Der permanente Ausnahmezustand

Chaos beim Einlass, eine Superstar-Show in der Halle: So war Ariana Grandes Zürcher Konzert.

Die Planeten drehen sich um sie: Ariana Grande auf der «Sweetener»-Tour in London. Foto: Getty Images

Die Planeten drehen sich um sie: Ariana Grande auf der «Sweetener»-Tour in London. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dies könnte ein normaler Konzertbericht sein. Einer, der davon erzählt, wie eine Sängerin rasend schnell ihre Vergangenheit abgeschüttelt hat, und damit auch ihre tragische Aura, die Ariana Grande seit dem Terroranschlag von Manchester umgibt und verfolgt.

Doch jener 22. Mai 2017, als nach Ariana Grandes Konzert ein Terrorist 22 Fans in den Tod gerissen hat, ist immer noch nah. So nah, dass für ihre Shows erhöhte Sicherheitsmassnahmen getroffen werden, was am Sonntagabend vor dem Hallenstadion stundenlange Wartezeiten und chaotische Zustände verursachte.

Für jene, die den Konzertbeginn verpasst haben: Ariana Grandes «Sweetener»-Tour.

Vor der Halle wähnte man sich dann an einem schlecht organisierten Flughafen, an dem das Personal eben zum ersten Mal mit Sicherheitsschleusen hantieren muss. Der launige Speaker sprach von einem «High-Security-Konzert», an dem nur transparante Plastiktäschchen zugelassen sind. Und als der angekündigte Konzertbeginn beinahe schon erreicht war, sah man, wie Familien, die Hunderte von Franken für die Tickets ausgegeben haben – in Erwartung eines ausgelassenen, sorgenfreien Konzertabends – im zunehmenden Gedränge Ängste ausstehen mussten. Wenn das die Konzertzukunft sein soll, dann gehört die Zeit von Grossveranstaltungen der Vergangenheit an. Zumal Live Nation, der Veranstalter des Zürcher Konzerts, der weltgrösste Konzertmulti ist.

Als dann das Konzert begonnen hat, mit 25 Minuten Verspätung, war die ausverkaufte Halle immer noch nicht gefüllt. Jene, die aber drin waren, kreischten, als die 26-Jährige aus dem Bühnenuntergrund erschien, umringt von ihrer Tänzerschaft, beschienen von einer explodierenden Sonne. Wie sie sich im Kollektiv zu den Klängen von «God Is a Woman» an einem Tisch einfanden, musste man an das letzte Abendmahl von Jesus und seiner Jüngerschaft denken.

«I want it, i got it»: «7 Rings» von Ariana Grande.

Was auch passt. Denn Ariana Grande ist eine Popgöttin der Gegenwart, deren Erfolg so viele Streaming- und Klickrekorde knackt. Und deren Markenzeichen der ach so weltliche Rossschwanz ist. Aber wenn es denn einen Gott gibt in dieser Show der «Sweetener»-Welttournee, dann ist dies der schnöde Kapitalismus. Denn Ariana Grande ist eine Vertreterin des hemmungslosen Hedonismus. Asketentum? Gibts bei ihr nicht. Lieber singt sie über Schminkmarken, über ihre Boyfriends und Lovers, die nun bitteschön doch mal ihren Freundinnen den Laufpass geben sollen – weil ihr langweilig ist. Die unverblümte Catchphrase «I want it, i got it» ihres Superhits «7 Rings» passt da bestens.

Dieses Konsumistische ist die eine Seite des ehemaligen Teeniestars aus Florida. Aber eben, seit dem Terroranschlag und dem Drogentod ihres Ex-Freundes Mac Miller sucht sie in ihren Songs auch einen heilenden Ton, der den Zynismus der Gegenwart mindert. Man hört dies in kraftvoll wiedergebenen und gospelhaften Titeln wie «Sweetener», in dem auch die herausragenden Stimmqualitäten Grandes unüberhörbar sind. Oder im fantastischen «Fake Smile», in dem sie gegen die Maskenhaftigkeit der geschminkten Instagram-Gefühlswelt ansingt.

Wenn Ariana Grande aber die Nähe ihrer Superfans sucht und sich wie eine normale Sängerin aufführt, dann bleibt sie doch nur Produkt und wirkt weiter weg als in ihren so echt wirkenden Tweets, wo sie immer den richtigen Ton trifft. Vielleicht liegt die Distanz auch an den Playbacksongs, die immer dann eingespielt werden, wenn Umkleidepausen anstehen und den Fluss der Show arg unterbrechen.

Wisch und weiter: «Thank U, Next».

Eskapismus, dieses süsse Versprechen der Ware Pop, die an diesem Abend nur sehr schlecht getarnt war, bleibt da aus. Es sei denn, man kann wie ihre Fans über alle organisatorische Unbill hinwegsehen.

Oder man hat jene Fähigkeiten, die Ariana Grande in «Thank U, Next» zelebriert, dieser Hymne der Tinder-Ära, die die 90-minütige Show beschliesst. Einfach wegwischen – und weiter gehts. Damit der Ausnahmezustand anhält.

Erstellt: 14.10.2019, 06:39 Uhr

Artikel zum Thema

Die Nächste auf dem Popthron

SonntagsZeitung Vom Teenage-Phänomen zum Superstar: Die rasende Karriere der Ariana Grande. Mehr...

«Kleiner Holzkohlegrill» – Missgeschick beim Tätowieren

Eigentlich wollte sich Ariana Grande in japanischen Zeichen den Namen ihrer Single «7 Rings» unter die Haut stechen lassen. Was herauskam, belustigt das Netz. Mehr...

Verfolgt von Erfolg und Tod

Porträt Die Popsängerin Ariana Grande bricht Rekorde und macht alles richtig, gerade wenn sie es mit dem Tod zu tun kriegt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...