Der Sigmund Freud der Geheimdienste

Kein Song gleich, keiner wie früher: John Cale gab in der Fondation Beyeler in Riehen ein unerhörtes Konzert. Und zuvor ein Interview, das klang wie eine Anleitung zum Hinhören.

John Cale während seines Auftritts in der Fondation Beyeler in Riehen. Foto: Mathias Mangold

John Cale während seines Auftritts in der Fondation Beyeler in Riehen. Foto: Mathias Mangold

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Von der ersten Zeile an, die er vorträgt, fühlt man sich hypnotisiert von seiner Stimme, diesem bodenlosen Bariton. Das Publikum hört wortlos zu. Anderthalb Stunden später springen die Leute von ihren Stühlen auf und klatschen so lange, bis er mit seinen zwei Begleitern noch einmal kommt, sich kurz verneigt und dann geht. John Cale was here.

Das Schöne am Rock ’n’ Roll, hat Cale einmal gesagt, der klassisch geschulte Avantgardist: Man könne alles damit machen. Was er damit meint, lässt sich entlang seiner fünfzigjährigen, von schroffen Stilwechseln gezeichneten Karriere demonstrieren. Zuerst mit den Velvet Underground, dann als Solist und in gemeinsamen Projekten mit allen möglichen Leuten. Oder als Produzent der Stooges, von Patti Smith, den Happy Mondays und anderen. Cales Vielfalt der Stile und Arrangements, sein Können als Songschreiber, Texter und Sänger belegen seine über dreissig Platten, demonstriert er an seinen Konzerten, und er macht es an diesem Auftritt in der Fondation Beyeler in Riehen mühelos vor.

Dieser Blick!

«It’s all about noise and atmosphere», sagt er vor dem Konzert, es geht um Lärm und Atmosphäre. Er hat recht: Kein Song klingt wie der andere, kein Song klingt wie früher. Cale und seine unaufdringlich virtuosen Begleiter tragen das Material in unerhörten Arrangements vor, kombinieren Keyboard, Gitarre und Schlagzeug mit elektronischen Verfremdungen, verzerren seine Stimme, lassen sie als drohendes Echo wiederkehren. Maschinisierung des Triebhaften, verhallte Einsamkeit.

Die Musik vertont die Texte eines Musikers, der schon in den Sechzigern Opiate nahm, in den Siebzigern kokainsüchtig wurde und alkoholkrank, der auf offener Bühne kollabierte und im Studio weinend unter seinen Flügel kroch. John Cale hat überlebt, aber seine Geister heulen weiter aus ihm. Stücke wie «If You Were Still Around» aus «Music for a New Society», seinem Schlüsselwerk von 1982, das er dieses Jahr neu aufgenommen hat, klingen in der neuen Elektroschock-Version noch verstörender, noch verzweifelter als damals. Er fühle sich wie Sigmund Freud als Geheimagent, singt er einmal, oder: «Der Grabstein kommt jeden Tag näher.» Beim radikal umarrangierten «Waiting for the Man», dem Velvet-Stück über einen Dealer in der Lexington Avenue in New York, lässt Cale die Sucht noch süchtiger und den Rausch noch narkotisch süsser als in der Originalversion. Und das will wirklich etwas heissen.

Vor dem Konzert, beim Interview, als man ihm gegenübersitzt und sein Gesicht von nahem sieht, den unverwandten Blick von ihm, fragt man sich unwillkürlich, woran dieser Blick aus dunklen Augen erinnert, und dann fällt es einem ein: John Cale schaut so, wie er singt.

John Cale: «If You Were Still Around», neue Version von 2016. Video: doublesixrecords/Youtube

Sie spielen ihr Material anders, als sie es aufgenommen haben. Wie verändert die Aufführung die Songs?
Man muss Raum schaffen für die Musik. Wenn ich alleine auftrete, tendiere ich dazu, die Figuren meiner Lieder zu verkörpern. Wenn mehr Lärm um mich herum ist, wirkt sich das natürlich auf die Aufführung aus. Einen Song wie “If You Were Still Around” spielen wir jeden Abend anders. Es geht um Lärm und Atmosphäre.

Sie haben in den Sechzigern mit dem low-fi-Lärm der Velvet Underground angefangen, heute komponieren Sie am Computer. Wie wirkt sich die Technik auf das Songwriting aus?
Das Gute am Computer ist sein Gedächtnis. Ich improvisiere häufig, und viele meiner Songs entstehen aus dieser Improvisation heraus. Am Computer kann ich dann einzelne Stellen aufsuchen und sie zusammensetzen. Die neue Technologie hat sich als grosse Hilfe erwiesen.

Einzelne Musiker wie Ihr Kollege Neil Young finden, der digitale Klang wirke kalt.
Nein, das finde ich nicht, ich mache Musik ja mit Leidenschaft. Mal klingt sie grob und dann romantisch oder opernhaft.

Wie anders heute Musik gemacht wird, zeigt ihre Neuaufnahme von «Music for a New Society», ihrem Schlüsselwerk von1982.
Ja. Ich wollte die Ideen entwickeln, die in den damaligen Songs steckten, ich wollte sie farbiger klingen lassen, einige haben sogar mehr Gift als damals.

War es eine angenehme Erfahrung, sich mit Musik aus dieser für Sie schwierigen Zeit wieder zu beschäftigen?
Ja. Das Album ist dunkel, aber es hat Kraft. Ich hatte es lange Zeit nicht mehr gehört. Und habe es nur deshalb neu aufgenommen, weil so viel Ungenutztes darin steckte, nicht erschlossenes Gelände sozusagen. Mich hat es auch an den Konzerten nie interessiert, das alte Material bloss nachzuspielen, ich reisse es lieber auseinander und dränge die Stücke in eine andere Richtung.

John Cale: «Waiting for the Man», ein Stück der Velvet Underground, neu arrangierte Version von 2016 (live). Video: Minimo de memoria/Youtube

Auf «Music for a New Society» haben Sie alle Instrumente selber gespielt, dabei sind im Grunde ein serieller Mitmacher. Es ist erstaunlich, mit wie vielen Musikern Sie in Ihrer Karriere schon kollaboriert haben. Hat das auch damit zu tun, dass Sie in den Sechzigern sozialisiert wurden, dem Jahrzehnt der Kollektive?
Ja, das stimmt. Ich lerne immer etwas, wenn ich mit anderen zusammenspiele. Vor allem, wenn die etwas ganz Anderes machen.

Auch Sie machen immer wieder Anderes. An der letzten Biennale von Venedig haben Sie Ihre walisische Heimat vertreten.
Ich wollte die Gefühle vertonen, die ich für Wales empfinde, wo ich heranwuchs. Ein Teil der Ausstellung handelt von der Sprache, ein anderer vom Verhältnis von Wales zu England.

Wie erklären Sie sich den Umstand, dass Wales für den Brexit stimmte, obwohl es doch sehr von Geldern aus der EU profitierte?
Sie machen mich wütend mit diesem Thema. Was für ein schlechtes Managment war bei dieser Abstimmung am Platz, wie feige sind nach der Wahl all jene abgesprungen, die den Brexit zuvor eingefordert hatten. Ich hörte heute Morgen einen walisischen Parlamentarier reden und dachte, ich befände mich in einem parallelen Universum. Er tat so, als liesse sich das Ergebnis wieder umkehren, als könnten wir wieder zum vorigen Zustand zurückkriechen. Ich verstehe, dass die EU-Länder wütend sind.

John Cale: «Venus in Furs», ein Stück der Velvet Underground, neu arrangierte Version von 2016 (live). Video: lamiresonique/Youtube

Sie haben im walisischen Cardiff ein bewegendes Konzert gegeben.
Ich sang mit einem Chor, und die ganze Energie, die in den Liedern war, multiplizierte sich zehnfach. Ich würde jederzeit mit diesen Leuten auf Tournee gehen.

Wenn man sich umhört über Ihre Arbeit als Produzent, erfährt man einerseits, dass Wut und Unfrieden eine grosse Rolle spielte, von anderer Seite hört man, wie lustig es im Studio zuging, zum Beispiel bei den Happy Mondays. Wie geht das zusammen?
Als Produzent willst du das beste aus dem Künstler herausbringen. Um das zu erreichen, musst du manchmal unangenehm werden. Das Problem mit ihnen war, dass ich damals auf einem Gesundheitstrip war und sie nicht. Wir haben wenig miteinander kommuniziert, aber es hat trotzdem funktioniert. Und ja, sie sind sehr komisch.

Sie haben sehr lange in New York gelebt. John Lennon hat einmal gesagt, was er an dieser Stadt liebe, sei ihre Aggressivität. Können Sie etwas mit seiner Beobachtung anfangen?
Absolut. Es ist eine gute Stadt, um seine Arbeit voranzutreiben. Darum ging ich hin damals, das war 1963, New York durchlebte eine kulturelle Revolution, Jonas Mekkas, die Cinémathèque, Filme, Musik, Kunst, alles öffnete sich, und alle stürmten los, suchten sich neue Ziele. Darum entstand auch die Factory von Andy Warhol.

Aber New York hat sich stark verändert. Ihr Kollege David Byrne hat gesagt, es sei zu für junge Künstler zu teuer geworden
Alle meine Freunde in New York sagen dasselbe. Ich selber wohne in Los Angeles, wenn auch nicht aus finanziellen Gründen. Armut kann Kunst erleichtern. Oder nicht stoppen.

Ihr Kommentar zum amerikanischen Wahlkampf?
Er ist in zwei Wochen vorbei. Ich hoffe, dass die Kompetente den Job bekommt und nicht der Idiot. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2016, 23:29 Uhr

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