Zum Hauptinhalt springen

Der Röck ’n’ Röll ist tot

Dass Lemmy Kilmister von Motörhead einmal die Welt verlassen würde, galt als ausgeschlossen. Nun ist es geschehen.

«Geboren, um zu verlieren, gelebt, um zu gewinnen»: Zwei Tage nach seinem 70. Geburtstag ist Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister gestorben. (20. November 2015)
«Geboren, um zu verlieren, gelebt, um zu gewinnen»: Zwei Tage nach seinem 70. Geburtstag ist Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister gestorben. (20. November 2015)
Andreas Gebert, Keystone
Kilmister, den viele einfach nur «Lemmy» nannten, war nicht nur für seine Musik bekannt. Signifikant war auch sein Äusseres mit Schnurr- und Backenbart sowie zwei Geschwülsten auf der linken Gesichtshälfte. (AP Photo/Chris Pizzello, file)
Kilmister, den viele einfach nur «Lemmy» nannten, war nicht nur für seine Musik bekannt. Signifikant war auch sein Äusseres mit Schnurr- und Backenbart sowie zwei Geschwülsten auf der linken Gesichtshälfte. (AP Photo/Chris Pizzello, file)
AP Photo / Chris Pizzello
Seine Band-Mitglieder fordern die Fans dazu auf, unkonventionell von Lemmy Abschied zu nehmen: «Spielt Motörhead laut, spielt Hawkwind laut, spielt Lemmys Musik LAUT. Habt einen Drink oder mehrere. Teilt Geschichten. Feiert das LEBEN, das dieser liebenswerte, wundervolle Mann selbst so lebhaft gefeiert hat.»
Seine Band-Mitglieder fordern die Fans dazu auf, unkonventionell von Lemmy Abschied zu nehmen: «Spielt Motörhead laut, spielt Hawkwind laut, spielt Lemmys Musik LAUT. Habt einen Drink oder mehrere. Teilt Geschichten. Feiert das LEBEN, das dieser liebenswerte, wundervolle Mann selbst so lebhaft gefeiert hat.»
Peter Klaunzer, Keystone
1 / 6

Lemmy Kilmister war unbestreitbar das, was man im 20. Jahrhundert einen Rockstar nannte. Lemmy war aber auch – und vor allem – ein Mensch. Wer je das Glück hatte, ihm zu begegnen, traf auf einen aufmerksamen, immer schon älter wirkenden Herrn, der sich als Erstes nach dem Wohlergehen erkundigte und dem Gegenüber reichlich Fruchtsaft auf den Whiskey goss. Man konnte mit ihm anregend über die Schlacht bei Seelow plaudern, und er erörterte geduldig seine Weltanschauung als Agnostiker mit Hang zum Atheismus.

Seine Existenz als unverbesserlicher Philanthrop wurde zeit seines Lebens wie der grösste Witz einer Kultur geschildert, in der Werte gelten wie «Everything louder than everything else». In der Lieder «Bomber» heissen und auch die schönsten Frauen Monster über ihren Brüsten tragen. Es sind nicht nur ahnungslose Menschen, die das Bild vom netten Lemmy immer lustig fanden, Leute, die im Hard Rock und im Heavy Metal böse Mächte walten sehen – und hören. Manchmal sind es sogar Motörheadianer selbst gewesen. Das hatte Lemmy nicht verdient.

Während einer PK mit zwei Seite-drei-Frauen in England. (20. März 1991; Bild: Mark Baker/Sony Music Archive/Getty Images)
Während einer PK mit zwei Seite-drei-Frauen in England. (20. März 1991; Bild: Mark Baker/Sony Music Archive/Getty Images)

Andererseits hatte er es auch nicht verdient, dass man ihn eines Tages Lügen strafen würde. Als er noch als brüllender Antichrist galt, hat er mal gesagt: «Ich könnte Marcel Proust vertonen, und das Feuilleton würde mich trotzdem hassen.» Doch es hilft ja alles nichts: Wenn man jemanden lieben muss, dann Lemmy, der nur vier Tage nach seinem 70. Geburtstag, zwei Tage nachdem man seinen Krebs erkannt hatte, gestorben ist. Dann doch plötzlich und unerwartet.

Erzählen wir zu seinem Abschied noch einmal seine Geschichte, wie er sie in «White Lines», seinen fabelhaften Memoiren, selbst erzählt hat. Geboren am Heiligabend 1945 in Wales als Ian Kilmister – später sollte ihn niemand mehr, der ihn liebte, so nennen –, als Sohn eines Feldkaplans, der die Familie früh verliess, und einer umso fürsorglicheren Mutter, wuchs Lemmy allein unter Frauen auf. Dem Werk von Motörhead konnte man immer entnehmen, dass er noch als Mann enttäuscht war, wenn sich Frauen als gewöhnliche Geschöpfe offenbarten und nicht als die Engel, für die er sie hielt; mit zwei dieser Engel hatte er je ein Kind.

Keine Droge gemieden

Zu Frauen war er stets besonders höflich, niemand war so ritterlich im Rockgeschäft wie Lemmy. «Ein so ehrbarer und grosszügiger Mensch», seufzt Corey Parks, Bassistin bei Nashville Pussy, im Film «Lemmy», der zur Trauerarbeit ebenfalls bestens geeignet ist, weil er das Augenmerk weniger auf den Rüpel und seine Sünden richtet als auf einen guten, alten Freund, der er sein Leben lang für alle sein wollte. Und Dave Grohl, Sänger der Foo Fighters, sagt es so: «Lemmy lässt einen spüren, was Menschlichkeit bedeutet.»

Wuchtiges Metallica-Cover: Motörhead spielen «Enter Sandman».

Man sieht in diesem Film, wie Kinder an der Sekundarschule in Anglesay im Chor ein Lied von Lemmy singen: «Ace of Spades», die Urhymne des Speed Metal. Es war die letzte Lehranstalt, die er je besucht hatte. Nachdem er seinen rohrstockschwingenden Schulleiter entwaffnet hatte, trat der junge Lemmy eine Lehre bei einem pädophilen Malermeister an, die er ebenfalls beizeiten abbrach. Lemmy ging nach Liverpool, wo er die Beatles noch im Cavern sah und sich von ihnen zum Musikmachen verführen liess. Dann zog er nach London, wo er Jimi Hendrix die Gitarre trug, dem Rockstar Pillen besorgte und die allerschönsten Frauen zuführte. Lemmy spielte selbst Gitarre und sang mit erstaunlich heller Knabenstimme bei den Rockin’ Vickers, einer Beatband, die mit Pilzfrisuren und in Bauerntrachten auftrat. Es gab damals keine Drogen, die er mied.

Eine Rache namens Motörhead

Er stieg bei Hawkwind ein, stellte sich klaglos an den Bass für ihren Spacerock und war ihnen bis an sein Lebensende gram, dass sie ihn 1975 wegen seines Suchtverhaltens ohne jede nähere Begründung aus der Band geworfen hatten: «Sie nahmen organische Drogen, ich nahm Speed, das passte ihnen nicht.» Aus Rache rief Lemmy Kilmister Motörhead ins Leben. Seine neue Band verherrlichte nicht nur den Speed-Konsum und kriegerische Auseinandersetzungen.

Vor allem fand sie einen geraden Weg hindurch zwischen dem sich schon anbahnenden Punkrock und dem bereits aufdämmernden Heavy Metal. Lemmy stieg auf Whiskey-Cola um, schraubte sein Mikrofon auf Huthöhe, um kehliger zu singen – und seinen Rickenbacker-Bass spielte er wie eine Gitarre, um gewaltiger und ungehobelter zu klingen.

 Video-Poker spielend in seiner Stammkneipe in Hollywood. (2. September 2003, Bild: Alexander Sibaja/Getty Images)
Video-Poker spielend in seiner Stammkneipe in Hollywood. (2. September 2003, Bild: Alexander Sibaja/Getty Images)

Motörhead machten auf wunderbare Weise 40 Jahre lang ihre ganz eigene Musik. Einen auf höchsten Touren laufenden Radau, einen Geschützdonner, in dem sich Lemmy gegen alle Widrigkeiten aufrechthielt und seine Lebensweisheiten in die Welt hinausgurgelte, bis jeder ihn und sein Lebenswerk verstand.

Die Dialektik seiner Umlaute und Uniformen, seiner Militariasammlerei und solcher Lieder wie des stahlgewitterigen «1916»: «Ich habe all diese Antikriegslieder geschrieben und werde trotzdem immer beschuldigt, geil auf Krieg zu sein. Deshalb hatte ich mir überlegt, einmal ein Prokriegslied zu schreiben, um zu sehen, ob die Leute behaupten werden, es sei ein Antikriegslied.» So viel zu den Missverständnissen des Heavy Metal und der mit ihm verwandten Sparten.

Zuletzt kamen die Hipster

Nie mehr wird, wie alle Jahre wieder im Advent, durch die Konzerthallen der Schlachtruf röhren: «We are Motörhead and we play Rock ’n’ Roll.» Das war es ja auch, worum es Lemmy immer ging, im Groben. Nie wieder wird er danach heim nach Los Angeles oder noch lieber nach Las Vegas fliegen, um seinen Geburtstag und das Weihnachtsfest zu feiern, ganz allein an seinen Glücksspielautomaten, wo ihn niemand für den Heiland hält.

Auskopplung des 2015 erschienenen Albums «Bad Magic»: «When The Sky Comes Looking For You»

Lemmy hat es noch erleben müssen, dass das Feuilleton seine natürliche Umgebung wurde. Zuerst hängte der Künstler Jürgen Teller Fotos seines Sohnes im pechschwarzen Strampler mit der Aufschrift «Motörhead» in irgendwelche Galerien. Dann hängten sich irgendwelche Hipster abgetragene Monster-T-Shirts über ihre schmalen Schultern. Schliesslich hingen irgendwelche in sauberer Fraktur bedruckten Motörhead-T-Shirts bei H&M im Ausverkauf. Lemmy wurde zum edlen Wilden und zum letzten Helden aller, die sich weder seinen Lebenswandel leisten können noch seine Menschenliebe. Er wurde zum Würdenträger einer Welt, die noch viel unmenschlicher ist, als er sie je hätte besingen und vertonen können. Lemmy wurde 70 Jahre alt. Es ist zum Weinen.

Mehr Bilder

Eine Würdigung der Rock ’n’ Roll-Ikone im Fotoblog Zoom.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch