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Der Pragmatiker

Wolfgang Dauner begann als Schlosser, dann prägte er als Pianist den Jazz. Jetzt ist der Deutsche 84-jährig gestorben.

Avantgarde, nur romantischer und zarter: Wolfgang Dauner.
Avantgarde, nur romantischer und zarter: Wolfgang Dauner.
Keystone

Der Pianist Wolfgang Dauner war ein Mann, dessen Bild ikonische Qualitäten besitzt: ein kahler Schädel, das Haar, das an den Seiten und am Hinterkopf spross, zuletzt zum Pferdeschwanz gebunden, der Schnauzbart, der einem Walross gut gestanden hätte. Es ist ein Bild, das zur Kulturgeschichte der Bundesrepublik gehört wie die Bilder, die es von Joseph Beuys mit seinem Hut gibt.

Wolfgang Dauner wurde nie so berühmt wie seine Gefährten aus der bildenden Kunst oder aus der Literatur. Er war, mehr oder minder, ein Jazzmusiker. Und doch kondensierte sich die Kulturgeschichte Deutschlands in ihm wie in seinen Kollegen aus den anderen Genres. Das ikonische Bild ist in dieser Bedeutung eingeschlossen.

Zu dieser Kulturgeschichte gehören die Anfänge: Wolfgang Dauner hatte als Schlosser begonnen, aber von vornherein hatte es einen Wille zur Kunst gegeben, der stärker gewesen war als jedes Kalkül mit der bürgerlichen Existenz. Kaum war er Geselle, spielte er Trompete in Ensembles, die als Begleitung von Zarah Leander, Marika Rökk und Lale Andersen durch die «bunten Abende» der Republik zogen. Später erzählte er, bei diesen Engagements habe er gelernt, mit Noten umzugehen.

Von Kinderliedern bis hin zu avantgardistischen Werken

Nach ein paar Jahren machte er dann Jazz im klassischen Klaviertrio, mit Eberhard Weber am Kontrabass, in einer Gestalt, die mit einer amerikanische Avantgarde gleichzog, wenngleich ein wenig romantischer oder zarter. «Dream Talk» hiess, passenderweise, ein Album, das im Jahr 1964 erschien. Es wurde für Wolfgang Dauner zum Eintrittsbillett in eine Welt, die sich in jener Zeit als europäischer Jazz überhaupt erst zu formieren begann. Aber sie war für ihn nur eine Passage, hin zu einer Vielfalt von Möglichkeiten des Ausdrucks, die ihn auf der eine Seite in die sogenannte ernste Musik (die Trennung hielt er für ein «Unding») und nach Donaueschingen führte, auf der andere Seite in Experimente mit elektronischen Instrumenten.

Man hätte Wolfgang Dauner für einen Pragmatiker halten können. Zugleich betrieb er die Radio Jazz Group Stuttgart, eine Spielwiese, auf der, unterstützt vom Süddeutschen Rundfunk und einer Vielzahl von Musikern, seinem Gestaltungswillen kaum Grenzen gesetzt wurden. Er verfasste Musik für das Kinderfernsehen, schrieb avantgardistische Werke in grossem Format, einen Soundtrack für Murnaus «Faust» (1975) oder die Oper «Urschrei» (1976) zum Beispiel, und er wurde zum Mitbegründer der erfolgreichsten grossen Jazzgruppe, die es in Deutschland je gab, des United Jazz + Rock Ensemble.

Dieser Pragmatismus war nur die Vorderseite eines sich über viele Bereiche erstreckenden Glaubens an die künstlerische Gestaltung als die eigentliche Mitte des Lebens. Am vergangenen Freitag starb Wolfgang Dauner im Alter von 84 Jahren.

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