Der scheue Pathetiker

Nach über 30 Jahren geht er wieder auf Welttournee und liefert Wohlklang ab, aber keine Spannung: Jeff Lynne und sein Electric Light Orchestra füllten gestern das Hallenstadion ab.


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Er kommt aus der schweren Industriestadt Birmingham wie die Moody Blues, Duran Duran und andere Eskapisten, und vielleicht lässt sich seine Sehnsucht nach Harmonie mit der Herkunft erklären. Andererseits kommen auch Black Sabbath und die Hälfte von Led Zeppelin aus derselben Stadt, was gegen die Deutung spricht. Wo er selber die Inspiration zu seiner Musik herholte, hat Jeff Lynnes damaliger Mitmusiker Roy Wood in einem ebenso ehrlichen wie fatalen Satz gesagt, der seinem Partner folgt wie ein Parfüm: Sie wollten mit den Electric Light Orchestra «dort weitermachen, wo die Beatles aufgehört haben». Da haben sich zwei zum Epigonen gemacht und als Vorbild die fantastischen vier gewählt. Keine gute Idee.

Andererseits: John Lennon selber, nicht für schnelle Komplimente bekannt, nannte Lynnes Band «die Söhne der Beatles». Und als sich, nach Lennons jähem Tod, die drei Restbeatles für zwei Neuaufnahmen wiederfanden, riefen sie Lynne als Produzenten herbei. Zuvor hatte er sich mit Bob Dylan, George Harrison, Roy Orbinson und Tom Petty in Dylans Garage zum gemeinsamen Musizieren eingefunden, das war ja auch nicht schlecht. Und sowieso hat Lynne über 50 Millionen Alben verkauft, und seine laufende Welttournee, die erste seit über dreissig Jahren, war blitzartig ausverkauft.

Erfüllung von Kundenwünschen

Das anderthalbstündige Konzert am Dienstagabend im Hallenstadion machte klar, warum: Es war konsequent auf die Erfüllung von Kundenwünschen ausgerichtet. Lynne und seine zwölf Begleiter, darunter zwei Keyboarder, zwei Begleitsänger, zwei Cellistinnen und eine Geigerin, spielten seine Hits mit fugenloser Kompetenz. Und zwar genau so, wie das Publikum sie von der Platte kennt. Also ein Abend der Nostalgie nach der Nostalgie. Was Lynne mit dem Weitermachen vorgehabt hatte, drang gestern in jeden Winkel der grossen Halle: die Melodiösität der Pioniere mit dem Pathos des Bewunderers. Dass die Siebzigerjahre in vielem die illusionslose Wiederaufführung der Sechziger waren, wie gelegentlich gesagt wird: Selten hat die Bestätigung so füllig geklungen wie an diesem Konzert. Ergriffen betete das Publikum Lynnes Lieder nach, die so oft von Unglück und Einsamkeit handeln und immer nach wolkenloser Erfüllung klingen.

Die Band brauchte eine Handvoll Stücke, bis der Klang die Höhe von Lynnes Ansprüchen erreicht hatte, aber mit «Showdown», Lennons Lieblingsstück von ELO, war die Balance erreicht. Und es gab ja Gefälliges zu hören, wozu schon Jeff Lynnes helle, biegsame Stimme gehört. Wie sehr sein Auftritt der Vergangenheit verpflichtet blieb, machte «10538 Overture» vor, die erste Single von Lynnes Band. Der Song zitiert überdeutlich Lennons «Dear Prudence» mit den Streichern von «I Am the Walrus», entlud sich aber in einer kraftvoll gespielten, beseelten Version und bescherte dem Publikum den Höhepunkt des Abends. Lynnes Arpeggien auf der Gitarre belegen auch, dass er nicht nur berühmte Vorbilder hatte, sondern begabte Nachkommen: Abba haben seine Idee für ihr Intro von «Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)» schamlos zweitverwendet.

Der Anorak-Moment

Nach etwas über einer Stunde schoben ELO «Don’t Bring Me Down» nach, ein triumphales Rockstück aus der Discozeit. Versöhnlich stimmte auch der letzte Song vor der Zugabe, Lynne hatte ihn in einem Schweizer Chalet geschrieben, am Tag, als nach zwei Wochen endlich die Sonne auf die Berge schien: «Mr. Blue Sky». Und wenn wir schon beim Aufzählen sind: Auch «When I Was a Boy» klang angenehm, die erste Single aus dem letzten Album. Und wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, ziehe ich für kurze Zeit den Anorak an. Denn Lynnes Songtitel zitiert eine Zeile von «She Said, She Said», dem gequälten Stück von John Lennon auf «Revolver», das eine Todeserfahrung vorträgt. Lennon musikalisiert das bedrohliche Thema in einer für ihn so typischen harmonischen und rhythmischen Unruhe, die sich nur einmal ins Glückliche aufschwingt, nämlich gerade dann, als Lennon diese Zeile singt. Geistreich räumt Lynne mit dem Titel ein, was sein Vorbild riskierte, und er vermeidet: den Mut zur Dissonanz.

Wohlige Langeweile

Sein Hang zum Wohligen erklärt, warum er mit seinen Begleitern über längere Strecken Langeweile produzierte und das Konzert erst mit «Roll Over Beethoven» volle Fahrt aufnahm, dem Kracher von Chuck Berry. Jeff Lynne ist ein Perfektionist, das macht ihn zu einem guten Produzenten. Doch bei der Perfektion droht immer die Berechenbarkeit. Der begabte Epigone hat von den Beatles die Harmonien übernommen, nicht aber ihre Schärfe und ihren Humor, ihr Talent zur Reduktion. Pathos kann Grösse zeigen durch Überschwang; meistens aber scheitert es an seinem schlechten Geschmack. Ironischerweise gehen Lynne die grossen Gesten ab, keinen Moment lang spielt er sich auf der Bühne in den Vordergrund. Der Musiker gilt als schüchtern, Tourneen mochte er nie wirklich und zog es vor, allein im Studio die Instrumente übereinanderzuschichten. Auf seinem letzten Album spielt er fast alle Gesangsspuren selber ein, dazu Gitarre, Bass, Keyboards, Schlagzeug und Vibrafon. Jeff Lynne wollte weitermachen, und das hat er. Nur hat er es selten geschafft, im richtigen Moment aufzuhören.

Erstellt: 04.05.2016, 10:01 Uhr

Video: «Roll Over Beethoven»

Jeff Lynne mit dem Electric Light Orchestra.

Video: «Don't Bring Me Down»

Jeff Lynne und das Electric Light Orchestra 1986 in Birmingham.

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