Der Teufel im Hippie-Pelz

Wie der verstorbene Serienmörder Charles Manson mit Musik, Drogen und Groupies zur Pop-Ikone wurde.

Je mehr Mansons Morde verblassten, desto heller strahlte sein Mythos in Kunst und Kultur.

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Die fünf Morde, die eine Gruppe junger Drop-outs im Blut- und Drogenrausch in der Nacht zum 9. August 1969 in Roman Polanskis Villa in den Bergen über Los Angeles beging, waren nicht die ersten und nicht die letzten, die der Sektenguru seiner «Family» befohlen hatte. Aber sie brannten sich ins Gedächtnis der Epoche ein wie der Kennedy-Mord 1963 oder der 11. September 2001. Das Massaker im Cielo Drive 10050 markierte das Ende einer Ära: Das Love-and-Peace-Gesumse der Blumenkinder hatte seine Unschuld verloren, der «Summer of Love» war vorbei. Schuld daran war ein Mann, der sich gern als Gott und Teufel in Personalunion begriff: Charles Manson war nur 1,57 Meter klein und wollte ein grosser Popstar werden. Auf gewisse Art ist ihm das gelungen.

Seine Begabung als Singer-Songwriter eines psychedelischen Folkrock mit unheimlichen Texten war umstritten. Mit etwas Glück, schrieb zum Beispiel Neil Young, der ihn Gitarre spielen gehört hatte, hätte er ein zweiter Bob Dylan werden können. Vor Gericht erklärte Manson zu seiner Verteidigung, die Rockmusik fordere «die jungen Menschen auf, sich gegen die bürgerliche Gesellschaft aufzulehnen. Warum will man mir das anhängen? Ich habe die Musik nicht geschrieben.» Auch das war eine Lüge. Mansons düsterer Song «Cease to Exist» brachte es, wenn auch nur in einer stark versüsslichten Version («Never Learn Not to Love»), auf die B-Seite einer Beach-Boys-Single. 1970 veröffentlichte er im Gefängnis das erste seiner vielen Alben: «Lie».

Körbeweise Liebesbriefe und Heiratsanträge

Dass Manson-Songs immer wieder von Punk- und Death-Metal-Grössen wie Sonic Youth, den Ramones, Guns N’ Roses, Ozzy Osbourne und natürlich Marilyn Manson gespielt und gecovert werden, liegt nicht an ihrer besonderen Qualität. Aber für seine Fans wie für seine Feinde ist Manson eine «Metapher des Bösen», wie es sein Ankläger, Staatsanwalt Vincent Bugliosi, einmal formulierte. «Charlie», der «Satan», der sich ein Hakenkreuz auf die Stirn ritzte, inszenierte sich als Albtraum des Establishments, als dämonischste Ikone der Gegenkultur.

Es waren nicht nur Rocker, Satanisten und subkulturelle Freaks, die ihn verehrten: Trotz oder wegen seiner Macho-Philosophie war er auch für pubertierende Mädchen und Ausreisserinnen aus gutem Hause eine willkommene Projektionsfläche. Der harte Kern der Family, die grausamsten und loyalsten Mitglieder der Kommune waren junge Frauen zwischen 13 und 28 Jahren. Bis zuletzt bekam Manson körbeweise Liebesbriefe und Heiratsanträge. Emma Cline hat 2016 in ihrem Roman «Die Mädchen» eindrucksvoll beschrieben, wie eine sensible Vierzehnjährige auf der Suche nach Freiheit und Respekt dem sinistren Charisma des Rattenfängers erliegt.

Aber nicht nur naive Teenager gingen ihm auf den Leim, sondern auch erwachsene Autoren, Interviewer und Biografen, etwa die Journalistin Michal Welles, die fast distanzlos die «Letzten Worte» Mansons aufschrieb und sich wie ein Groupie mit ihren Kindern neben ihrem Idol fotografieren liess. So machte Manson zum Verdruss von Opferangehörigen wie Sharon Tates Schwester aus seinem Leben eine lukrative Rocky Horror Picture Show: Er hatte eine eigene Website und einen Twitter-Account und trieb vom Gefängnis aus einen schwunghaften Handel mit Autogrammen, Haarsträhnen, T-Shirts, Postern und sogar Parfüms.

Ein Musical über «Charlie», den Bürgerschreck

Je mehr seine Morde verblassten, desto heller strahlte sein Mythos in Kunst und Kultur. Stefan Pucher feierte «Charlie» 2014 in dem Musical «Summer of Hate» am Thalia-Theater als Bürgerschreck und «Entertainer». Manson geisterte durch die Ausstellung «Man Son 1969» in der Hamburger Kunsthalle und brachte Regale voller Analysen, Romane, Erinnerungen und Verschwörungstheorien hervor. In seinem 1200-Seiten-Roman «Scherbengericht» (2010) beschrieb der holländische Autor A.F.Th. van der Heijden eine – historisch nicht verbürgte – Begegnung zwischen Manson und Polanski im kalifornischen Staatsgefängnis Corcoran. Tatsächlich haben die beiden ja manches gemein: Wie der «Giftzwerg» Manson ist auch Polanski ein kleingewachsener Gernegross, Menschenfänger und Manipulationskünstler, der (wegen Verführung Minderjähriger) mit dem Gesetz in Konflikt kam. Auch in der Filmgeschichte hat Manson viele Spuren hinterlassen: Dokumentarfilme, Splattermovies, Bio-Pics, seriöse Spielfilme wie «Manson Girl» (2011) und dubiose Machwerke wie «Charles Manson Superstar». Letztes Jahr lief der Horrorthriller «Wolves at the Door»: Freunde feiern eine Party in den Bergen von Hollywood, da klopft es an die Tür…

Der Trailer zu «Wolves at the Door».

Hollywood liess ihn nicht rein

Auch Manson klopfte immer wieder an die Türen Hollywoods, aber man liess ihn nicht herein, und das machte ihn immer wütender. Er hörte das «Weisse Album» der Beatles auf Geheimbotschaften ab, er bastelte am Drehbuch für ein Jesus-Musical und schlug sein Lager vielleicht nicht ganz zufällig auf einer alten Ranch auf, die einmal als Westernkulisse gedient hatte.

Immer wieder suchte er die Nähe von Film- und Musikproduzenten. Dennis Wilson, der Drummer der Beach Boys, sollte ihn gross herausbringen. Manson küsste ihm buchstäblich die Füsse und machte sich unentbehrlich als Drogen- und Mädchenlieferant, aber als der Erfolg ausblieb, schickte er seine Furien los. Er wollte mit den Morden angeblich das Signal für «Helter Skelter», den Aufstand der unterdrückten Schwarzen, geben, aber es war auch ein privater Rachefeldzug gegen die «Pigs», die ihn gemobbt und verachtet hatten.

Manson köderte mit der Hippiekultur

Manson war ein klassisches Sorgenkind: Seine Mutter war eine 16-jährige, drogenabhängige Prostituierte, sein Vater unbekannt, seine Grossmutter eine religiöse Fanatikerin. Den grössten Teil seiner Jugend verbrachte er in Heimen und Gefängnissen, aber als er 1967 nach Verbüssung einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Zuhälterei wieder freikam, witterte er seine Chance. Im Gefängnis hatte er sich aus Scientology-Glaubenssätzen, Hopi-Mythen, Bibel- und Beatles-Zitaten ein krauses Weltbild zurechtgezimmert, mit dem er jetzt im Hippieviertel Haight Ashbury Jünger und vor allem Jüngerinnen um sich scharte. Die «Familie» feierte ihren Summer of Love mit LSD- und Sexpartys, ernährte sich aus Abfällen und fuhr im bunt bemalten Magical Mystery Bus nach Mexiko.

Manson war selber kein Hippie, aber er köderte und instrumentalisierte die Flower-Power-Kinder mit den Mythen und Kunstformen der Hippiekultur. Er war kein politischer Revoluzzer, kein Vorläufer Andreas Baaders, aber das Wort, das die Mörder vom Cielo Drive mit Blut an die Wände schrieben, tauchte ein paar Jahre später in den Manifesten der RAF auf: Pigs, Schweine. Im Prozess hatte seine Meisterschülerin Susan Atkins dem Establishment gedroht: «Verschliesst eure Türen, und passt auf eure Kinder auf.» Der Schock und die Paranoia, die damals nicht nur in Kalifornien umging, lösten sich bald wieder auf, aber das alte hedonistische Lust- und Sicherheitsgefühl sollte sich nie mehr einstellen. Das Schrecklichste an Mansons Morden war ja nicht die bestialische Brutalität, sondern ihre Sinnlosigkeit und Unbegreiflichkeit. Sektenführer, das lehrt die Geschichte, können ihre Jünger eher zum kollektiven Selbstmord als zu Serienmorden über Monate hinweg abrichten. Frustrierte, junge Männer, die von Hasspredigern in den Jihad geschickt werden oder selbstständig Amok laufen, machen Angst. Aber noch verstörender ist es, wenn ein Gruselclown mit stechenden Augen junge Mädchen dazu bringt, fröhlich lachend, ohne Schuldgefühl oder Reue, Menschen abzuschlachten.

Charles Manson starb am Sonntag, 19. November 2017, in Kern County, Kalifornien, eines natürlichen Todes. Er wurde 83 Jahre alt.

Erstellt: 20.11.2017, 10:45 Uhr

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