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«Der US-Präsident wird sich bald selber in den Fuss schiessen»

Homer Flynn, der Sprecher der anonymen Kultband The Residents, über Trump und die wohl letzte Tournee.

Die Band ist wichtiger als die einzelnen Musiker: Die Residents spielen Konzerte nur maskiert. Foto: Picture Alliance, Photoshot
Die Band ist wichtiger als die einzelnen Musiker: Die Residents spielen Konzerte nur maskiert. Foto: Picture Alliance, Photoshot

Viele Mythen umranken diese Band: The Residents irritieren seit mehr als 45 Jahren gängige Hörgewohnheiten, haben über 60 Tonträger veröffentlicht, gelten als die Erfinder des Videoclips, ihre Arbeiten gehören zur permanenten Kollektion des Museum of Modern Art in New York, und bis heute hat sich die Band ihre Anonymität bewahrt. Zwischenzeitlich kursierte das Gerücht, die Beatles steckten hinter der maskierten Gruppe, mal wurde gemunkelt, die Band schicke längst ihre Ehefrauen auf Tournee.

Unbestritten ist, dass The Residents aus San Francisco zu den Hoheiten der avantgardistischen Popmusik zählen. Ihre Klangcollagen aus den frühen Siebzigerjahren sind gut gealtert, ebenso ihre stets befremdlichen Reminiszenzen an die Populärkultur und ihre Lieder, die so wunderlich zwischen Schrulligkeit und Finsternis oszillieren. Lange Jahre gab es keine Interviews der Band. Erst seit einiger Zeit tritt der Künstler Homer Flynn sporadisch als Sprecher und Manager in Erscheinung. Zuverlässige Quellen behaupten, dass er der Sänger und Mitgründer der Residents ist. Es gibt Stimmanalysen und Urheberrechts-Abrechnungen, die dies beweisen sollen. Homer Flynn will auf dahingehende Fragen nicht eingehen. Doch sein Detailwissen ist zumindest leicht verdächtig.

Gehen wir ganz zurück zu den Anfängen der Residents. Waren sie eine Ansammlung von kalifornischen Hippies, von Experimentalmusikern oder von Kunst-Enthusiasten? Nun, es waren junge Menschen, die nach einer Richtung im Leben suchten. Einer arbeitete in einem Postbüro, einer im Spital, und irgendwann fiel einem von ihnen ein Tape-Rekorder in die Hände. Der hatte zwar nur zwei Kanäle, aber man konnte sie einzeln aufnehmen. Es war quasi eine sehr primitive Form eines Mehrspuren-Rekorders. Irgendwann übersommerte ein Freund bei ihnen, der einen ganzen Wohnwagen voller Instrumente mitschleppte. Diese Konstellation im Verbund mit einer grossen musikalischen Neugier und ein paar Drogenexperimenten hat dazu geführt, dass aus diesen Jungs The Residents wurde.

Wie sahen sie aus? Wie rochen sie? Sie gehörten zwar nicht der Hippie-Szene an, sahen aber so aus. Was sie verband war das Interesse an der Kulturszene der späten Sechzigerjahre. Da gab es viele Underground Comics, wilde Musik, und sie liebten Federico Fellini. Das erste Album «Meet the Residents» klingt wie eine grosse avantgardistische Bastelarbeit.

Wie hat man damals im Studio gearbeitet? Sie hatten damals natürlich kein Geld, um ins Studio zu gehen. Es wurde alles zu Hause zusammengebastelt. Sie waren keine begnadeten Musiker, es ging ihnen darum, aus dem Instrumentarium und den Tape-Schlaufen die erstaunlichsten Klänge herauszuholen. The Residents ist eine Band, die das Studio stets als wichtigstes Instrument begriffen hat.

Welche Auswirkungen hatten die Residents auf die Musikszene? Das ist schwer zu sagen. Die Residents sind immer eine obskure Band geblieben. Aber es gibt erstaunlich viele Musiker, die sich auf sie berufen.

Gab es Krisen in den 45 Jahren? Aber sicher. Mitte der Siebzigerjahre hatte sich die Band kurzzeitig aufgelöst. Es gab so einige dunkle Perioden.

Eine erstaunliche Renaissance erlebten die Residents Anfang der 80s. Als der Musiksender MTV gegründet wurde, gab es zwar jede Menge Sendeplätze, aber kaum Videoclips. Also liefen die abstrusen Filmchen der Residents in Heavy Rotation. Die Band hatte seit Jahren an der filmischen Umsetzung ihrer Musik geforscht und fand endlich eine Plattform dafür.

Chronisten bezeichnen The Residents als die Erfinder des Musikvideos. Die Residents haben sich tatsächlich nie auf die Musik reduziert. Sie haben den visuellen Aspekt immer als ähnlich wichtig begriffen. Es war bloss so, dass das Equipment für diese visuellen Arbeiten schwerer zugänglich war als die Musikinstrumente. Filme zu machen, war sehr teuer. Es hat die Band fast ruiniert.

Mit welchen Gefühlen betrachten Sie die Video-Industrie von heute? Die Verfügbarkeit der Technik befähigt jeden, auf seinem Handy einen Film oder ein Album zu produzieren. Die dunkle Seite davon ist, dass dermassen viel Schrott produziert wird, dass es schwierig ist, zum Guten vorzustossen.

Die Verfügbarkeit der Technik vereinfacht vieles. Sie macht es aber auch schwieriger, etwas Eigenständiges zu erschaffen. Ein wahrer Künstler hat eine klare Perspektive. Für ihn ist es einfacher geworden, mit den Möglichkeiten von heute seine Visionen umzusetzen. Für Künstler, die keine klare Idee haben, ist es eine Katastrophe. Sie drohen in einem Meer von Möglichkeiten zu ertrinken. Aber ich mag die Idee sehr, dass jeder kreativ sein kann. Ich komme aus einer Zeit, in der es wenige Pförtner gab, die entschieden haben, welche Musik es wert ist, veröffentlicht zu werden. Das Geld regierte alles. Musik wurde ausschliesslich von den grossen Plattenfirmen verwaltet. Und in dieser Welt schaffte es nur, wer ein kommerzielles Potenzial hatte. Heute stellt sich nur die Frage, wie man es schafft, vom Publikum entdeckt zu werden.

1980 haben die Residents das legendäre «Commercial Album» veröffentlicht, mit vierzig 1-Minuten-Songs, die drei Mal hintereinander abspielen sollte, wer einen Pop-Hit hören mochte. Die Band war der Meinung, dass ein Pop-Song ohnehin bloss die Wiederholung einer 1-Minuten-Idee sei. Auf späteren Alben begannen The Residents Lieder von Gershwin, James Brown, Elvis oder Hank Williams zu covern, und es wurde nie recht klar, ob es sich dabei um Abrechnungen oder Versöhnungen mit der Popkultur handelte.

Wie war in den Achtzigern ihre Beziehung zur Popmusik? Es war eine ewige Hassliebe. Vor dem «Commercial Album» hat die Band das Album «Eskimo» herausgebracht. Es war ein sehr experimentelles Album, an dem die Band fast vier Jahre lang arbeitete. Man wollte mit dem «Commercial Album» etwas schaffen, das zumindest oberflächlich betrachtet kommerziell ist. Was natürlich in keiner Weise zutraf.

Und die Coverversionen? Waren das Persiflagen? Man sah es als grosse Herausforderung, Musik von Leuten zu interpretieren, die man bewunderte. Und The Residents mochten die Idee, ihren Namen im selben Atemzug mit Elvis zu hören.

The Residents sind die Meister der Konzeptalben. Wie politisch ist die Band? Es war nie ein besonders wichtiger Part, auch wenn man vieles politisch auslegen konnte, was sie taten. Zum Beispiel ihr «Wormwood»-Album im Jahre 1998, in welchem es um sonderbare und dunkle Geschichten in der Bibel ging. Es war eine Zeit, in der die Konservativen begannen, viel Lärm in der amerikanischen Kultur zu produzieren. Der Umstand, dass deren Heiligenschrift so viele Aspekte der Menschlichkeit berührt – sowohl die besten wie die schlimmsten – war Anlass, sich in dieses Thema zu vertiefen.

Die amerikanischen Konservativen machen auch jetzt viel Lärm. Ist also bald ein Trump-Album von den Residents zu erwarten? Ich glaube nicht. Wir sind keine Trump-Freunde, das ist klar. Aber der wird sich bald selber in den Fuss schiessen, und dann ist die Sache ohnehin erledigt. Zuweilen schien es, The Residents würden das Weltgeschehen in fast dadaistischer Weise reflektieren.

Natürlich gibt es ein dadaistisches Bewusstsein in der Band. Doch der Dadaismus war eine Bewegung. The Residents bewegten sich stets ziemlich alleine durch die Kunstwelt. Allzu grosse Parallelen kann es also nicht geben.

Bleiben wir in der Schweiz: Ihre hauseigene Plattenfirma Ralph Records hat die ersten beiden Alben der Gruppe Yello veröffentlicht. Was haben sie in dieser Band gesehen? Die Idee hinter der Gründung der Plattenfirma war es, mit kommerzielleren Bands die Experimente der Residents zu quersubventionieren und sie vom Druck zu befreien, viele Alben verkaufen zu müssen. Yello hat das prima gemacht.

Hat Yello die Band reich gemacht? Leider hat es niemand geschafft, The Residents reich zu machen.

Warum wollten die Residents anonym bleiben? Man war der Meinung, dass die Band wichtiger war als die einzelnen Mitglieder. Also schuf man eine gesichtslose Fassade, und niemand musste irgendwelche Fragen beantworten.

Was ist die Seele hinter der Fassade? Das brennende Verlangen, etwas Einzigartiges zu kreieren. Und dies so frei wie möglich zu tun. Kreativität ist das Produkt, das entsteht, wenn dich das Leben durchdringt. Kreativität bedeutet also, sich dem Leben zu öffnen.

Vor einigen Tagen hat ein gewisser Hardy Fox erklärt, dass er ein Bandmitglied war, vom Anfang bis ins Jahr 2015. Heisst das, dass sich der Kern der Band aufgelöst hat? (leicht verunsichert) Hardy war sicher sehr involviert, er war auch der erste Tontechniker der Band. Aber ich kann zu seinem Weggang nicht mehr sagen.

Sie haben mit «The Ghost of Hope» gerade ein verstörendes neues Album produziert, das sich ausschliesslich um Zug-Unglücke dreht. Der Grundgedanke ist: Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Aus unerfindlichen Gründen üben Züge seit jeher eine grosse Faszination auf die Residents aus. Als wir uns in das Thema vertieften, wurde uns bewusst, dass es sich hier um eine Technologie handelt, welche einen riesigen Einfluss auf die amerikanische Kultur hatte. Und es war eine Technologie, die schneller wuchs, als dass sie kontrolliert und reguliert werden konnte. Es gibt also gewisse Parallelen zu heute.

Ist das Album Thema der laufenden Tournee? Nein. Hier geht es um Träume. Eine Geschichte handelt von Richard Nixon, der träumt, er sei ein Bluessänger, eine andere von John Wayne, der träumt, er sei eine Ballerina.

Die Bandmitglieder müssten längst im Pensionsalter sein. Ist das womöglich die letzte Residents-Tour? Um ehrlich zu sein: Seit etwa zehn Jahren, rechne ich damit, dass die Residents ihre letzte Tournee bestreiten. Gut möglich, dass dem nun tatsächlich so ist, aber irgendwie glaube ich trotzdem nicht daran.

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