Laden für 20 Euros verkauft wurde, 70 Cents. Heute kommen mindestens 75 Prozent der Einnahmen direkt zu mir. Die Nahrungskette, das bin fast nur noch ich.»

Ebenfalls 2016 gab es Alben mit der Musik der Shadows, der Beach Boys oder mit insgesamt 110 Stücken von Joe Hisaishi, des japanischen Filmmusikkomponisten, die in Akchotés prächtigen Interpretationen eine Anmutung von Folk und Country bekommen. 132 Aufnahmen widmete er im gleichen Jahr der Musik von Hildegard von Bingen, und den ganzen Herbst über gab er ein Album mit Renaissancemusik nach dem anderem heraus – von Tielman Susato, Johannes Lupi, Alexander Agricola, Girolamo Scotto und anderen meist nur Kennern bekannten Komponisten.

Tatsächlich hat die Alte Musik die letzten Jahre von Noël Akchoté geprägt. «Als ich nach einem abrupten Umzug zwischen unausgepackten Kisten sass, fand ich, dass ich in meinem Leben etwas Positives gebrauchen könnte. Also beschloss ich, mir das klassische Gitarrenrepertoire anzuschauen.» Während er dieses aber bald als zu technisch und eng empfand, wurde die alte Lautenmusik zur Offenbarung: «Die Laute ist das, was die Gitarre wäre, wäre sie unendlich und universell. In dieser Musik fand ich wieder, was spielen bedeutet, was es heisst, spielend zu komponieren. Das funktionierte im Barock oder in der Renaissance genau gleich wie später im Bebop. Und gleichzeitig beginnt bei John Dowland die ganze britische Popmusik.»

Heute ist Akchoté überzeugt, dass sich die «grundlegende Geste des Musizierens» nie verändert habe und nie verändern werde. «Die meiste Musik, die je gemacht wurde, mischt all die Funktionen, die man heute normalerweise auf Komponisten, Interpreten, Arrangeure und Improvisatoren aufteilt. «Was Lautenmusik, Ragtime, Folk oder Free Jazz unterscheidet, das ist nur ihr Platz in der Welt und der Geschichte.» Der musikalische Ansatz sei derselbe. Dies ist die Position, die dieser Gitarrist mit seinem ausufernden Werk einnimmt: die des Musikers, der den Urtext weiterspielt.

noelakchote.bandcamp.com

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2017, 19:19 Uhr

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