Der Krawallmacher schliesst Frieden

Der Mundartrapper Mimiks war «jong und hässig» – und blickt auf seinem Album zurück.

«Defür bhalt ich min Stolz»: Rapper Mimiks. Foto: PD

«Defür bhalt ich min Stolz»: Rapper Mimiks. Foto: PD

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Eigentlich wollte er ein Star werden, der in einer Villa wohnt. Einer, der mit dem Ferrari seine Runden dreht und sich jeden Tag auf Partys die Kante gibt. Dieser Traum vom Leben als Rapstar, den Mimiks in acht atemlosen Minuten durchrast, endet nach einer Welle der Euphorie mit dem Blick in den Spiegel und den gerappten Zeilen: «Keis Hus, kei Charre, kei Gold, kei usverchaufti Halle, defür bhalt ich min Stolz.» Lieber bleibt der Luzerner Rapper «für immer niemer» – und setzt mit diesem Track, der gleichzeitig der Titelsong seines neuen Albums ist, einen neuen Massstab im Mundartrap. Aber man muss ihn dann doch gleich zu Beginn des Gesprächs in der Bar eines Zürcher Hotels fragen: Was hat ihn bloss so ernüchtert?

Mimiks, der eigentlich Angel Egli heisst, überlegt: «Ich weiss nicht, ob ernüchtert das richtige Wort ist. Es ist eher so: Die letzten fünf, sechs Jahre haben sehr viel Schönes, aber auch weniger Schönes mit sich gebracht. Und ich versuche, mit allem Frieden zu schliessen – auch mit jenen Sachen, die ich mir anders ausgemalt habe.» Zum Beispiel? «Man hat ja das Gefühl, dass jener Moment kommt, in dem alles easy wird, in dem man glaubt: Jetzt bin ich angekommen, jetzt brauche ich nichts mehr weiter, um glücklich zu sein. Doch dieser Moment kommt halt einfach nie.»

Schwäche war in seiner Musik nicht vorgesehen

Dies sagt einer, der 2014 als erster Mundartrapper die Schweizer Albumcharts geknackt – und den ersten Platz erreicht hat. «VodkaZombieRambogang» hiess das Album; es folgte auf das Mixtape «Jong & Hässig», mit dem der Innerschweizer erstmals aufgefallen ist. Dieser Titel war bei ihm Programm: Seine Erzählungen hat er auf Krawall getrimmt, sein Sprechgesang ist von hoher Energie bestimmt. Der Grundzustand dieses Rappers war der «Beastmode», wie einer seiner bekanntesten Tracks heisst. Schwäche? War in dieser höchst gegenwärtigen Musik, die kein Morgen kennt, nicht vorgesehen. «Es war auch ein Rebellieren ohne Grund», erinnert sich Mimiks an jene Zeit. Lieber noch mal einen «Vödu» mit Red Bull saufen und hart feiern.

Aber ewig konnte das nicht weitergehen. So wie auch seine vom Boulevard genau beobachtete Beziehung zur Influencerin Anja Zeidler längst beendet ist. «Für immer niemer» erzählt von dieser Karriere, die nach der Veröffentlichung von «Jong & Hässig Reloaded» (2017) eine Pause gebraucht hat. Der gelernte Koch begann nämlich, mit seinen Raps zu hadern, verwarf sehr viele Tracks, verlor den Spass, brauchte Abstand. Bis er vor einem Jahr wieder merkte: «Rappen ist das, was ich am besten kann.» Das, was ihm am meisten Spass macht.

«Für immer niemer» blickt aber nicht nur auf seine bisherige Karriere zurück, sondern erinnert auch an seine Kindheit im Luzerner Quartier Maihof. Er erinnert sich an eine «schöne Zeit», an das Leben mit seiner Mutter, die alles gemacht habe, damit es ihm gut geht – mit sehr begrenzten Mitteln. Sein Vater war da bereits zurück in Spanien, «wir haben uns zu zweit durchgeschlagen». Mit 15 schrieb er seinen ersten Raptext, nach dem Besuch von Workshops mit Gimma und Greis, die zu einer weit früheren Generation von Mundartrappern zählen. Mimiks hörte damals auch Eminem oder die Songs des New Yorker Rapduos Mobb Deep, die haben ihn «weggeflasht». Und er merkte: Geschichten zu erzählen, auf die Bühne zu stehen, eine Show abzuziehen: Das war sein Ding.

Die Kollegen sollen sich doch wieder mehr Mühe geben

13 Jahre später ist Rap längst zur Mainstreammusik der Gegenwart mutiert. Auch hierzulande. «Unterdesse rappt do jede», teilt Mimiks auf dem neuen Album aus – und kommt zum Befund: «Sie gsend alli glich us und sie hend all die gliche Theme.» Er sagt im Gespräch: «Ich will ja nicht ideologisch sein und sagen: So wie ich es mache, ist es richtig. Aber es gibt doch sehr viel Rap, gerade im deutschsprachigen Raum, der sehr inhaltsleer ist.» Es gehe doch darum, Soul reinzubringen. «Aber wenn man nur noch Kleider- oder Automarken über einen generischen Plastikbeat aufzählt, ist das bloss Schlager auf eine andere Art.» Die Kollegen sollen sich doch einfach wieder ein bisschen mehr Mühe geben.

Soul meint bei Mimiks vor allem eine ungebändigte Energie. Auch im Jahr 2020. Denn selbst wenn Mimiks Frieden mit sich und seiner Karriere gemacht hat, bleibt sein Rap immer noch bemerkenswert hässig. Einen Ferrari? Will er sich ja eh nicht mehr kaufen.

Mimiks: «Für immer niemer» (Sony)



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Erstellt: 18.01.2020, 18:47 Uhr

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