Der Lautstärkeregler

Er hat in China Reis gepflanzt und in Hollywood einen Oscar gewonnen. Nun kommt der Dirigent und Komponist Tan Dun, der prominenteste Brückenbauer zwischen den Kulturen, in die Schweiz.

Als Tan Dun zum ersten Mal ein Sinfonieorchester hörte, war er schockiert: «Es war so laut.» Foto: Getty Images

Als Tan Dun zum ersten Mal ein Sinfonieorchester hörte, war er schockiert: «Es war so laut.» Foto: Getty Images

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Die Telefonleitung in die USA klingt löchrig, aber was Tan Dun sagen will, dringt trotzdem ­unmissverständlich durch: Es brauche einen guten musika­lischen Kontakt zwischen China und dem Westen. «Beide Seiten können etwas entdecken; es geht darum, Brücken zu bauen.»

Er selbst ist (neben dem Cellisten Yo-Yo Ma) wohl der prominenteste Brückenbauer zwischen den beiden Kulturen. Geboren 1957, wurde Tan Dun während der Kulturrevolution zur Umerziehung aufs Land geschickt, um Reis und Wassermelonen ­anzupflanzen. Eine bittere Zeit, und zugleich eine fruchtbare: Tan Dun begann, Volksmelodien zu sammeln, die seine Werke bis heute prägen. Und er lernte, die chinesische Kniefiedel und die Bambusquerflöte zu spielen.

Neben den traditionellen Instrumenten begann er, auch Violine zu spielen.

Westlicher Musik ist er erst später begegnet, sie war damals nicht erlaubt in China; Mozart oder Beethoven kannte er nicht einmal dem Namen nach. Er sei wohl etwa 17 Jahre alt gewesen, als er im Radio erstmals ein Sinfonieorchester hörte, sagt Tan Dun. Und er war schockiert: «Es war so laut!» Chinesische Instrumente sind aus Bambus, aus anderem Holz, aus Seide gefertigt, «und plötzlich waren da diese Blechbläser». Aber das Interesse war geweckt, und neben den traditionellen Instrumenten begann er, auch Violine zu spielen.

Mit 19 schloss er sich als Geiger und Arrangeur der Pekingopern-Truppe von Hunan an. Ein Jahr später begann er in Peking sein Kompositionsstudium und erntete schon bald Kritik für ­seine «geistig verschmutzten» Werke; zeitweise wurden sie gar verboten. 1986 wechselte er für weitere Studien nach New York, an die Columbia University. ­Seither lebt er in den USA – und ­wurde weit über klassische Kreise hinaus bekannt, als er 2000 für die Filmmusik zu Ang Lees «Crouching Tiger, Hidden Dragon» einen Oscar erhielt.

«Ein ganz grosses System»

Dieser Soundtrack hat einiges dazu beigetragen, dass das westliche Interesse an chinesischer Musik wuchs. Umgekehrt fördert China die westliche Musik seit ein paar Jahren mit sehr viel Energie und Mitteln. Es sei «ein ganz grosses System», sagt Tan Dun: «Das beginnt beim Musikunterricht, es gibt jetzt viel mehr Konservatorien, aber auch viel mehr Konzertsäle und Orchester.» Allein im letzten Jahr seien rund fünfzig neue Orchester entstanden, «und viele davon sind wirklich gut».

Eines der besten ist das Guang­zhou Symphony Orchestra, mit dem er nun im Rahmen einer Tournee von Migros-Kulturprozent-Classics in die Schweiz kommt. Eines der prestigeträchtigsten auch: Chefdirigent ist mit Long Yu der wohl mächtigste Mann im chinesischen Musikbetrieb, der auch das Shanghai Symphony Orchestra, das China Philharmonic Orchestra und das künstlerische Komitee des Beijing Music Festival ­leitet.

Tan Dun arbeitet seit Jahren als Gastdirigent mit diesem Orchester zusammen, in dem neben chinesischen Musikerinnen und Musikern auch solche aus Korea und Japan, aus Russland und den USA sitzen. Und er entwirft dafür Programme, in denen er die Kulturen zusammenbringt. In der Schweiz dirigiert er nun zum Beispiel ein Stück des chinesischen Volksmusikers und Suona-Spielers Ren Tongxiang, das Vogelrufe imitiert – und zeigt, dass auch chinesische Instrumente laut sein können: Der Klang der oboenartigen Suona ist jedenfalls so durchdringend, dass sich die Blechbläser im ­Orchester keineswegs zurückhalten müssen.

Chinesen lieben Strawinsky

Kombiniert wird diese Musik mit Werken von Strawinsky: «Das chinesische Publikum liebt ihn mehr als jeden anderen», sagt Tan Dun, «vielleicht weil er letztlich von der Volksmusik herkommt.» Auch er selbst liebt Strawinsky, oder Messiaen, oder Bartók; für die westliche Avantgarde der Schönberg-Nachfolge hat er dagegen wenig Sympathien. Eine «diktatorische Rolle» habe diese Avantgarde lange ­gespielt, sagt er, «überall wurde dieselbe Art von Musiktheorie gelehrt, die auf den Überzeu­gungen von Schönberg und ­Boulez basierte».

Seine eigene Musik tut das nicht. «Organisch» nennt er sie, weil er sich oft von der Natur anregen lässt. Und, natürlich, von der Idee der kulturellen Brücken, die er in seinen Werken aus ganz unterschiedlichen Materialien baut – auch in «Farewell My Concubine», das er nun auf sein Schweizer Programm gesetzt hat. Es ist ein Doppelkonzert, in dem sich das Klavier, «das westlichste aller Instrumente», mit einer Sängerin der Pekingoper trifft.

Klavier trifft Peking-Opern-Sängerin: Tan Dun dirigiert sein «Farewell My Concubine».

Der Titel bezieht sich auf den chinesischen Kultfilm von 1993, und wie dieser geht auch Tan Duns sinfonische Dichtung tragisch aus. Inhaltlich zumindest – musikalisch gibt es durchaus Happy Ends: wenn sich die Klänge mischen, oder wenn sie sich abstossen wie Wasser und Öl; wenn ganz unterschiedliche Auffassungen von Virtuosität auf­einanderprallen; oder wenn sich die gegenseitige Fremdheit auflöst in etwas Neuem.

Am Ende bleiben ein chinesischer Gong und ein Fortissimo-Akzent des Sinfonieorchesters. Und der Nachhall einer Musik, die so entschieden wie fantasievoll eigene Wege geht.

Konzerte: Zürich, Tonhalle Maag, Samstag, 26. Januar, 19.30 Uhr; Luzern, KKL, Sonntag, 27. Januar, 18.30 Uhr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.01.2019, 20:19 Uhr

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